Frauenmangel

TU Berlin sucht mehr Technik-Mädchen

Der Technoclub der TU hat nichts mit Musik zu tun. Die Initiative will an Berlins Schulen junge Frauen für technische Studiengänge begeistern. Probevorlesungen sollen die Angst vor der vermeintlichen Männerdomäne nehmen.

Foto: Amin Akhtar

Nur Mädchen sitzen heute im Chemiesaal des Lessing-Gymnasiums in Reinickendorf. Die männlichen Klassenkameraden sind im Unterricht, bei der Vorstellungsrunde vom Technoclub sind sie nicht erwünscht. Hier geht es nur um junge Frauen und deren berufliche Zukunft. Etwa zwanzig Zwölftklässlerinnen haben sich deshalb in den Sitzreihen unter der Tafel des Periodensystems eingefunden. In den umstehenden Vitrinen sind Mikroskope, Fläschchen mit Magnesium und anderen Elementen – sie werden heute allerdings nicht gebraucht. Gespannt blicken die jungen Frauen zu Julia Klomfaß und Veronika Szwedowski, beide Studentinnen der Technischen Universität Berlin. Sie leiten die Vorstellungsrunde des Technoclubs am Lessing-Gymnasium.

Technoclub – das hört sich nach Musik an, allerdings geht es um wesentlich ernstere Themen als Party. Der Club wird von der Technischen Universität Berlin organisiert, vom Zentrum für Frauenforschung. Ziel ist es, Schülerinnen für technische Studienfächer zu begeistern und ihnen die Angst vor der vermeintlichen Männerdomäne zu nehmen. Wer von den Mädchen heute in den Technoclub eintritt, wird im nächsten Semester öfter mal an Veranstaltungen an der Charlottenburger Hochschule teilnehmen dürfen. An Probevorlesungen etwa, bei Projekten im TU-Flugsimulator oder einem Workshop im Fachbereich Robotik.

Die meisten haben schon Pläne

Die Mädchen im Chemieraum des Lessing-Gymnasiums wirken zunächst wenig interessiert. „Wir hatten neulich schon mal eine Studienberatung“, sagt eine Zwölftklässlerin und lümmelt auf ihrem Sitz herum. „Ist nicht das Gleiche“, entgegnet Julia Klomfaß. Bei der Vorstellungsrunde geht es auch um den Studienalltag. Zunächst will die Umwelttechnik-Studentin von den Schülerinnen wissen, welchen Beruf sie später ergreifen wollen.

Etwa fünf der rund zwanzig Anwesenden nennen auf Anhieb „Medizin“ als Berufswunsch. „Was mit Sprachen“ ist aber auch eine beliebte Antwort. Nur wenige der Schülerinnen haben noch keine konkreten Pläne für die Zeit nach dem baldigen Abitur.

Kultur- und Sprachwissenschaften, Medizin, Lehramt oder Sozialwissenschaften sind laut Statistischem Landesamt Berlin-Brandenburg die beliebtesten Studienfächer von Frauen. Maschinenbau – für Jungs nach BWL der zweite Favorit – zieht Frauen nicht an, ebenso wenig wie Elektrotechnik und Informatik. Im Studiengang Elektrotechnik sind an der TU nur etwa zehn Prozent der Studierenden weiblich, im Fach Maschinenbau etwa 15 Prozent.

Geld und Macht interessiert Frauen an ihrem späteren Beruf eher weniger. Eine Langzeitstudie mit 21000 Teilnehmern des Hochschulmagazins Unicum zeigt, dass Frauen ethische Werte und der Spaß im Beruf wichtiger sind. Warum also Elektrotechnik studieren? Dass in diesem Bereich nach dem Studium eine Arbeitsstelle aufgrund des Fachkräftemangels nahezu garantiert ist, scheint Frauen nicht zu locken.

Vorlesungen sind praktisch ausgelegt

Die angehende Umwelttechnikerin Julia Klomfaß ist ein gutes Beispiel dafür, dass es durchaus sinnvoll ist, einen technischen Beruf anzustreben. „Ich spezialisiere mich auf Boden- und Wasserreinhaltung“, sagt sie. Das sei besonders in Regionen der Erde wichtig, in denen das Wasser knapp ist und eine Verseuchung lebensbedrohlich für die Bevölkerung wäre. Und Julia Klomfaß kennt noch ein weiteres überzeugendes Argument.

„Eine Vorlesung in Mathe hat gar nichts mit Matheunterricht in der Schule zu tun“, sagt die 24 Jahre alte Studentin. Gleiches sei in Physik der Fall, sagt Veronika Szwedowski, die bereits im fünften Semester Physik studiert. Schon am Anfang des Studiums gehe man ins Labor und dürfe experimentieren. Auch die Vorlesungen seien eher praktisch ausgelegt.

Die Schülerinnen des Lessing-Gymnasiums werden hellhörig. „Naturwissenschaftlichen und technischen Unterricht finde ich schon sehr anstrengend“, sagt Zehra Yilmaz (16). Man müsse so viel dafür lernen. Die Mädchen in ihrer Klasse seien im Unterricht tendenziell schlechter als die Jungs. Leider sind junge Frauen oft abgeschreckt von Technik. Schon im schulischen Physikunterricht steigen viele aus. Grund sei unter anderem, dass Mädchen und Jungs anders mit dem Lernstoff umgingen.

„Junge Männer gehen in ein Labor und beginnen sofort zu experimentieren. Schülerinnen sind zurückhaltender, sie eignen sich zunächst das benötigte Wissen an“, erklärt Julia Klomfaß. Wissenschaftlich erfolgreich seien deshalb vor allem gemischte Teams, die Vorsicht der Frauen werde durch die männliche Experimentierfreude ausgeglichen. Die Schülerinnen des Lessing-Gymnasiums sind überzeugt. Alle melden sich für den Technoclub an. Selbst wenn sie nichts Technisches studieren wollen – hier haben sie die Möglichkeit, mal einen Uni-Campus zu besuchen.

Samra Grosic, die zu Beginn der Veranstaltung noch keine Idee für ihre Zukunft hatte, sagt nun sogar, dass sie sich ein Chemiestudium vorstellen könnte. „Da lernt man, wie die Welt funktioniert. Etwa, dass Licht nicht nur ein weißer Strahl ist, sondern aus vielen Farben besteht“, sagt die 16 Jahre alte Schülerin.