Jahrhundertbeben

So gehen Berlins Japaner mit Katastrophe um

Rund 2000 Japaner leben in Berlin. Sie trauern und sorgen sich um ihre Angehörigen in der Heimat. Besonders groß ist die Angst vor einem GAU - wie bei Hideto Sotobayashi, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima überlebt hat.

Foto: Reto Klar

Entsetzen über die verstörenden TV-Bilder aus der Heimat, Angst um die Verwandten und Freunde daheim – all dies bestimmt in diesen Stunden die Gefühlslage der gut 2000 Japaner, die in Berlin leben. Besonders groß ist die Sorge über mögliche Auswirkungen des Reaktorunglücks von Fukushima. „Atomkraft kann grausam und schrecklich sein“, sagt etwa Hideto Sotobayashi, der seit vielen Jahrzehnten gegen die Nutzung der Kernenergie in seiner Heimat kämpft. Aus gutem Grund, denn der heute 82 Jahre alte Mann gehört zu den Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima.

„Ich war 16 Jahre alt, als die Atombombe über Hiroshima explodiert ist. Das habe ich erleben müssen, und seitdem bin ich ein Gegner der Atomenergie. Es ist schrecklich, es ist furchtbar, was in Japan passiert.“ Sotobayashi lebt seit 50 Jahren in Berlin, lehrte als Professor der Physikalischen Chemie an der TU und am Max-Planck-Institut. Nun sitzt der Wissenschaftler in einem kleinen Restaurant an der Uhlandstraße in Wilmersdorf. Er redet leise, sehr nachdenklich. „Was jetzt während der schlimmen Naturkatastrophe in Japan geschieht, ist ein gutes Beispiel für das Versagen der Technik. In den Atomkraftwerken ist alles automatisch und angeblich sicher, aber im Ausnahmefall funktioniert nichts“‚ klagt er. Wenigstens seiner Familie gehe es gut. „Ich habe mit meiner Schwester in Hiroshima telefoniert. Bei ihr ist noch alles in Ordnung“, sagt Hideto Sotobayashi. Auch der 33-jährige Suzuki ist nach anfänglicher großer Sorge erleichtert. Gleich, nachdem der Musiker, der schon seit zehn Jahren in Berlin lebt, von dem schweren Erdbeben in seiner Heimat gehört hatte, versuchte er, mit seinen Eltern zu telefonieren. Die leben in einem Vorort von Tokio in der Präfektur Saitama. „Doch die Leitungen waren zehn Stunden lang blockiert. Erst nach vielen Versuchen habe ich meine Eltern erreicht und kurz mit ihnen telefoniert. Sie sind wohlauf“, erzählt er.

Hideki Abe indes macht sich große Sorgen. „Ich habe noch immer keinen Kontakt zu meinen Eltern, meinem Onkel und meiner großen Schwester“, sagt er. Sie alle leben in der Nähe von Sendai, der Stadt, die am stärksten von der Katastrophe betroffen ist. Hideki Abe ist dort aufgewachsen, aber vor 20 Jahren nach Berlin gezogen. Der 53-Jährige ist hier Inhaber des Restaurants „Udagawa“. „Ich habe im Internet gelesen, dass es noch keinen Strom in dieser Gegend gibt.“ Schon vor einem Monat hat er einen Flug nach Japan gebucht, um seine Familie zu besuchen. Am 21.März fliegt er nach Hause – und will dann beim Wiederaufbau helfen.

Andacht für Opfer im Berliner Dom

Sonnabendmittag versammeln sich schließlich Menschen im Berliner Dom in Mitte, um mit einer Andacht der Erdbebenopfer in Japan zu gedenken. Orgelmusik und das alte Kirchenlied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ erklingen. „Wir fühlen uns den Menschen in Japan verbunden und lassen sie im Gebet nicht allein“, sagt Landesbischof Markus Dröge. Unter seinen Zuhörern ist auch Seiko Takefuji, die aus Nagoya stammt und mit ihrem Mann und den zwei Söhnen seit zwei Jahren in Deutschland lebt. „Es ist schrecklich“, sagt die 38 Jahre alte Ärztin. „Wir haben die Bilder im Fernsehen gesehen und sind tief erschüttert.“ Ihr Heimatort sei nicht betroffen, erzählt sie. Er liege zwischen Osaka und Tokio. Aber sie habe Verwandte in Tokio, um die sie sich Sorgen mache. „Mein Onkel und meine Tante haben durch das Unglück ihre Arbeit verloren.“

Trauer herrscht auch vor der Botschaft Japans an der Tiergartenstraße. Die Flagge neben dem Haupteingang hängt auf halbmast. Autofahrer verlangsamen ihre Fahrt. Spaziergänger gegenüber im Tiergarten bleiben stehen. Die furchtbaren Ereignisse sind das bestimmende Gesprächsthema. Einige Berliner legen am Zaun Blumen nieder. „Es sind diese schrecklichen Bilder, die uns nicht aus dem Kopf gehen“, sagen Detlef Eckel und Peter Wieding. Die beiden Freunde haben Chrysanthemen mitgebracht – die japanischen Nationalblumen – und Fotos von Kirschbäumen.

Etwa 800 Menschen haben sich in Mitte an einer Solidaritäts-Demo mit Japan beteiligt. Viele hatten Kerzen dabei, andere trugen Fahnen mit dem Aufdruck „Atomkraft, nein danke“. Die Teilnehmer starteten gegen 18.30 Uhr auf dem Alexanderplatz und zogen zum Kanzleramt. Dort legten sie eine Schweigeminute ein.