Internet

Berliner Informatikerin stoppt Datenstaus

TU-Professorin Anja Feldmann hat das staufreie Internet der Zukunft entwickelt. Dafür erhält sie den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis.

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Es sind die letzten Sekunden einer Ebay-Auktion, die entscheiden. Egal, wie viel im Online-Auktionshaus vorher auf das Produkt geboten wurde – Gewinner ist, wer knapp vor Ende der Versteigerung noch ein hohes Gebot platzieren kann. Leider funktioniert der Werbeslogan von Ebay – „Drei, Zwei, Eins, Meins“ – nicht immer. Da schickt der Bieter wenige Sekunden vor Ende ein Gebot ab und erhält trotzdem keinen Zuschlag, weil das Gebot zu spät beim Internetauktionator ankommt. Da helfen weder leistungsstarkes DSL noch Highspeed-Verbindung.

Denn die Ursache der Verspätung ist nicht die heimische Internetverbindung, sondern das Netz. Bieten viele Interneteinkäufer auf ein Produkt mit, dann kommt gerade zum Ende einer Auktion eine große Menge Daten zusammen. Und die erzeugen einen Stau, das Netz verliert dabei an Geschwindigkeit.

Laut Informatikerin Anja Feldmann gibt es dafür eine Lösung. Die Professorin der Technischen Universität arbeitet daran, wie Datenstaus im Internet künftig geortet und umgangen werden können. Dafür bekommt die 45 Jahre alte Wissenschaftlerin am Mittwoch den Leibniz-Preis verliehen, der mit 2,5 Millionen Euro der höchstdotierte Wissenschaftspreis in Deutschland ist. Sie ist die einzige Berlinerin unter den insgesamt zehn Preisträgern, die in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet werden.

TU-Studenten testen Netz

Am Campus der Technischen Universität in Charlottenburg ist das neue Netz von Anja Feldmann bereits Realität. Die knapp 30000 Studierenden der Hochschule kommen nur über das „Bowl“ genannte Testnetz von Anja Feldmann ins Internet. Es ist eine Miniaturabbildung des von Millionen Nutzern auf der ganzen Welt genutzten Internets. Anders als im weltumspannenden Netz kann Anja Feldmann bei „Bowl“ den Verkehrsfluss der Daten beobachten und mit neu entwickelten Protokollen Datenstaus umgehen. TU-Studenten sind somit schneller im Internet unterwegs – ein klarer Vorteil unter anderem bei Ebay-Versteigerungen.

Das TU-Netz kann aber noch viel mehr. Durch miteinander verknüpfte Parallelnetzwerke können die Nutzer Dokumente verschicken. Die Unterschrift darauf ist gültig, da der Absender nachgewiesen werden kann. Und wer sich anonym im Internet herumtreiben möchte, kann das auch – er muss sich nur in ein anderes der Parallelnetzwerke einloggen. An der TU wird das Netz erprobt, irgendwann soll es für alle zugänglich sein.

Außerdem soll das Uni-Netz bald in der Lage sein, Informationen zu selektieren. „Heute kann man nur noch schwer zwischen wichtigen und störenden Informationen unterscheiden“, sagt Anja Feldmann. Über Cookies werden Nutzerverhalten analysiert und Suchanfragen vorsortiert.

Entwickelt wird das Netz von einem Team in den T-Labs, das Anja Feldmann führt. Das sind Laboratorien der Deutschen Telekom, die über eine Stiftung die Arbeit von Anja Feldmann finanziell unterstützt. Die 2,5 Millionen Euro Preisgeld will Anja Feldmann nutzen, um weitere Forscher einzustellen.

Mehr Daten belasten Internet

Aber wer braucht eigentlich ein neues Internet, wenn das alte seit beinahe 30 Jahren funktioniert? „Ich weiß leider nicht, welche Anforderungen die Nutzer in fünf Jahren an das Internet haben“, sagt die TU-Professorin Anja Feldman. Das sei von der Entwicklung der technischen Zugangsmöglichkeiten abhängig. Derzeit sei aber deutlich zu beobachten, dass die Datenmengen im Internet immer größer würden. „Fast jeder hat ein internetfähiges Handy in der Tasche, mit dem er Fotos und sogar Videos erstellen und sofort verschicken kann“, so Anja Feldmann.

Außerdem stiegen die Up- und Downloadraten im Netz an. Während sich früher Internetnutzer Dateien über eine Verbindung zwischen den einzelnen Rechnern teilten, boomten heute Portale wie Rapidshare, in dem eine Datei einem Kreis von Personen zum Download zur Verfügung gestellt werden kann. „Wir wollen also im Internet Hindernisse ausräumen und die Grundlage für eine effektive und sichere Nutzung von Informationen liefern“, sagt Anja Feldmann. Gleichzeitig soll die Privatsphäre bestehen bleiben – eine große Herausforderung.