Gewalt bei der BVG

Warum ein Sicherheitsmann sich wie Freiwild fühlt

Zweimal binnen zweier Tage muss ein Sicherheitsmann der BVG vor Gericht als Zeuge erscheinen – beide Male als Opfer von Gewalt und mit milden Urteilen für die Täter. Im Alltag, so der 41-Jährige, helfe ihm sein freundliches Auftreten kaum.

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Sven S. hat keine Illusionen. „Es kommt ja doch nichts dabei heraus“, sagt er. Aber sein Kommen ist Pflicht. Der 41-Jährige musste am vergangenen Freitag und Montag im Moabiter Kriminalgericht in zwei verschiedenen Verfahren als Zeuge erscheinen – und in beiden Fällen war er das Opfer von Gewalt. „An manchen Tagen kommt man sich vor wie Freiwild“, sagt er. „Wir sind die Prellböcke für den Frust der anderen. Gerade in diesen Tagen, wenn wieder bei der Bahn gestreikt wird und die U-Bahn noch voller ist.“ Da helfe oft auch kein freundliches, zurückhaltendes Auftreten. „Man muss Fahrgäste, die gegen Regeln verstoßen, nur ansprechen, und schon beginnt die Eskalation.“

Am 26. November 2008 arbeitete Sven S. als Sicherheitsangestellter der BVG im U-Bahnhof Osloer Straße. Gegen 16 Uhr beschwerte sich bei ihm eine aufgeregte Frau, sie werde von einem Fahrgast belästigt, und er blase ihr Zigarettenqualm ins Gesicht. Sven S. sprach den Fahrgast an und forderte ihn auf, die Zigarette auszumachen. Rauchen ist in U-Bahnhöfen bekanntermaßen verboten. Der junge Mann reagierte aggressiv, schimpfte, drohte. Worauf ihn der Sicherheitsangestellte aufforderte, den Bahnhof zu verlassen, ansonsten gebe es eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Diese Warnung schien zu wirken. Beide bestiegen die Rolltreppe, der junge Mann als erster. Als sie ein paar Meter nach oben gefahren waren, drehte er sich unvermittelt um, versetzte Sven S. Faustschläge ins Gesicht und trat im mehrere Male in den Unterleib. Der Sicherheitsangestellte fiel rücklings die Treppe herunter, schlug mit dem Hinterkopf auf eine Stufe und blieb ohnmächtig liegen.

Schon beim ersten Strafprozess im April vergangenen Jahres wurde vom Gericht festgestellt, dass Sven S. starke Prellungen am Unterbauch, im Genitalbereich und an der Wirbelsäule erlitt. Zudem wurde ihm ein vorderer Scheidezahn ausgeschlagen. Der kräftige Mann lag tagelang im Krankenhaus und leidet auch heute noch an den Folgen dieser brutalen Attacke.

Einjährige Bewährungsstrafe

Der Täter, ein 22-Jähriger aus Tschetschenien, wurde jedoch nur zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt – obwohl er zur Tatzeit noch unter Bewährung wegen einer anderen Gewaltstraftat stand und ihm auch dort ein Jahr Gefängnis drohte. Folgerichtig ging die Staatsanwaltschaft gegen das aus ihrer Sicht viel zu milde Urteil in Berufung. Im aktuellen Prozess wurde der junge Tschetschene nun zu 16 Monaten Haft verurteilt, aber erneut wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Dabei berücksichtigte das Gericht, dass er inzwischen nach muslimischen Gesetzen geheiratet hat, bald zum zweiten Mal Vater wird und seine Familie mit dem Erlös aus Minijobs als Lagerarbeiter und Umzugs-Helfer ernährt.

Auch in dem Prozess am Freitag ging es um Körperverletzung. Sven S. hatte am 21. Oktober vergangenen Jahres im U-Bahnhof Hallesches Tor einen Mann erwischt, der Touristen gefälschte Fahrkarten verkaufen wollte. Als er ihn festhalten wollte, wurde er von einer jungen Frau angepöbelt und sogar geschlagen. Vor Gericht ließ sich dieser Angriff jedoch nicht mehr klar genug beweisen. Sven S. hatte die Schläge gegen seinen Rücken nur spüren, aber nicht sehen können. Ein Kollege konnte sich nur noch erinnern, dass die Frau Sven S. zwar angegriffen hatte. Er hatte aber nicht genau gesehen, wie sie zugeschlagen hatte. Der Richter war sicher, dass es einen Angriff der mehrfach vorbestraften Frau gegen den Sicherheitsangestellten gab. Doch es reichte nicht für eine Verurteilung. Das Verfahren gegen die 24-Jährige wurde eingestellt.

Sven S. nahm diese Entscheidung gelassen zur Kenntnis. Am Wochenende musste er wieder zum Dienst. „Es war relativ ruhig“, resümiert er am Montag. „Ein paar Pöbeleien und Rempeleien“, und dann hätten er und ein Kollege noch zwei Männer festgehalten, die einem Fahrgast das Handy rauben wollten. „Das Übliche“, sagt er und zuckt mit den Schultern.