Feuerdrama

Feuer tötet Familie - Mordkommission ermittelt

Dramatische Szenen spielten sich am Sonnabendmorgen in der Sonnenallee ab. Ein durch vermutlich Brandstiftung gelegtes Feuer tötete drei Hausbewohner - darunter ein Säugling.

Drei Tote und mehr als zwei Dutzend Verletzte: Das ist die schreckliche Bilanz eines Brandes in einem Mehrfamilienhaus an der Sonnenallee in Neukölln. Bei dem Feuer, das am frühen Sonnabendmorgen im Hinterhaus des Gebäudes Sonnenallee 18 ausbrach, wurde vermutlich eine ganze Familie ausgelöscht - der Vater, eine noch nicht identifizierte Frau und ein zehn Tage alter Säugling. Nur wenige Stunden danach verdichteten sich die Hinweise, dass es sich um Brandstiftung handelt. Das haben erste Ermittlungen eines Brandkommissariats des Landeskriminalamtes ergeben. Offenbar wurden im Treppenhaus abgestellte Gegenstände angezündet. Neben den Brandermittlern kam daher auch eine Mordkommission zum Einsatz. Der Fall weckt Erinnerungen an die Brandkatastrophe in der Ufnaustraße in Moabit im August 2005, bei der neun Menschen starben.

Polizeisprecherin Miriam Tauchmann sprach am Sonnabend von „dramatischen Szenen“, die sich nach dem Ausbruch des Feuers gegen 6 Uhr früh in dem Hinterhaus abgespielt haben. Auf mehreren Etagen riefen verzweifelte Menschen um Hilfe, viele wurden von dem Feuer aus dem Schlaf gerissen. Eine in der Nähe arbeitende Bäckereiverkäuferin hörte die Schreie und rief die Feuerwehr. Für die Löschkräfte war es offenbar problematisch, mit ihrem schweren Gerät in den Innenhof zu gelangen Erst 20 Minuten nach dem Alarm seien sie dort eingetroffen, sagte die Verkäuferin.

Schnell wurde für die Löschmannschaften deutlich, dass vor allem die Situation in der ersten Etage bedrohlich war. Dort hatten sich die Flammen am weitesten ausgebreitet und zum Teil bereits auf das darüber liegende Stockwerk übergegriffen. In der ersten Etage lebte auch die Familie, die nun drei Tote beklagen muss.

Notarzt-Behandlung im BVG-Bus

Der Familienvater hatte in seiner Panik offenbar noch versucht, sich durch einen Sprung aus dem Fenster seiner Wohnung im ersten Stock vor den Flammen in Sicherheit zu bringen. Er starb allerdings wenig später an seinen schweren Verletzungen. Ob diese von dem Brand oder von dem Sprung in die Tiefe herrührten, blieb zunächst unklar. Nach Informationen der Morgenpost Online soll der Mann unter Asthma gelitten haben - das könnte zusammen mit einer Rauchvergiftung unter Umständen tödlich sein. Die Leichen der Frau und des Säuglings wurden tot in der Wohnung gefunden und noch am Sonnabend obduziert. Die Identität der Opfer stand laut Polizei bis zum Abend jedoch nicht fest.

Mehr Glück hatten andere Bewohner des Hinterhauses. Unmittelbar nach ihrem Eintreffen legte die Feuerwehr dort aufblasbare Luftkissen aus. Fünf Bewohner hatten so die Möglichkeit, sich durch Sprünge aus den Fenstern unbeschadet in Sicherheit zu bringen. Weitere fünf Mieter wurden mit Leitern, zehn mit Fluchthauben gerettet. Die Feuerwehrleute brachten insgesamt 31 Personen überwiegend türkischer und bosnischer Herkunft vor den Flammen in Sicherheit. Drei der Verletzten wurden mit schweren Rauchgasvergiftungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Bei 17 weiteren Mietern wurden leichte Verletzungen festgestellt, die teils vor Ort in einem von der BVG zur Verfügung gestellten Bus, teils in Kliniken behandelt wurden. Neben Notärzten und Rettungssanitätern kümmerten sich auch Notfallseelsorger um die völlig traumatisierten Menschen.

Gegen 7 Uhr hatte die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle. Insgesamt waren knapp 100 Feuerwehrleute und Polizisten mit vier Löschzüge und Spezialgerät im Einsatz. Die Bilanz: Das Treppenhaus bot ein Bild der Verwüstung, ebenso die Wohnungen im ersten Stock. Das gesamte Quergebäude ist nicht mehr bewohnbar und wurde vom Bezirksamt gesperrt.

Zuvor machten sich aber noch die Ermittler des Brandkommissariats an die Arbeit. Schon früh kam das Gerücht auf, Unbekannte hätten Kinderwagen oder Hausratsgegenstände im Hausflur angezündet. Die Polizei hielt sich mit Auskünften aber zunächst zurück und warnte vor Spekulationen. Im Laufe des Vormittags verdichteten sich allerdings die Hinweise auf eine Brandstiftung, letzte Zweifel daran waren ausgeräumt, als am Mittag auch die Beamten der 4. Mordkommission am Tatort erschienen und die Polizei den Verdacht bestätigte. Am Nachmittag gab es zudem Hinweise, wonach der oder die Täter möglicherweise Brandbeschleuniger benutzt hatten. „In dem Fall wäre das ein glatter Mord“, sagte ein Beamter. Eine Spur von dem oder den Brandstiftern gibt es bislang noch nicht.

Auch der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) machte sich am Unglücksort ein Bild von der Lage. Er sicherte den betroffenen Familien Notunterkünfte zu.

Für Fragen der Hausbewohner sowie für Zeugen, die Hinweise zur Aufklärung der Brandursache geben können, wurde ein Bürgertelefon bei der Polizei eingerichtet. Es ist unter Tel: 4664910510 zu erreichen.