Organisierte Kriminalität

Krimineller Clan zieht in Berliner Rockerkrieg

Das Motiv für die Schießerei an der Emser Straße in Neukölln liegt offenbar in einem neu aufkeimenden Rockerkrieg zwischen den Hells Angels und den Bandidos. Intensivtäter Mahmoud wurde bei dem Schusswechsel verletzt.

Foto: Steffen Pletl

Nach Informationen von Morgenpost Online hat der über die Stadtgrenzen bekannte Intensivtäter Nidal R., der 2003 unter dem Namen Mahmoud bekannt geworden war, nach seiner Haftentlassung vor Kurzem Anschluss bei den Hells Angels Nomads Turkye gefunden – als vollwertiges Mitglied. „Diese Gruppierung unter der Führung von Kadir P. hatte kürzlich bundesweit für Aufsehen gesorgt, als sie als ehemalige Bandidos zu dem verhassten Hells Angels übergetreten waren.“, so ein szenekundiger Beamter. Deshalb hat eine berüchtigte arabische Großfamilie in Neukölln nun einen neuen Bandidos-Ableger gegründet, um die Macht der Hells Angels anzufechten. „Mit dieser Attacke begangen mit Schusswaffen wollte sich diese neue Bandido-Gruppierung einen Namen machen“, so ein ranghoher Polizeiführer. Der medienwirksam verkündete Freieden zwischen den Hells Angels und den Bandidos könnte damit hinfällig werden. „Es steht zu befürchten, dass der Konflikt durch die Skrupellosigkeit der arabischen Großfamilien an Gewalt zunehmen könnte.

Versucht die Polizei, die Hintergründe des Geschehens zu durchleuchten. Das Landeskriminalamt ermittelt insbesondere, welche Angehörige arabischer Großfamilien am Donnerstagabend an der Emser Straße in Neukölln aneinander geraten sind und warum. Zwei Männer waren bei dem Schusswechsel verletzt worden. Nach Polizeiangaben handelt es sich um einen 19-Jährigen und einen 28 Jahre alten polizeibekannten Intensivtäter – Mahmoud alias Nidal R. Beide ließen sich zur Behandlung von Bekannten in ein Krankenhaus bringen, wo sie nach wie vor versorgt werden.

Beamte einer Mordkommission setzten die Spurensuche am Freitagvormittag fort. Die Ermittler sicherten mehrere Patronenhülsen und Projektile und werteten durch die Schüsse verursachte Beschädigungen an Fahrzeugen und auf dem Straßenasphalt aus. „Derzeit ist die Untersuchung der Spuren zur Bestimmung der benutzten Schusswaffen noch nicht abgeschlossen“, sagte ein Polizeisprecher. Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) forderte vor dem Hintergrund des Zwischenfalls ein verstärktes gemeinsames Vorgehen verschiedener Behörden gegen die Machenschaften krimineller Clans. Die kriminellen Großfamilien würden ständig beweisen, dass ihnen deutsches Recht völlig egal ist, sagt der Landesvorsitzende Bodo Pfalzgraf. Der Gewerkschafter plädiert für eine gemeinsame Task Force unter der Beteiligung von Polizei, Staatsanwaltschaft sowie Gewerbeämtern, Sozialbehörden und Steuerfahndung. „ Ganz gleich, ob es um staatliche Transferleistungen, die Erteilung einer Gewerbeerlaubnis oder Versteuerung illegaler Gewinne geht – diese Banden müssen merken, dass es der Staat ernst meint“, sagte Pfalzgraf.

Die Ermittlungen durch das Kommissariat für schwere Bandenkriminalität gestalten sich nicht zuletzt wegen stark differierender Zeugenaussagen als schwierig. Wie Morgenpost Online erfuhr, gibt es einerseits Aussagen, dass aus einem fahrenden Auto heraus geschossen wurde. Andere Passanten sollen behaupten, ein Auto wurde beschossen, deren Insassen kurz darauf die Flucht ergriffen. Sicher ist nur, dass es gegen 19.10 Uhr an der Emser Straße zu einem heftigen Schusswechsel gekommen ist. Anwohner am Tatort fühlten sich an Szenen eines Krimis erinnert: Schüsse krachen durch den verregneten Abend, treffen Autos und Häuserwände. Wie durch ein Wunder, bleiben erschrockene Passanten unversehrt. Zwei Männer werden getroffen, aber nur relativ leicht verletzt. Kurz darauf riegelt die Polizei die Straße ab, aufgeregte Schaulustige spekulieren an den Absperrungen. Außer Jugendliche, die von Bandenkrieg und Rache wegen Frauengeschichten reden, geben sich die meisten Erwachsenen überaus wortkarg.

Zeugen werden eingeschüchtert

Die Clans schotten sich ab und schüchtern potenzielle Zeugen ein. Streitigkeiten zwischen libanesisch-kurdischen oder arabischen Banden eskalieren immer wieder. Hintergrund sind Revierkämpfe: Mal geht es um Drogengeschäfte, mal um die Vorherrschaft bei Türstehern von Bars und Nachtklubs. Etwa die Hälfte der gut ein Dutzend Großfamilien in Berlin gilt als kriminell aktiv.

Massenschlägereien zwischen Angehörige der Clans werden mit Fäusten, Messern und Baseballschlägern, hin und wieder auch mit Schusswaffen ausgetragen. Wie im September 2008 in Tiergarten. Als während eines Streits an der Pohlstraße Schüsse fallen, werden ein Mann und eine Frau an den Beinen getroffen. Zwei Tatverdächtige konnten kurz darauf ermittelt und festgenommen werden.

Auch in Bremen beschäftigen Angehörige einer Großfamilie seit Jahren die Kriminalpolizei, das gleiche Phänomen ist aus dem Raum Essen bekannt. Etliche im Drogengeschäft aktive Großfamilien rekrutieren auch ihren eigenen Nachwuchs. „Für die Kinder, die in kriminellen Strukturen aufgewachsen sind, ist das etwas völlig Normales. Oft sind sie begierig, älteren Brüdern und Cousins, in denen sie Vorbilder sehen, nachzueifern", berichtet ein Zivilfahnder des Landeskriminalamts. Mangelt es an Nachschub, wird er kurzerhand aus Beirut „importiert“ und als straf8unmündiger Dealer eingesetzt – wie im vergangenen Sommer in Berlin.