Neueröffnung

Siemens-Villa - zwischen Kunst und Burnout

Der neue Eigentümer, Stefan Peter, erfuhr eher zufällig vom Verkauf der Siemens-Villa. Liza Minelli und Marlon Brando gaben sich hier schon die Klinke in die Hand. Jetzt soll das Haus mit Kunst und einer Psychosomatischen Klinik neu eröffnen werden.

Foto: Reto Klar

Nur drei einzelne Stühle stehen mitten in der Empfangshalle – einem ungewöhnlich ovalen Raum und wahrhaft historischem Ort. Kaiser Wilhelm II. und Gattin sind dort schon über das helle Eichenparkett geschritten, Prominente wie Liza Minelli und Marlon Brando haben während Dreharbeiten im Haus den Blick in den Garten genossen, Industrielle und Künstler mit dem Hausherrn Werner Ferdinand Siemens debattiert.

Jetzt steht Stefan Peter in der Empfangshalle – im karierten Hemd und dunklen Jeans – und lässt den ersten Eindruck wirken: Kronleuchter, Stuck, Marmor, Schnitzereien, vergoldete Säulen und glänzende Stofftapeten – das Auge entdeckt immer neue Details. Der 48-Jährige ist der neue Hausherr in der Siemens-Villa, auch Herrenhaus Correns genannt, an der Calandrellistraße in Lichterfelde. Die Villa mit geschätzten 80 Zimmern auf 3700 Quadratmetern war vorher im Bundesvermögen und zuletzt Sitz des Deutschen Musikarchivs. Zum Anwesen gehören auch ein Konzertsaal mit 400 Plätzen, einige Nebengebäude und ein 27000 Quadratmeter großer Park.

Mit der Villa und der dafür gegründeten Firma Calandrelli 7 Grundbesitz GmbH (vestainc@aol.com) will Stefan Peter wieder ein Standbein in Deutschland haben. Seit 18 Jahren lebt er in New York und London als Projektentwickler. Für ihn kommt keine andere Stadt infrage als Berlin. „Hier ist jetzt die Aufbruchstimmung angekommen, die vorher in London und New York herrschte“, sagt der Geschäftsmann. Hier könnten Visionen verwirklicht werden. Seine Vision ist, das Herrenhaus zu einem Forum für Kunst, Kultur und Wissenschaft zu entwickeln.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) hat das Anwesen nach dem Umzug des Musikarchivs der Deutschen Nationalbibliothek nach Leipzig im Oktober 2010 in einem Bieterverfahren verkauft. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Den Versicherungswert der Villa gibt Stefan Peter als alleiniger Eigentümer und Geschäftsführer mit 15 bis 20 Millionen Euro an. Finanziert habe er das Projekt über eine Bank, Eigenkapital und eine britische Gesellschaft, sagt der Diplom-Kaufmann und Experte für Wirtschafts- und Sozialpsychologie.

Die Villa im historischen Baustil ließ der Batterie-Fabrikant Friedrich Christian Correns 1913 errichten. 1925 kaufte die Familie Siemens das Anwesen. Daher stammt der heutige Name „Siemens-Villa“. Dass der ehemalige Fabrikant Correns mit Batterien zu tun hatte, ist für Stefan Peter ein Zufall, der den Bogen ins Heute spannt. Energiezellen aufladen – das ist auch sein Ziel, das er mit dem Kultur- und Wissenschaftsforum anstrebt. Ausstellungen und Konzerte sind die eine Seite des Konzepts, das derzeit in der Prüfung ist. Die zweite Seite ist die Idee einer „Psychosomatischen Klinik“ mit Fokus auf Burnout, in der die Gäste unter anderem Meditationstechniken erlernen und praktizieren.

Klinik ohne medizinische Geräte

Seit einem Monat entwickelt Stefan Peter mit einem Ärzteforum und Unternehmensberatern das Klinik-Konzept. Es soll die klassische Psychotherapie mit alternativen medizinischen Ansätzen und Meditationsseminaren verbinden. Die heilenden Wirkungen von Musik und Kunst sind als Ergänzung gedacht. „Medizinische Geräte wird es nicht geben“, sagt Stefan Peter. Vier bis sechs Wochen sollten die Gäste im Haus bleiben, Zimmer für sie könnten in der Etage über der Klinik entstehen. Der Aufenthalt soll eines Tages nicht nur Managern ermöglicht werden, sondern einem breiten Publikum.

Noch befinde er sich in der Konzeptionsphase, betont Peter. Er sei immer noch offen für Anregungen und Ideen. Wichtig sei ihm, dass die Villa ein öffentliches Haus mit Publikumsverkehr bleibe. Dafür will er auch Veranstaltungen ins Haus holen. Derzeit führt er Gespräche mit dem Radialsystem in Mitte. Er könnte sich vorstellen, dass zum Beispiel die Tanzkompanie von Sasha Waltz im Haus oder im Garten auftritt.

Damit würde er auch an die Tradition des Musikmäzens Werner Ferdinand Siemens anschließen. Nachdem er die Villa übernommen hatte, ließ er einen Konzerthalle mit 400 Plätzen anbauen und lud zu öffentlichen Konzerten ein. Ein Gang führt direkt von der Villa in den Musiksaal. Noch heute sei der Saal international bekannt für seine hervorragende Akustik, sagt der Hausherr. Seit Jahren nutzt das Deutschland-Radio den Saal für die Aufzeichnung klassischer Musik. Das wird nach den derzeitigen Plänen auch künftig so bleiben.

Beste Baumaterialien vom Kaiser

Bereitwillig führt der Villen-Besitzer durch das Haus. Einen Eindruck von der Weite und Pracht bekommt der Besucher bereits in der Empfangshalle, die den Blick auf einen langen Gang mit sandfarbenen Marmorwänden freigibt. Am Ende des Gangs, von dem zahlreiche Räume abgehen, leuchtet ein Springbrunnen mit türkisfarbenen Mosaiksteinen. Im Speisezimmer steht noch immer die originale Anrichte aus der Entstehungszeit der Villa unter einem Landschaftsgemälde. Dahinter liegen die ehemaligen Wirtschaftsräume der Bediensteten. Mehrere Dienstbotengänge winden sich an beiden Enden des Hauses durch alle drei Etagen. Alles sei noch im Original und in sehr gutem Zustand erhalten, sagt der Betriebswirt. Das liege daran, dass Friedrich Christian Correns beste Beziehungen zu Wilhelm II. hatte und daher aus kaiserlichem Bestand die Baumaterialien bezog. Beispielhaft zeigt er in der ersten Etage das dunkelrote Herren-Badezimmer und das Damen-Badezimmer in sanftem Grün. Die Fliesen ließ Correns aus Cadinen kommen, einer Majolika-Manufaktur in Westpreußen, die Kaiser Wilhelm II. persönlich gehörte.

Der neue Hausherr hat in London durch einen Zufall und in letzter Minute vom Verkauf der Villa erfahren. Ein Studienfreund hatte eine Siemens-Büste erstanden und wollte herausfinden, woher sie stammt. Dabei ist er auf die Siemens-Villa gekommen, die gerade zum Verkauf stand. Er schickte Stefan Peter ein Foto, der den nächsten Flieger nach Berlin nahm. Nach dem ersten Besuch in der Villa stand für ihn fest: „Das soll mein Berliner Refugium sein.“

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