Neukölln

Arbeitslose in Rot sollen Gewalt verhindern

In Neukölln patrouillieren 15 Arbeitslose, die Guardian Angels, im Auftrag des Jobcenters durch die Straßen. Sie sollen für Sicherheit sorgen. Im Gegenzug haben sie die Aussicht, auf einen Abschluss als Sicherheitskraft. Das Feedback ist positiv, denn sie sind höflich.

Foto: Glanze

Sie sind schon aus der Ferne gut zu erkennen: 15 Männer in knallroten Blousons und mit einem ebenso roten Barett auf dem Kopf. Sie marschieren die Karl-Marx-Straße entlang, grüßen die Ladenbesitzer und bieten ihre Hilfe an. „Gemeinsam gegen Gewalt“ steht auf der Rückseite der Jacken. Das gleichnamige Projekt wird vom Jobcenter und aus Mitteln des europäischen Strukturfonds bezahlt. 15 Stellen sind erst einmal für zwölf Monate bewilligt worden. „Beworben haben sich Hunderte“, sagt der Initiator Badr Mohammed.

Eine Rückkehr der Guardian Angels, die in den 80er-Jahren in ähnlichen Uniformen durch die Straßen liefen und gegen Gewalt und Verwahrlosung vorgingen – so sieht es aus, doch so will es Badr Mohammed nicht verstanden wissen. „Die Guardian Angels in den USA sind ehrenamtlich unterwegs“, sagt Mohammed. Gemeinsam gegen Gewalt ist dagegen ein Qualifizierungsangebot der Arbeitsagentur. Die Teilnehmer erhalten die Möglichkeit, einen Abschluss als Sicherheitskraft bei der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) zu erwerben. Ziel ist es, sie danach in der Sicherheitsbranche unterzubringen. Eine Teilnehmerin wurde bereits zu den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) vermittelt. Sie ist jetzt als Kontrolleurin angestellt.

Die anderen „roten Teufel"

Solche Pläne haben auch die anderen „roten Teufel“, wie die Patrouille vom Jobcenter schon auf den Straßen Neuköllns genannt wird. „Ich will in die Security“, sagt Christina Labes. Die 45-Jährige ist seit 2005 arbeitslos und hatte zuletzt einen 1,50-Euro-Job. Dann hörte sie von dem neuen Projekt in Neukölln und bewarb sich. 1300 Euro erhalten die Straßenarbeiter im Monat: 500 Euro zahlt das Jobcenter, 800 Euro kommen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

Im Januar startete das Projekt, seit Ende Februar sind die Helfer auf der Straße unterwegs. „Ich habe bislang nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Christina Labes. Badr Mohammed bereitet sie auf die anstehende Prüfung zur Sicherheitskraft vor. Das wird nicht einfach für die Frau, die wegen ihrer Prüfungsangst andere Ausbildungen bislang abgebrochen und zuvor als ungelernte Arzthelferin in einer Praxis gearbeitet hat.

Die rot gekleideten Männer und Frauen patrouillieren aber nicht nur durch Neuköllns Problemkieze zwischen Karl-Marx-Straße, Sonnenallee und Hasenheide, sondern fahren auch in den Bussen und U-Bahnen mit. Dabei geht es ihnen allein um Prävention. „Wir haben keinen Sicherheitsauftrag, sondern einen sozial-präventiven Auftrag“, sagt Badr Mohammed. Ihre Anwesenheit soll abschreckend auf mögliche Gewalttäter wirken und das Sicherheitsgefühl der Passanten stärken.

So wie an diesem Vormittag vor dem Rathaus Neukölln. Eine alte Frau mit Rollator hat Schwierigkeiten, die Straße zu überqueren, die roten Helfer bringen sie hinüber. Zufrieden schickt die Frau ihre andere Begleitung nach Hause. „Jetzt sind die Jungs ja da“, sagt sie.

Die Leute suchen die Nähe

Solche Reaktionen motivieren auch die Mitarbeiter. „Statt zu Hause zu sitzen, hilft man den Leuten, das ist super“, sagt Sanel Isamovic. Der gelernte Elektriker ist seit zwei Jahren arbeitslos und hofft ebenfalls auf eine Stelle im Sicherheitsbereich. „Die Leute suchen inzwischen unsere Nähe, das macht einen stolz.“

Das sieht Markus Wilka genauso. Der 35-Jährige ist Vater von vier Kindern. „Man will den Kindern ja etwas vorleben“, sagt er. Ein Freund sei von Anfang an dabei gewesen, dann sei er selbst zur Probe mitgelaufen und habe sich schließlich beworben. „Die Arbeit ist interessant und vielseitig“, sagt Wilka. Außerdem hat er nun wieder einen strukturierten Arbeitsalltag, von dem die gesamte Familie profitiert.

Neben der Patrouille auf den Straßen und im öffentlichen Nahverkehr erfüllen die Helfer auch andere Aufgaben. Das Wichtigste sei, sich im Kiez zu vernetzen, sagt Badr Mohammed. So suchen die Frauen und Männer den Kontakt zum Quartiersmanagement, zum Ordnungsamt und zum zuständigen Polizeiabschnitt 55. Einmal in der Woche steht Sport auf dem Programm. Die Polizei habe angeboten, Fortbildungen und ein Antiaggressionstraining mit den Teilnehmern durchzuführen, sagt Badr Mohammed. Das sieht die Polizei allerdings noch etwas anders. Es habe ein erstes Gespräch gegeben, zu weiteren Kontakten sei es bislang noch nicht gekommen, sagt ein Polizeisprecher auf Anfrage.

Freundliche Ausstrahlung ist wichtig

Badr Mohammed hofft dennoch auf die Unterstützung der Polizei. Bislang schult er das Auftreten seiner 15 Schützlinge. „Es ist wichtig, dass sie eine freundliche Ausstrahlung haben“, sagt er. Deswegen achtet er auf das Äußere seiner Mitarbeiter. Sie sollen sich höflich, aber verbindlich im Straßenbild bewegen. Wer nicht pünktlich bei der Arbeit erscheint, fliegt raus.

Ein ähnliches Projekt wie die roten Teufel in Neukölln hat der SPD-Integrationspolitiker Raed Saleh bereits in Spandau ins Leben gerufen. Dort gehen Jugendliche zusammen mit der Polizei auf Streife – ehrenamtlich. So erhoffen sich die Behörden, besser auf die schwierigen Jugendlichen im Bezirk einwirken zu können. Und noch ein Unterschied besteht zu dem Neuköllner Projekt: Dort setzt Badr Mohammed vor allem auf ältere Arbeitslose. Die Mitarbeiter sollen über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen, um in problematischen Fällen die Ruhe zu bewahren. Bislang war das jedoch nicht nötig. „Wir erhalten nur positive Reaktionen“, sagt Mohammed. Die Ziele sind in Spandau wie in Neukölln jedoch die gleichen: Ängste abbauen, die Identifikation stärken und Gewalt vorbeugen.

Freitags treffen sich die roten Teufel vor den Moscheen Neuköllns. „Wir bitten die Besucher, nicht in zweiter Spur zu parken“, sagt Mohammed. Das Gleiche machen sie morgens vor den Schulen. Notorischen Parksündern drohen sie mit dem Ordnungsamt. Zu mehr als einem höflichen Appell sind die 15 Mitarbeiter aber nicht befugt.

Die allseits positiven Erfahrungen im Bezirk teilt Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) offenbar nicht. Er habe noch nicht auf seinen Brief geantwortet, erzählt Badr Mohammed. Obwohl die roten Teufel täglich auch vor dem Rathaus Neukölln patrouillieren.