Straßen-Umbau

Anwohner hängen an unfertiger Kastanienallee

Die Anwohner der Kastanienallee schätzen den morbiden Charme ihrer Straße. Trotz des großen Widerstands sollen Sanierung und Umgestaltung jetzt beginnen: mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger, weniger Parkplätze und keine Bürgerbefragung.

Foto: Amin Akhtar

Morbider Charme lockt Touristen an. In Kubas Hauptstadt Havanna ebenso wie in Vietnams Metropole Saigon. Und genau das ist es, was sich Anwohner und Gewerbetreibende auch vom Ist-Zustand der Kastanienallee in Prenzlauer Berg weiterhin wünschen. Sie kämpfen, organisiert in zwei Bürgerinitiativen, um eben dieses „Heruntergekommene“ in ihrem Kiez. Ihr vermeintlicher Gegner dabei: das Bezirksamt und Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne). Für rund 1,5 Millionen Euro will der eine der bekanntesten Straßen Berlins verändern lassen. Ob das nun positiv oder negativ ist, darum schwelt seit mehreren Monaten ein heftiger Streit. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Pankow hat am Mittwoch mit großer Mehrheit die geplante Sanierung und Umgestaltung der Kastanienallee erneut bestätigt. Zudem entschied die BVV, dass es keine Bürgerbefragung zu den umstrittenen Bauarbeiten geben wird. Die BVV hat zwei Anträge der Initiative „Stoppt K21“ und „Nur zu! Pankow!“ abgelehnt. Ein Antrag der Grünen-Fraktion, der eine öffentliche Anhörung zum Bauvorhaben vorschlägt, fand ebenfalls keine Mehrheit.

Geht der Protest jetzt erst richtig los, soll Widerstand geleistet werden, oder gibt man sich gelassen und versucht, das Beste aus der Situation zu machen?

Am Donnerstag, dem Tag nach den Entscheidungen, ist die Sanierung das Thema entlang der Kastanienallee. „Natürlich sind wir enttäuscht. Jetzt werden wir alle Anträge und die Einhaltung von Fristen von Juristen überprüfen lassen“, sagt Graciella Abati-Bilbao, aktive Mitstreiterin bei „Stoppt K21“. „Dann werden wir sehen, ob einzelne Bauabschnitte eventuell mit Eilanträgen gestoppt werden können.“

Bürgersteige werden breiter

Für Baustadtrat Kirchner hingegen ist die Sache klar. „Kein einziger Bürgerantrag hat auch nur eine einzige Stimme erhalten“, sagt er. „Es war eine einstimmige Bestätigung der gesamten Planung.“ Und damit ist aus seiner und aus der Sicht des Bezirksamtes der Weg für die längst überfälligen Bauarbeiten frei. Die Fahrbahn wird derart umgebaut, dass sich in der Zukunft Autos und Straßenbahn pro Fahrtrichtung eine Spur teilen. Dafür bekommen die Radfahrer rechts und links einen eigenen 1,50 Meter breiten Fahrstreifen. Insgesamt aber soll die Breite der Fahrbahn von 11,28 Metern auf 9 Meter verringert werden. Nach Angaben Kirchners würden dann auch die Bürgersteige breiter gestaltet werden. Das ist aber nur möglich, da die Autos nach Beendigung der Arbeiten nicht mehr parallel zum Straßenrand, sondern in Parkbuchten stehen werden. Die Zahl der Stellplätze würde sich um rund 40 Prozent verringern, sagt der Stadtrat.

Und damit beginnt die lange Liste von Gegenargumenten der Umbaugegner. Gewerbetreibende befürchten Umsatzeinbußen durch fehlende Parkplätze. Andere Händler, wie Gastwirte, Modeläden und Fahrradhändler bangen um ihre Außenflächen, da dort Parkbuchten entstehen werden. Nach Angaben der Händler würden knapp auf der gesamten Länge der Allee rund 180 Quadratmeter Bürgersteigfläche wegfallen.

„Es sollte so bleiben, wie es ist“, sagt Ömer Burc. Er verkauft unter anderem T-Shirts für Touristen und muss seine Ware auf den Bürgersteig stellen, da sein Laden im Souterrain liegt. „Und wenn noch mehr Parkplätze wegfallen, habe ich noch weniger Umsatz. Das spüre ich schon seit hier die Parkraumbewirtschaftung eingeführt wurde.“ Ähnliche Sorgen hat ein anderer Ladenbesitzer, der seinen Namen nicht nennen möchte. Er befürchtet aber auch, dass das Flair der Straße verloren geht. „Das ist es doch, was die Touristen hierher lockt“, sagt er. „Davon leben wir.“ Auch habe er eine ähnliche Situation vor Jahren in Mitte erleben müssen. „Da wurde entgegen aller Versprechen wesentlich länger gebaut als geplant und schließlich sind die Mieten unbezahlbar gewesen.“

Sandra Strieß, eine ehemalige Anwohnerin, freut sich hingegen über den Umbau. „Das Fahrrad fahren war wirklich kein Spaß zwischen den Autos und Straßenbahnen“, sagt sie. „Ich bin immer wieder auf den Fußweg ausgewichen. Es ist zu gefährlich.“ Für zu gefährlich hingegen halten Kritiker die Lösungen des Baustadtrats. Ihrer Meinung nach würden Lieferfahrzeuge die Radstreifen blockieren, Radler müssten immer wieder ausweichen. Kirchner wiederum hält die Umbau-Variante für sinnvoll, da die Radfahrer nicht mehr in der Mitte der Straße fahren müssten.

Wasserbetriebe arbeiten schon

„Einfach die Straße dicht machen und wie in Holland eine Fahrradstraße einrichten“, äußert sich ein Gast vor einem Lokal in der Mittagssonne. „Das ist doch egal, wie breit ein Bürgersteig ist“, sagt George Leuner. In Rom zum Beispiel würde sich auch alles auf engstem Raum abspielen.

Die Berliner Wasserbetriebe sanieren bereits seit vergangenem Jahr ihre Leitungen und erneuern die Entwässerungsanlagen. „Wenn der Boden frostfrei ist, werden diese Arbeiten beendet“, sagt Kirchner. „Anfang April beginnen wir mit den neuen Gehwegen.“ In dann insgesamt sechs Bauabschnitten für je drei Monate soll gebaut werden. Erst wenn ein Teilstück der Allee komplett fertig ist, wird mit dem nächsten begonnen.

„Diese Art des Bauens ist etwas Besonderes, aber auch deutlich teurer“, erklärt Kirchner. „Dadurch wird aber die Belastung für die Anwohner und Gewerbetreibenden auch viel geringer ausfallen.“ Werde einer der insgesamt sechs Abschnitte umgebaut, wäre an den restlichen fünf Teilstücken Ruhe. „Wir versuchen alle Interessen der Gewerbetreibenden zu berücksichtigen.“ Kirchner weist auch auf einen Ausgleichsfond der Senatsverwaltung hin. Aus diesem könnten wirtschaftliche Einbußen, die durch Straßenbauarbeiten entstehen, aufgefangen werden. Begonnen wird mit den Arbeiten im südöstlichen Bereich an der Schwedter Straße. Dann soll der Umbau bis 2012 dauern. Die 1,5 Millionen Euro Kosten werden zum größten Teil aus Denkmalschutz-Mitteln bezahlt. Das Bezirksamt hat angekündigt, dass der Straßenverkehr während der gesamten Bauzeit in beiden Richtungen aufrecht erhalten bleibt.

Und nicht gegen alle Arbeiten regt sich de Protest. „Wir möchten nicht als die Gegen-Alles-Fraktion verstanden werden“, sagt Abati-Bilbao. „Allen technisch notwendigen Instandsetzungen, wie zum Beispiel neuen Wasserleitungen und dem Erhalt der denkmalgeschützten Bürgersteige stimmen wir zu.“ Den verschiedenen Initiativen die sich gegen den Umbau aussprechen geht es nicht nur um die Straße, sondern auch darum, dass sie ihrer Meinung nach nicht ausreichend angehört worden sind. Daher auch die Ankündigung von „Stoppt K21“ – entstanden in Anlehnung an Stuttgart 21 – möglichst schnell alles noch einmal juristisch prüfen lassen zu wollen.

Einer der prominentesten Gegner des Umbaus der Kastanienallee äußerte sich vor einigen Wochen gegenüber Morgenpost Online sehr deutlich. „Eine glatte Scheiße wird das nach der Sanierung“, sagt Dr. Motte, Erfinder der Love Parade. Er hat sein Büro an der Allee und hatte gleich noch eine Idee für diesen Ort. Ihm wäre es am liebsten, man würde die ganze Straße unter Denkmalschutz stellen und alles solle so bleiben, wie es ist.