Stadtentwicklung

Wie Berlin die Autofahrer ausbremsen will

Berlins Autofahrer sollen umsteigen auf Bus und Bahn, mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen. So sieht die Vision von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) aus. Was konkret geplant ist.

Foto: BMO

Der Berliner Senat will den Autoverkehr in den kommenden 15 Jahren zurückdrängen. Dafür sollen die Berliner noch mehr mit Fahrrad und dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs sein. Gleichzeitig plant Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) aber auch, mehr Geld für die Sanierung der Straßen auszugeben.

Aus dem Verkehrsplan 2025, den die Senatorin am Freitag vorstellte, geht hervor, dass in 15 Jahren nur noch 25 Prozent der Wege mit dem Auto zurückgelegt werden sollen. Aktuell sind es noch 32 Prozent. Dafür plant Junge-Reyer, den Platz für Autos einzuschränken. So soll zum einen das Radwegenetz ausgebaut werden – zulasten der Fahrbahnen für Pkws. Außerdem sollen das U- und S-Bahn-Netz erweitert werden. Kostenlose Parkplätze in der Innenstadt will die Senatorin dagegen weitgehend abschaffen. Der Entwurf für den „Stadtentwicklungsplan Verkehr“ formuliert die politischen Ziele, die bis zum Jahr 2025 erreicht werden sollen.

„Für den Autoverkehr sind heute rund zwei Drittel des öffentlichen Straßenraums reserviert, obwohl nur ein Drittel der Wege mit dem Auto zurückgelegt werden“, sagte die Senatorin zur Begründung des Millionenprojekts. Dieses „Missverhältnis“ gelte es in den kommenden Jahren abzubauen. Teststrecken, wie etwa der Umbau der Brandenburgischen Straße in Wilmersdorf, geben bereits heute einen Eindruck davon, wie Berlins Straßen der Zukunft aussehen sollen: Statt zwei Fahrbahnen für Autos in jede Richtung gibt es dann jeweils nur noch eine. Der so gewonnene Platz wird für breitere Gehwege und für eine Fahrradspur je Richtung genutzt.

Berlin verzeichne bereits seit Jahren einen Rückgang beim Autoverkehr zugunsten des Umweltverbunds aus öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV), Fahrrad- und Fußverkehr, so die Senatorin weiter. So sank der Anteil des sogenannten motorisierten Individualverkehrs am Gesamtverkehr in Berlin zwischen 1998 und 2008 von 38 auf 32 Prozent. Zum Vergleich: In Hamburg beträgt der Anteil der Autofahrer 44 Prozent (2008). Zusätzlich stagnierte der Anteil von Bus, Bahn und Tram in Berlin in diesem Zeitraum bei 27 Prozent. Der Anteil der Wege, die Menschen zu Fuß zurücklegten, nahm um drei auf 28 Prozent zu. Der Fahrradverkehr stieg um drei auf 13Prozent. Diesen Trend müsse man fortführen, sagte Junge-Reyer. Sie möchte den Anteil des ÖPNV bis 2025 auf 29 Prozent und den des Fahrradverkehrs sogar auf 18 Prozent steigern.

Zuvor soll allerdings erst mal die Bestandssicherung Vorrang haben. Die Senatorin will sich dafür einsetzen, den Bezirken für die Schlaglochbeseitigung jährlich 40 Millionen Euro statt bisher 20 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.

„Der Verkehrsplan wurde in einem intensiven zweijährigen Abstimmungsprozess erarbeitet“, betonte die Senatorin. Eingebunden in das Planwerk war der „Runde Tisch Verkehr“, bestehend aus gesellschaftlichen Gruppen und Verbänden, den Nahverkehrsunternehmen, Vertretern der politischen Fraktionen im Abgeordnetenhaus sowie einem wissenschaftlichen Beirat.

Dass zumindest die Autofahrerlobby mit dem Entwurf der Senatorin nur bedingt zufrieden ist, wurde am Freitag schon kurz nach dessen Vorstellung deutlich: „Das von der Senatorin formulierte Ziel halten wir nicht für erreichbar“, so der ADAC-Verkehrsexperte Jörg Becker. Der rückläufige Trend der vergangenen Jahre beim Pkw-Verkehr werde sich nicht in dem Maße wie in den vergangenen Jahren fortsetzen. „Wir haben in Berlin inzwischen wieder ein Bevölkerungswachstum“, so Becker. Die erst im Sommer dieses Jahres vorgestellte Verkehrsprognose des Senats gehe zudem selbst davon aus, dass der Autoverkehr bis 2025 nur um einen weiteren Prozentpunkt sinkt. Zudem nehme auch der Verkehr aus dem Umland nach Berlin zu: „Park & Ride-Angebote sind aber nach wie vor nicht geplant“, moniert Becker. Leistungsfähige Straßen auch für den Autoverkehr seien deshalb weiter unverzichtbar.

Auf Kritik stößt beim ADAC auch die Absicht, Straßen nach dem Modellvorhaben, wie es in der Brandenburgischen Straße in Wilmersdorf zu besichtigen ist, umzubauen. Und so sehen die Pläne aus:

„Dort sind schon jetzt Rückstaus zu beobachten“, so Becker. Die Senatorin jedoch hält den Umbau für angemessen. Schließlich würden derzeit in Berlin rund zwei Drittel des öffentlichen Straßenraums für den Kfz-Verkehr vorgesehen, der jedoch lediglich für rund ein Drittel der Wege genutzt wird. In dem Maße, wie ÖPNV, Rad- und Fußverkehr zunähmen, sollte diesen Bereichen mehr Platz im öffentlichen Raum zugestanden werden, sagte Junge-Reyer.

Positiv bewertet der ADAC hingegen die Absicht der Senatorin, an dem umstrittenen Weiterbau der Stadtautobahn A100 festzuhalten. „Mit dem Weiterbau bündeln wir den Verkehr auf der Autobahn und entlasten die Bezirke im Südosten“, so Junge-Reyer.

Das Bemühen der Senatorin, der Bestandssicherung der Straßen Vorrang gegenüber dem Neubau zu geben, ist dagegen unstrittig. Die Verkehrssenatorin will sich auch dafür einsetzen, dass den Bezirken in den kommenden fünf Jahren insgesamt 100 Millionen Euro zusätzlich für die Instandhaltung der Straßen zur Verfügung stehen.

Um den Berlinern den Verzicht auf das Autofahren schmackhaft zu machen, will die Senatorin „gut kombinierbare Mobilitätsangebote machen“. Diese reichten vom ÖPNV über Carsharing mit emissionsarmen Autos und stadtweit verfügbaren Leihfahrrädern bis hin zu einer „neu entdeckten Lust am Zufußgehen“ auf den verbreiterten Gehwegen.