900 Millionen Zigaretten

Zoll schaltet polnischen Schmuggelring aus

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Hans H. Nibbrig und Peter Oldenburger

In Zusammenarbeit mit der polnischen Polizei hat der deutsche Zoll einen europaweit agierenden Schmuggelring in Warschau ausgehoben. 900 Millionen Zigaretten hatte die Bande seit 2009 illegal vertrieben. Vier der Drahtzieher stammen aus Berlin.

Nach fast zwei Jahre andauernden Ermittlungen hat das Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg in Zusammenarbeit mit Behörden mehrerer EU-Staaten eine der größten europaweit agierenden Zigarettenschmuggler-Organisationen ausgeschaltet. Die von Berlin aus agierenden mutmaßlichen Drahtzieher der Organisation, zwei Männer und zwei Frauen, wurden festgenommen. Gleichzeitig stürmte eine polnische Spezialeinheit eine illegale Zigarettenfabrik in der Kleinstadt Lazy in der Nähe von Warschau, in der allein seit Sommer 2009 900 Millionen Schmuggelzigaretten für den gesamten europäischen Markt hergestellt wurden. Der durch die kriminelle Gruppe in dieser Zeit verursachte Steuerschaden wurde mit 30 Millionen Euro beziffert.

Zollsprecher Norbert Scheithauer sprach am Dienstag vom größten Erfolg der Behörde auf dem Gebiet des Zigarettenschmuggels in den vergangenen 20 Jahren. Der Schlag gegen die Schmuggler-Organisation erfolgte bereits Anfang dieses Monats, Details dazu wurden allerdings aus taktischen Gründen wegen der notwendigen Nachermittlungen zunächst nicht genannt. Erst jetzt gaben die Behörden Einzelheiten zu der Aktion, die von mehreren Behörden europaweit durchgeführt wurde, offiziell bekannt.

In der illegalen Zigarettenfabrik in Lazy beschlagnahmten die polnischen Spezialeinheiten am 2.März Maschinen zur Zigarettenherstellung, fünf Millionen bereits auf einen Lkw verladene Zigaretten und 50 Tonnen Tabak. 31 Personen wurden festgenommen. Fast zeitgleich stellten die Behörden in Litauen weitere 30 Tonnen Tabak sicher, der für die Verarbeitung in Lazy bestimmt war. Die fertigen Zigaretten waren für den west- und nordeuropäischen Markt bestimmt. Allein in Berlin werden nach Erkenntnissen der Zollbehörden jährlich 330 Millionen Schmuggelzigaretten verkauft.

Unmittelbar nach den Durchsuchungsmaßnahmen in Polen und Litauen klingelten die deutschen Zollfahnder bei den mutmaßlichen Drahtziehern in Berlin. Die aus Russland und Lettland stammenden Verdächtigen wurden festgenommen, in ihren prunkvoll ausgestatteten Wohnungen und Geschäftsräumen in Spandau und Wilmersdorf machten die Fahnder reichlich „Beute“. Beschlagnahmt wurden neben fünf Eigentumswohnungen und erheblichen Bargeldsummen vor allem wertvolle Möbel, Kunstgegenstände und Schmuck. Die sichergestellten Gegenstände füllten beim Abtransport drei Lkws. Der Fund eines Safe-Schlüssels in einer der Wohnungen führte die Ermittler zudem zu einem Bankschließfach, in dem weitere 200000 Euro Bargeld und dreieinhalb Kilogramm Gold gefunden wurden. „Durch die Vermögensabschöpfung soll den Banden der Aufbau neuer illegaler Geschäfte im großen Stil erschwert werden“, sagte Scheithauer. Neue Aktivitäten dürften den Festgenommenen ohnehin vorerst schwerfallen, gegen alle vier wurden Haftbefehle erlassen, ihnen drohen im Falle einer Verurteilung langjährige Haftstrafen. Allein in Berlin waren 75 Beamte im Einsatz.

Die Berliner Hintermänner des Schmuggler-Netzwerkes waren den Zollfahndern erstmals im Sommer 2009 aufgefallen. Um an gerichtsfestes Beweismaterial zu gelangen und die Strukturen der Organisation aufzudecken, konzentrierten sich die Fahnder auf die Beobachtung der Transportwege für Waren, die zur illegalen Herstellung der Zigaretten benötigt werden. Dazu gehören Tabak, Zigarettenpapier, Filter, Verpackungen sowie gestohlene oder gefälschte Steuerbanderolen. Dabei waren Zollbeamte unter anderem in der Schweiz, in Belgien, Litauen, Lettland, Estland und Polen aktiv. Koordiniert wurden die Ermittlungen durch das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF). Zwei Jahre ermittelten die Fahnder und trugen Stück für Stück Beweismaterial zusammen, bevor sie zuschlugen.