Erdbeben in Japan

Berliner Wissenschaftler entkam dem Japan-Beben

In der Theorie hatte sich der Geowissenschaftler Frederik Tilmann aus Berlin schon länger mit Erdbeben befasst. In Tokio diskutierte er gerade darüber mit Kollegen, als plötzlich die Erde zu beben begann. So erlebte er die grausame Praxis aussieht.

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Zunächst waren Erdbeben für Frederik Tilmann nur ein interessantes Gedankenexperiment, doch am 11. März wurde aus der Theorie bitterernste Realität. Als das Hauptbeben die japanische Insel Honshu erschütterte, tagte der Professor der Freien Universität Berlin mit Forscherkollegen gerade im ersten Stock des Meeresforschungsinstituts der Universität Tokio. Das Thema des Gedankenaustausches: „Erdbeben in Sumatra“.

Starke Auf- und Abwärtsbewegungen erschütterten das gerade erst fertiggestellte Gebäude: „Da es recht langsam losging, war zunächst nicht klar, dass es ein großes Beben werden würde“, erinnert sich Frederik Tilmann. Zehn Sekunden später revidierte er diese Einschätzung, rannte aus der Universität auf die Straße.

Bereits während der Evakuierung kamen die Horizontalbewegungen dazu. Diese S-Wellen haben zwar eine geringere Frequenz, ihre Erschütterungen sind aber wesentlich heftiger. „Der Boden bewegte sich in einer rollenden Bewegung. Das fühlt sich so ähnlich an wie auf einem Boot bei leichtem Seegang.“ Dazu kamen die Nachbeben, die anfangs fast im Minutentakt zu spüren waren.

Panik brach jedoch nicht aus. „Auch diejenigen, die aus viel höheren Stockwerken fliehen mussten und zum Teil sehr viel länger brauchten als wir, kamen heil heraus“, sagt Tilmann. Das Universitätsgebäude hielt der Belastung stand, die wissenschaftliche Neugierde kehrte zurück – bis die Mobiltelefone der japanischen Kollegen klingelten. Tsunami-Warnungen gingen ein, recht schnell dann auch die Bilder vom Tsunami selbst. „Wir waren natürlich sehr bestürzt über die vielen Opfer, die man dann schon absehen konnte“, so Tilmann.

Doch der Wissenschaftler hatte Glück, trotz der erheblichen Erschütterungen gab es in seiner unmittelbaren Umgebung keine bemerkenswerten Gebäudeschäden oder Brände. „Es ist erstaunlich, wie gut Tokio das Erdbeben überstanden hat“, sagte Tilmann. Zeitweise wurde der Zugverkehr ausgesetzt – aus Sicherheitsgründen, um die Gleisanlagen zu kontrollieren. Breits am Sonnabend war der Flugverkehr eingeschränkt wieder möglich, Wasser, Strom und Internet ohne Einschränkung vorhanden. Lediglich auf eine heiße Dusche musste Frederik Tilmann in seinem Hotelzimmer verzichten: „Wir wurden angehalten, Strom zu sparen.“

Am Sonnabend packte der Professor dann aus Angst vor einer Atomkatastrophe die Koffer, verließ am Nachmittag das Land, per Flugzeug. Nach einem Zwischenstopp in Frankfurt landete er am Sonntag um 20 Uhr in Berlin. Am Montag war Tilmann wieder in seinem wissenschaftlichen Alltag angekommen, hetzte von Besprechung zu Besprechung. Dennoch versuchte er nach den neusten Entwicklungen mehrfach, Kontakt nach Japan aufzunehmen. Vergeblich, niemand antwortete auf seine E-Mails.

Die guten Nachrichten, die Tilmann am Sonntag mit nach Berlin gebracht hatte, waren nun durch die wahrscheinliche Kernschmelze überholt: „Davor berichteten Kollegen von vielen Menschen, die sich durch Flucht auf spezielle Gebäude, die auf Stabilität gegen Tsunamis ausgelegt sind, retten konnten.“ Das Leben in Kashiwa, in der Vorstadt im Nordosten Tokios befand sich sein Hotel, gehe normal weiter: Geschäfte und Restaurants, die zuvor geschlossen hatten, hätten den Betrieb wieder aufgenommen.