Feuerdrama Neukölln

"Als ich Schreie hörte, bin ich aufgewacht"

Einem Tag nach dem Wohnungsbrand in der Sonnenallee verdichten sich die Hinweise auf eine Brandstiftung - die Polizei hat das Haus gesperrt. Die Anteilnahme der Anwohner ist unterdessen groß.

Am Tag nach dem verheerenden Wohnungsbrand im ersten Hinterhaus an der Sonnenallee 18 in Neukölln ist die Polizei sich sicher, dass ein absichtlich in Brand gesteckter Kinderwagen die Katastrophe ausgelöst hat. Der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, wollte aber zunächst keine weiteren Angaben über Motive und Hintergründe der Brandstiftung machen. „Das wären Spekulationen“, sagte er. In den vergangenen Monaten hatten Unbekannte in Berlin immer wieder in Kellern oder in Hausfluren Feuer gelegt. In den Morgenstunden des Sonnabends waren in dem Haus an der Sonnenallee ein Mann, eine Frau und ein erst neun Tage alter Säugling ums Leben gekommen.

Inzwischen ermittelt die Mordkommission in dem Fall. Der Tatvorwurf gegen die noch unbekannten Täter: Mord in drei Fällen sowie schwere Brandstiftung. Insgesamt wurden 31 Personen, die zum großen Teil türkische und bosnische Wurzeln haben, in Sicherheit gebracht. Bei den Todesopfern handelt es sich um eine Familie aus Bosnien: Der Säugling und seine 26 Jahre alte Mutter sowie der 28-jährige Bruder der Frau. Die Mutter und ihr Kind starben in der Wohnung des Mannes im ersten Stock. Der 28-Jährige konnte noch aus dem Fenster springen, starb aber wenig später.

Bewohner des Hauses sagten der Berliner Morgenpost, dass in den Treppenhäusern regelmäßig große Mengen von Zeitungen gelagert würden, bevor sie von in dem Haus lebenden Austrägern verteilt werden. „Wenn diese auch noch Feuer gefangen haben sollten, ist der Ausgang der Tragödie kein Wunder.“ Wie die Polizei mitteilte, hätten Untersuchungen des Brandortes ergeben, dass durch die Hitzeinwirkung mehrere Treppenhausfenster platzten, wodurch die Sauerstoffzufuhr erhöht wurde und sich der Brand im gesamten Treppenhaus ausbreiten konnte.

Durch die Rauchentwicklung alarmiert, öffneten mehrere Mieter ihre Wohnungstüren, wodurch es zu einem sogenannten Kamineffekt kam und die Flammen auch auf die Wohnungen übergriffen. Den Bewohnern stand daraufhin nur noch der Fluchtweg durch die Fenster offen. Dank dem beherzten Eingreifen eines türkischstämmigen Mannes, der ihnen dabei half, seien nicht noch mehr Menschen ums Leben gekommen. Der Helfer liegt verletzt im Krankenhaus.

Tür zum Hinterhof immer offen

Unterdessen ist die Anteilnahme in der Nachbarschaft groß: Immer wieder kommen am Sonntag Menschen an die Haustür und legen Kerzen oder Blumen vor dem Eingangstor an der Sonnenallee 18 nieder. Die Bäckerei im Erdgeschoss der Sonnenallee 18 ist zu einem Treffpunkt für Trauernde geworden. Von dort war am Sonnabend auch kurz nach 5.30 Uhr der erste Notruf an die Polizei gegangen. „Mein Chef rief laut aus der Backstube, dass es im Hinterhaus brennt“, sagt eine Verkäuferin des Ladens. Ungefähr 15 Minuten später war die Feuerwehr zur Stelle.

Mehrere Anwohner berichten, dass das Tor zu den Hinterhöfen normalerweise immer geöffnet ist – auch deshalb, weil sich im zweiten Hinterhof eine Moschee befindet. Die Moschee ist seit dem Brand geschlossen.

Überhaupt ist seit diesem Wochenende in dem Wohnblock Sonnenallee Ecke Hobrechtstraße nichts mehr wie vorher. Magdalena Gulevska hat in der Nacht nach dem Brand nicht schlafen können – die zweite Nacht in Folge. „Ich habe Angst, dass es auch bei uns im Haus zu Brandstiftung kommt“, sagt sie. Auch in ihrem Hauseingang liegen Zeitungen herum, stehen Kinderwagen im Treppenaufgang. Doch ihre Mutter, Ranka Gulevska, will weiter hier wohnen bleiben. „Ich bin vor elf Jahren in dieses Haus gezogen“, sagt die 46 Jahre alte gebürtige Mazedonierin, „und fühle mich wohl in Neukölln.“ Sie habe hier viele Freunde.

Daniela J., die junge Frau, die bei dem Unglück ums Leben kam, gehörte zu ihrem Freundeskreis. Die drei Kinder von Dane J. hätten immer gern bei ihr im Hof gespielt. „Ich habe dreimal in den vergangenen Monaten in der Wohnung gesessen und mich mit ihr unterhalten.“ Den Kindern, der Frau und die Mutter der toten Geschwister sollen noch im Krankenhaus liegen. Eigentlich hatte Ranka Gulevska am Sonnabend eine Verabredung in dieser Wohnung – mit Daniela J. „Sie wollte mir ihr erstes Baby zeigen.“ Daniela J. war dafür aus ihrer Wohnung in der Gegend um die Boddinstraße gekommen und über Nacht in der Sonnenallee geblieben – in der Wohnung lebten nach Informationen der Berliner Morgenpost seit drei Jahren ihre Mutter, ihr Bruder mit seiner Frau und den drei Kindern zwischen vier und zehn Jahren. Ranka Gulevska kann noch immer nicht glauben, „dass es ausgerechnet in dieser Nacht brennen musste.“

„Die Stimmung ist anders“

Die Bewohner des Hauses sind noch immer erschüttert über das Unglück. Bülent Kazan, Vorstand im Verein „Sinaiberg Sozialdienst“ wohnte im Erdgeschoss. „Als ich Schreie hörte, bin ich aufgewacht und sofort aus meinem Fenster im Erdgeschoss hinausgesprungen.“ Edip Cecen, der im vierten Stock wohnte, musste durch die Feuerwehr gerettet werden. Er war durch den Rauch wach geworden und kannte, genau wie Bülent Kazan, die Familie J. flüchtig. Da aber noch immer viele Opfer im Krankenhaus sind, hofft er, dass es keine weiteren Toten mehr gibt.

Im Nachbarhaus in der Hobrechtstraße wohnt Flora Kowalski, eine Studentin, die von dem Brand selbst nichts mitbekommen hat. Nur ihr Küchenfenster geht auf den Innenhof und sie habe am Sonnabend ausgeschlafen. „Aber die Stimmung hier im Viertel ist heute schon anders“, sagt sie. Sie wohnt seit zwei Jahren in Neukölln und hat sich mittlerweile an den Müll, die Zeitungen und die Drogenreste im Hausflur gewöhnt – obwohl es sie stört. „Letztlich war der Brand doch nur möglich“, sagt die 23-Jährige, „weil jeder hier ein- und ausgehen kann.“ Sie hofft, dass die Hausverwaltung sich dieses Problems jetzt annimmt, damit sich die Bewohner wieder sicher fühlen.

Am Sonntag kontrolliert die Polizei von jedem, der in die Sonnenallee 18 geht, den Personalausweis. Rund 20 Polizisten und Kriminalisten sind damit beschäftigt, den Ort abzusichern oder Spuren zu suchen. Immer wieder kommen sie aus dem Haus und tragen Kisten mit Beweismaterial in die Einsatzwagen. In das Hinterhaus darf vorerst niemand außer der Polizei. Die Verletzten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden, kommen zum großen Teil bei Verwandten unter.

Turak B. aus Neukölln nimmt seine Schwiegermutter und deren Familie bei sich auf. Der 45 Jahre alte gebürtige Türke ist vor 25 Jahren in die Nähe der Urbanstraße gezogen. „Es wird zwar ein bisschen eng für ein paar Tage, aber das wird schon gehen.“ Was aus der Wohnung in der Sonnenallee wird, weiß er noch nicht. „Heute bin ich froh, dass sie noch leben.“