Brände in Neukölln

Polizei erhöht Belohnung auf 25.000 Euro

Die Serie von Brandstiftungen in Neukölln reißt nicht ab: Am Freitag brannte ein Sofa in einem Treppenhaus. Die Berliner Polizei reagiert: Die zuständige Ermittlungsgruppe wird auf 37 Beamte aufgestockt, dazu wird das Belohnungsgeld auf 25.000 Euro erhöht.

Nachdem vor einer Woche drei Menschen an der Sonnenallee starben und am Mittwoch fünf Menschen an der Erlanger Straße zum Teil schwer verletzt wurden, hat am Freitagmorgen ein im Treppenhaus abgestelltes Sofa in einem Wohnhaus an der Onckenstraße gebrannt. Verletzt wurde in diesem Fall niemand. Die Polizei reagierte auf den neuerlichen Vorfall und stockte die Ermittlungsgruppe „Sonnenallee“ auf insgesamt 37 Beamte auf.

Brandexperten und Angehörige zweier Mordkommissionen arbeiten unter Hochdruck daran, die Täter zu ermitteln. Bis Freitag gingen insgesamt elf Hinweise zu der Brandstiftung an der Sonnenallee ein, bei der unter anderem ein erst neun Tage alter Säugling gestorben war. Eine echte Spur hat sich daraus aber bisher nicht ergeben. Die Belohnung wurde auf 25000 Euro erhöht. Innensenator Ehrhart, der sich in diesem Zusammenhang bislang für eine freiwillige Installation von Rauchmeldern ausgesprochen hatte, will sich für eine gesetzliche Bestimmung einsetzen, wenn seine Appelle bis Ende des Jahres „nicht erkennbar Wirkung“ zeigten.

Tatort Onckenstraße, Freitag, 8.25 Uhr: Die Feuerwehr wird alarmiert, dem Notruf zufolge sollen Menschen in Gefahr sein. Ein Sofa im Treppenhaus brennt, die Rauchentwicklung ist enorm. Das gesamte Treppenhaus in dem 13 Etagen hohen Haus ist verqualmt. Die Flammen zerstören große Teile des Hausflures, Ruß schwärzt ihn von der siebten bis in die 13.Etage. Fensterscheiben sind durch die Hitze geplatzt. Löschwasser steht auch noch Stunden später auf den Fluren. Die Bewohner haben Glück: Sie können in ihren Wohnungen bleiben. Nach etwa 20Minuten haben die Einsatzkräfte den Brand unter Kontrolle, Feuerwehrmänner überprüfen daraufhin 19 Wohnungen. Verletzte oder hilflose Mieter werden dabei icht entdeckt. Gegen 10.20Uhr beendet die Feuerwehr ihren Einsatz an der Onckenstraße.

Die Beamten des Landeskriminalamtes überprüfen nun einen möglichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Taten. Ob es sich um einen Serienbrandstifter oder um Gelegenheitstäter handelt, ist noch unklar. Nach Angaben von Polizeisprecher Frank Millert unterscheiden Experten vier Kategorien von Brandstiftern. „Es gibt den Versicherungsbetrüger, den gelangweilten Jugendlichen, den Täter mit persönlichem Motiv und den sogenannten Pyromanen, der Feuer um des Feuers willen legt“, so der Sprecher. „Bei diesem Typus ist es für die Kollegen sehr schwer, einen Ermittlungsansatz zu finden, weil der Täter wahllos agiert und nicht nach einem bestimmten Verhaltensmuster. Wenn der Unbekannte nicht zufällig von Zeugen gesehen wird oder sich im Bekanntenkreis mit seinen Taten rühmt, gestalten sich die Ermittlungen sehr schwierig.“

Trotz der Häufung der Brandstiftungen versucht die Polizei zu beruhigen: Auch wenn es jetzt so aussehe, gäbe es keinen Anstieg der Taten. „Pro Woche wird in Berlin ein Kinderwagen angesteckt, leider.“ Auch den auf Kinderwagen spezialisierten Brandstifter gibt es nach Angaben der Pressestelle nicht. Gelegentlich gibt es Fälle, in denen sie angezündet werden, um gezielt den Eigentümern zu schaden. Zumeist ist jedoch davon auszugehen, dass die Täter Kinderwagen in frei zugänglichen Hausfluren stehen sehen und sie dann wegen ihrer leichten Brennbarkeit in Flammen aufgehen lassen. Und: Die Brandstifter wohnen nicht in den Häusern, in denen sie Feuer legen.

Trotz aller Besonnenheit gibt es große Sorgen bei den Ermittlern. „Wir haben es entweder mit einem skrupellosen Serientäter zu tun oder mit Menschen, die trotz der schrecklichen Vorfälle der Vergangenheit wieder Brände legen“, so ein Beamter. „In beiden Fällen bedeutet dies, dass die Taten nicht enden werden, bis wir die Verbrecher gestellt haben. Leider können wir nicht ausschließen, dass es weitere Opfer geben wird.“

In Neukölln geht nicht nur die Angst um, sondern auch die Wut. „Sollten wir den Brandstifter bei einer seiner Taten beobachten, kann er nur hoffen, dass andere die Polizei rufen, und dass diese schnell kommt“, sagen drei junge Männer türkischer Herkunft. „Wer hier Unschuldige tötet und andere Menschen in Lebensgefahr bringt, muss damit rechnen, selbst in Gefahr zu geraten“, so einer von ihnen. Ein Beamter warnt jedoch vor Selbstjustiz. Für das Stellen und Verurteilen von Straftätern seien die Sicherheitsbehörden zuständig.

Der Schreck nach dem Zwischenfall an der Onckenstraße von Freitagmorgen sitzt bei Hausbewohnern und Nachbarn immer noch tief. „Eine Couch brennt nicht von allein, die muss jemand gezielt angesteckt und dabei Todesopfer in Kauf genommen haben. Anders kann ich mir nicht erklären, wie jemand nach den vielen Opfern der vergangenen Tage Feuer in einem Mehrfamilienhaus legen kann“, sagt Dieter Dickmann. Dem 70-Jährigen ist es offenbar zu verdanken, dass niemand zu Schaden gekommen ist.

„Eine Nachbarin hatte bei mir geklopft, ich habe sofort die Feuerwehr angerufen. Als ich noch einmal aus der Tür schaute, sah ich den Flammenschein und bekam Angst. Ich habe meine Wohnungstür geschlossen und bin in Richtung Balkon gegangen“. Dickmann erinnert sich an einen Vorfall vor eineinhalb Jahren – denn das Haus wurde nicht zum ersten Mal Ziel von Brandstiftern. „Damals hatte jemand Feuer im Müllschlucker gelegt. Deswegen habe ich in meiner Wohnung Rauchmelder installiert, damit ich nicht vom Qualm überrascht werden kann.“

Hauptbrandmeister Sven Gerling von der Berliner Feuerwehr sagte der Berliner Morgenpost, dass Brandstifter generell unverschlossene Wohngebäude bevorzugen würden. „Daher ist es sehr wichtig, die Haustüren immer geschlossen zu halten. Die Eingänge dürfen jedoch nicht richtig abgeschlossen werden, damit im Notfall die Rettungsmaßnahmen der Einsatzkräfte nicht behindert werden“, so Gerling weiter. Außerdem sollten Mieter auch nicht jedem ungefragt die Haustür öffnen. Über eine Gegensprechanlage könne man sich vergewissern, wem Zutritt gewährt wird. So werde es Brandstiftern erschwert, unbemerkt ins Haus zu gelangen.