Sportsfreunde der Sperrtechnik

Wo sich Berlins Hobby-Panzerknacker treffen

Sie sind Tüftler rund um Zylinder, Riegel und Feder: die "Sportfreunde der Sperrtechnik". Die Mitglieder dieses Vereins versuchen, Schlösser jeglicher Art zu öffnen. Ohne Schlüssel.

Foto: Christian Hahn

Für einen kurzen Moment scheint es, als könnte das Treffen beendet sein, bevor es richtig begann. Wegen eines einzelnen Wortes. „Sie bekommen noch eine Chance: Wenn Sie mir in 60 Sekunden erklären, wieso das, was wir hier machen, nichts mit dem Knacken von Schlössern zu tun hat, dann reden wir weiter.“ Der Mann im Norwegerpulli, der dies sagt, verzieht keine Miene. Lediglich die Augen unter dem grauen Haarkranz blitzen ein winziges bisschen mokant. Ungerührt stochert Ulrich Schütter weiter mit seinen dünnen Metallwerkzeugen, die mal an Zahnarztbesteck, mal an feinste Häkelnadeln erinnern, in einem Schließzylinder.

Sportlicher Wettstreit

Wohl um die 50 Schlösser liegen in dem schmucklosen Vereinstreff der „Sportsfreunde der Sperrtechnik Deutschland“ (SSDeV) auf den Tischen herum oder lagern sorgsam verpackt in Spezialkoffern. Vorhängeschlösser, Fahrradschlösser, Haustür-, Möbel- und Briefkastenschlösser, allesamt auf Flohmärkten, bei Sammlern oder im Handel zusammengesucht mit dem einzigen Ziel, sie zum Zeitvertreib und im sportlichen Wettstreit zu öffnen – ohne Schlüssel, und möglichst zerstörungsfrei. Die Assoziation mit den Panzerknackern kommt fast zwangsläufig. Gut, dass dieses Wort nicht auch noch fiel: „Was geknackt wird, ist danach kaputt. Wir sind ein Verein gegen Gewalt gegen Schlösser“, sagt Ulrich Schütter nachdrücklich, und da ist es auch wieder, dieses Blitzen in den Augen. Schütter bereitet es offensichtlich heimliches Vergnügen, mit der Unsicherheit des Zuhörers über den Ernst seiner Worte zu kalkulieren. Vielleicht muss man so sein, als Sportwart eines der kuriosesten – und des vermutlich kleinsten – Vereins der Hauptstadt. Rund ein Dutzend aktive Sperrsportler gibt es in Berlin, etwa 500 sind es deutschlandweit.

Lockpicking nennen sie ihr bizarr anmutendes Hobby, das 1997 in Hamburg seinen Anfang nahm. Entstanden ist der SSDeV aus dem Chaos Computer Club (CCC), quasi als dessen handwerkliche Brigade. Vereinspräsident Steffen Wernéry gehörte ehemals zu den CCC-Mitbegründern. Mit ihren Gesinnungsgenossen aus der digitalen Welt eint die Sperrsportler, die genau genommen Entsperrungssportler heißen müssten, vor allem eins: Der Spaß daran, jeden technischen Fortschritt seitens der Produkthersteller durch noch ausgefuchstere Fingerfertigkeit zu konterkarieren. „Die Firmen bauen immer neue Schwierigkeiten ein, aber wir ziehen nach“, sagt Schütter. Von der Industrie wurde das Treiben der Schlösserspezialisten zuerst mit Argwohn beobachtet. Vereinzelt wurde über kriminelle Motive gemunkelt. Doch so, wie die Hacker des CCC im Notfall längst von der Politik gehört werden, sind auch die Sperrsportler zunehmend gesellschaftlich akzeptiert. Nicht zuletzt wegen des Ehrenkodexes im Verein, der jedes Öffnen von Schlössern ohne ausdrückliche Berechtigung untersagt. Und der dazu führt, dass Neuankömmlinge aufmerksam daraufhin beobachtet werden, welches Interesse sie geleitet haben dürfte.

Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr kamen schon gelegentlich zu Schulungen, um sich Tricks im schnellen Umgang mit verschlossenen Türen abzuschauen. Einfache, bekannte Schlösser öffnen geübte Sperrsportler immerhin in weniger als einer Sekunde. Bei der Deutschen Meisterschaft im Schlossöffnen, die immer im Herbst stattfindet, stoppt die Uhr in der Disziplin „Handöffnen“ nach 15 Minuten. Manchmal lassen Sperrsportler auch die Öffentlichkeit an ihrer Kunst Anteil nehmen. Bei der Langen Nacht der Museen boten die Berliner Workshops an. Sogar die Filmbranche ließ sich schon zeigen, wie das Gefummel mit dem Dietrich realistisch aussehen müsste. Auch mancher Hersteller von Schließsystemen machte seinen Frieden mit den Freaks. Und schickt gelegentlich sogar Pläne für neue Produkte, um Schwachstellen schon im Vorfeld aufdecken zu lassen.

Fehler im Schließsystem sind es allerdings auch, die den Sperrsportlern beim sogenannten „picken“ und „harken“ helfen. Das Wichtigste daneben ist eine Gemütsverfassung, die Schütter lieber „charakterlicher Eignung“ nennt: „Man kann seine Geduld üben, aber man kann eine nicht vorhandene Geduld nicht evozieren“, meint der Denkmalschützer beim Bezirk Reinickendorf. „Picken ist meditativ. Das war mein erster Gedanke, als ich hier begonnen habe“, sagt Melanie Burger*, die schon als Kind gern Knoten aufknüpfte. Manchmal, erzählt Schütter, holen die Mitglieder beim Übungsabend ihre oft selbst gefertigten Werkzeuge heraus, Schütter stellt den Vereinswimpel auf, „und eine halbe Stunde später hat noch immer keiner ein Wort gesagt“.

Besondere Art der Entspannung

An diesem Abend redet der Sportwart umso mehr, ohne dass es ihn bei der Arbeit stört. Nicht einmal hinsehen müssen er oder die anderen, während sie mit minimalen Bewegungen versuchen, die versteckten Sperrelemente beiseite zu drücken. „Wenn man ein bisschen geübt ist, kriegt man es hin, dass man sich ganz auf taktile Rückmeldungen verlässt“, sagt Melanie Burger. Seit vier Monaten hat die Ärztin diese Art der Entspannung für sich entdeckt. Auch die meisten anderen Sportsfreunde sind Akademiker – Ingenieure, Informatiker, Wissenschaftler. Eine Zeit lang trafen sie sich bei einem Anwalt in Charlottenburg. Geübt wird aber auch privat daheim. Jeden Tag eine Stunde müsste sie sich eigentlich nehmen, weiß Burger. Wer das gerade vor einer Meisterschaft nicht wenigstens zwei Wochen durchhält, „der holt sich blutige Finger“, ist sich Schütter sicher.

Manchmal wird der Langmut auch geübter Sperrsportler arg strapaziert. 250 Modelle zählt Schütter in seiner Schlössersammlung. Einzelne davon hat er seit Jahren nicht einmal aufbekommen. Manchmal müssen extra Werkzeuge angefertigt werden. Daran allerdings, gibt Schütter zu, liege es in diesem Fall nicht. „Man muss ganz einfach“, sagt der 52-Jährige, „seine Fertigkeiten noch verbessern.“

* Name von der Red. geändert.