Wahlprogramm

Grüne - Im Westen Berlins sollen Trams fahren

Im Westen könnte bald eine neue Straßenbahn fahren - so wollen es zumindest die Grünen. 400 Millionen Euro veranschlagt die Partei für ihren "Masterplan Tram". Im Gegenzug soll bei der Busflotte erheblich gespart werden.

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Der Mittelstreifen der Tauentzienstraße ist eine Baustelle. Es graben: die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Der U-Bahn-Tunnel unter der Straße ist undicht und wird saniert. Ein Dauerärgernis für Autofahrer, Anwohner und Gewerbetreibende. Geht es nach den Berliner Grünen, könnten Bagger im Auftrag der BVG in einigen Jahren wieder die Mittelpromenade der Einkaufsstraße aufwühlen, diesmal allerdings nicht für die U-Bahn.

Wie zuletzt in den 60er-Jahren soll langfristig wieder die Straßenbahn durch die City-West rollen. M9 soll die Metrotramlinie heißen, die den Hermannplatz zunächst im Westen mit Wittenbergplatz und Zoo und später im Osten mit dem Rathaus Köpenick verbindet. Gesamtlänge: 13,7 Kilometer. Geschätzte Baukosten 140 Millionen Euro.

Die Tram zum Wittenbergplatz ist nur eine von insgesamt sechs Straßenbahn-Neubaustrecken, die die Grünen mittel- bis langfristig realisiert sehen wollen. Das Konzept nennt sich „Masterplan Tram“ und ist Bestandteil des Wahlprogramms der Partei für die Wahl zum Abgeordnetenhaus im September. Das Gesamtpaket würde nach Schätzungen der Grünen etwa 400 Millionen Euro für den Bau kosten.

Hinzu kämen im ersten Schritt Kosten für zusätzliche Züge von etwa 15 Millionen Euro. Die weiteren Neuanschaffungen von Fahrzeugen würden den BVG-Etat nach Einschätzung der Grünen nicht mehr belasten, weil im Gegenzug bei der Busflotte gespart werden könnte.

Damit wäre der gesamte Masterplan billiger als die veranschlagten 433 Millionen Euro für den nur 2,2 Kilometer langen Lückenschluss der U-Bahn-Linie U5 zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor oder die 420 Millionen Euro für den 3,2 Kilometer langen Weiterbau der Stadtautobahn A100 bis Treptow.

Fraglich ist allerdings, wie verlässlich die Kostenschätzungen der Grünen sind. So veranschlagen sie etwa für die Verlängerung der Straßenbahn vom Alexanderplatz zum Kulturforum etwa 35 Millionen Euro. Der Senat schätzt die nötigen Investitionen auf 47 Millionen Euro. Die Quellen der eigenen Berechnungen verraten die Grünen nicht. Sie stammten von entsprechend qualifizierten Parteimitgliedern und seien „wissenschaftlich unterlegt“, versichert Grünen-Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling.

Tram soll nach Steglitz fahren

Preiswert, effizient, wirtschaftlich und klimafreundlich sei die Straßenbahn, bilanziert Hämmerling. Zudem biete die Tram die größten Potenziale, um zusätzliche Fahrgäste für den öffentlichen Nahverkehr zu gewinnen und die Stadt damit vom Autoverkehr zu entlasten. Vorausgesetzt, sie fährt dort, wo die Kunden sind und wo sie hinwollen. Vorausgesetzt, sie fährt schnell, auf eigenen Trassen und mit Vorrangschaltungen an den Ampeln. Vorausgesetzt, sie schafft neue attraktive Verkehrsverbindungen.

Die Vorschläge der Grünen decken sich zum Teil mit den mittel- bis langfristigen Planungen des Senats, die im Entwurf für den Stadtentwicklungsplan (StEP) Verkehr bis 2025 stehen. Teilweise schlagen die Grünen aber auch völlig neue Strecken wie die Tram in die City-West oder eine Verbindung von Pankow nach Moabit vor (siehe Info). Mittelfristig plant der Senat ebenfalls sechs Tram-Neubaustrecken, langfristig noch neun weitere. Für Hämmerling beinhaltet der StEP damit ein „Sammelsurium von Maßnahmen“ ohne klare Prioritätensetzung.

Für ihre sechs Trassen haben die Grünen nach eigenen Angaben die Wirtschaftlichkeit und den verkehrspolitischen Nutzen errechnet. Mit teilweise überraschenden Ergebnissen. So würde sich eine Straßenbahn vom Potsdamer Platz zum Wittenbergplatz sogar lohnen, obwohl die U-Bahn-Linie U2 parallel fährt. Die höchste Priorität haben aber zwei andere Projekte, die die Straßenbahn ebenfalls zurück in den Westteil der Stadt bringen würden – die Verlängerung der Linien M10 und M13 von der Warschauer Straße in Friedrichshain zum Hermannplatz in Neukölln und die Verlängerung der Linie M4 bis Steglitz.

Beide plant auch der Senat – allerdings in ganz anderen Zeiträumen als die Grünen. Die im StEP ab 2014 vorgesehene Verlängerung der Tram vom Alexanderplatz zum Kulturforum soll nach Hämmerlings Ansicht sofort in Angriff genommen werden. Den 3,4 Kilometern von Mitte nach Tiergarten soll eine weitere, sieben Kilometer lange Neubaustrecke folgen – über die Potsdamer Straße, die Hauptstraße und Rheinstraße bis zur Schlossstraße am Rathaus Steglitz.

Pro Tag 42.000 zusätzliche Fahrgäste

Schon vor Jahren hatten Forscher der Technischen Universität (TU) die Wirtschaftlichkeit der Trasse ebenfalls untersucht, mit positivem Ergebnis. Die Grünen gehen davon aus, dass allein dieser Neubau der BVG täglich 42.000 zusätzliche Fahrgäste bescheren könnte. Gleichzeitig könnte die dicht getaktete Buslinie M48 eingespart oder umgeleitet werden.

Hämmerlings Fazit: Die Straßenbahn nach Steglitz wäre „eine Lizenz zum Gelddrucken“. In zwei bis drei Jahren könnte der Bau nach ihrer Schätzung beginnen. Wenn die Bagger anrollen, soll unmittelbar die Vorbereitung für den zweiten Abschnitt beginnen. Der Senat will den Abschnitt bis zum Kulturform frühestens in drei Jahren in Angriff nehmen, für den Rest der Strecke bis Steglitz gibt es ebenso wenig einen Zeitplan wie für die Tram von Friedrichshain nach Neukölln.