HIV-Medikamente

Berliner Apotheker betrügt mit Rezepten

Polizei und Staatsanwaltschaft haben einen groß angelegten Betrug mit HIV-Medikamenten aufgedeckt. Ein Berliner Apotheker und sieben HIV-Infizierte sollen Abrechnungsbetrug im großen Stil begangen haben.

Foto: Steffen Pletl

Die Apotheke am Kurfürstendamm unweit des Café Kranzler galt im Charlottenburger Kiez schon seit längerer Zeit als Anlaufpunkt für Drogenabhängige. Schon frühmorgens vor Geschäftsbeginn wurde sie häufig von auffällig nervösen „Kunden“ belagert. So war es auch nicht verwunderlich, dass zwischen 2007 und 2009 über das Geschäft zahlreiche teure Medikamente für HIV-Infizierte abgerechnet wurden. Dass die durchschnittlich 2000 Euro teuren Verschreibungen für Aids-Medikamente in Wahrheit jedoch nicht der Therapie der Patienten dienten, sondern die Kasse des Apothekers gefüllt haben sollen, haben erst intensive Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft ergeben.

Am Donnerstag und bereits am Mittwoch schlugen die Ermittler dann gleichzeitig in Berlin und anderen Städten zu, durchsuchten insgesamt zehn Wohnungen. Der 66 Jahre alte Apotheker Hans-Joachim D. und sieben HIV-Patienten wurden verhaftet. Von dem Hauptbeschuldigten wurden gleichzeitig Vermögenswerte im Gesamtwert von 200.000 Euro beschlagnahmt. Darunter befanden sich drei Luxusautos der Marken Mercedes, MG und Chevrolet.

Der Vorwurf gegen den 66-Jährigen lautet auf gewerbs- und bandenmäßigen Abrechnungsbetrug. Die Krankenkassen, bei denen die HIV-Patienten versichert waren, sollen um mindestens zehn Millionen Euro geschädigt worden sein. Dabei sollen die Aids-Patienten die Masche des verdächtigen Apothekers mit hoher krimineller Energie unterstützt haben. Den Ermittlungen zufolge haben sie einen regelrechten „Ärzte-Tourismus“ betrieben und sich deutlich mehr Rezepte als nötig besorgt. Der Apotheker soll diese Rezepte angekauft und bei den Kassen abgerechnet haben, ohne jedoch die Medikamente an seine Patienten abgegeben zu haben. Denen reichte offenbar eine „finanzielle Entschädigung“ für die betrügerisch erlangten Verschreibungen. Welche Summen sie pro Rezept jeweils von dem beschuldigten Apotheker erhielten, wollte die Polizei nicht mitteilen, denn die Ermittlungen dauern an.

Bei den Razzien in Berlin, Schleswig-Holstein und Hessen konnten die Ermittler zahlreiche Beweismittel, insbesondere Rezepte, sicherstellen. „Wir gehen davon aus, dass nun eine Vielzahl weiterer Ermittlungen eingeleitet werden“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner.

Ein Kenner der Arzneimittelbranche sagte, der Fall sei keine Ausnahme, sondern eher die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Es würde ihn nicht überraschen, wenn auch gegen Ärzte ermittelt werde, so der Insider weiter. Niedergelassene Ärzte und Apotheker hätten weitreichende Befugnisse im Umgang mit Medikamenten. Bei entsprechender krimineller Energie sei es leicht, Missbrauch zu betreiben. So war in einem ähnlich gelagerten Fall ein Apotheker aus Kreuzberg aufgefallen. Der Mann verbüßt inzwischen eine mehrjährige Freiheitsstrafe.

Für Schlagzeilen hatte Ende 2006 ein weiterer Fall gesorgt. Sechs Apothekern und einer Angestellten konnten nach Razzien in Mitte, Charlottenburg, Spandau und Kreuzberg der illegale Handel mit Ephedrin in großem Stil nachgewiesen werden. Mit insgesamt 18 Kilogramm des aufputschenden Mittels, die von den Beschuldigten illegal abgegeben wurden, konnten die Abnehmer insgesamt 12 Kilogramm der Modedroge „Crystal“ herstellen. Die Partydroge wurde dann von den Ephedrin-Aufkäufern an Mittelsmänner weiter gereicht, die das „Crystal“ vor allem in Klubs und Diskotheken an Jugendliche und junge Erwachsene verkauft hatten.

Der Verein Berliner Apotheker e.V zeigte sich am Donnerstag bestürzt von dem jüngsten Betrugsfall. „Sollte sich der Vorwurf bestätigen, verurteilen wir das Gebaren aufs schärfste. Wir hoffen auf eine vorbehaltlose Aufklärung des Sachverhaltes“, sagte Vereinssprecher Jan Ott.

Wie es dazu kam, dass der mutmaßliche Betrugsfall aufgedeckt werden konnte, wurde nicht mitgeteilt. Klar ist aber, dass alle relevanten Daten bei den Abrechnungsstellen der geschädigten Krankenkassen zusammenlaufen. Für die dort angesiedelten medizinischen Dienste sollte es ein Leichtes sein, den massiven Missbrauch zu erkennen, sagte ein Insider Morgenpost Online. Trotz datenschutzrechtlicher Bestimmungen müsse auffallen, wenn über einen „Patienten X“ wesentlich mehr Präparate abgerechnet werden, als eine Einzelperson mit einer chronischen Erkrankung wie Aids verschrieben bekomme. Voraussetzung für die Entdeckung seien allerdings ausreichende Kontrollen in Verdachtsfällen.