Erdwärme

Gasag sucht Heißwasser unter Flugfeld Tempelhof

Auf der Suche nach der Wärme: Unter dem Flughafen Tempelhof soll heißes Wasser sprudeln. Der Energieversorger Gasag will es erschließen.

Foto: Massimo Rodari

Unter dem Flughafen Tempelhof befindet sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ein natürliches Heißwasserreservoir. Wie groß das Volumen der wasserführenden Schichten ist, wird nun erforscht. Im Auftrag des Energieversorgers Gasag und unter der wissenschaftlichen Aufsicht des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ) führt derzeit ein Geophysik-Unternehmen auf dem einstigen Flughafengelände seismische Messungen durch. Geklärt werden soll mit den Untersuchungen, ob es sich lohnt, das Thermalwasser-Reservoir in der Tiefe zur Energiegewinnung zu erschließen. Denn mit Erdwärme lassen sich Gebäude beheizen, Kühlanlagen betreiben und Strom erzeugen.

"In vier Kilometern Tiefe ist Wärme mit einer Temperatur zwischen 130 und 150 Grad Celsius vorhanden", sagt Diplom-Geophysiker Kemal Erbas. "Wie groß das Volumen ist und die damit verbundene Energiemenge, finden wir durch Messungen heraus." Schätzungen gehen unter dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg von einem Heißwasserspeicher mit einer Ausdehnung von rund 80 Quadratkilometern aus. In den vergangenen Tagen waren zwei Spezialfahrzeuge im Einsatz. Entlang von zwei jeweils 1,8 Kilometer langen Messstrecken haben die Fahrzeuge alle 40 Meter Schallwellen erzeugt. Diese wurden an den Gesteinsstrukturen in der Tiefe reflektiert und an der Eroberfläche von 360 mit einander verbundenen Schallwellenmessgeräten, so genannten Geophonen, empfangen. Bis zum Sommer sollen die Ergebnisse der Messungen vorliegen.

"Die Gasag und ihre Projektpartner werden dann entscheiden, ob eine Erkundungsbohrung, weitere Messungen und Bohrungen sowie der Bau einer Anlage auf dem Gasometer-Gelände folgen", sagt der Geothermie-Experte der Gasag, Stefan Bredel-Schürmann. "Sollte alles planmäßig verlaufen, könnte 2013 mit der Wärmeversorgung begonnen werden."

Auf dem Gelände des Europäischen Energieforums (EUREF) rund um den Schöneberger Gasometer soll ein Geothermie-Pilotprojekt entstehen. Aus diesem Grund waren auch zwölf Messgeräte auf dem Areal platziert. Rund zwei Drittel der Heizung und der Warmwasserversorgung des Energieforums sollen in naher Zukunft durch Erdwärme abgedeckt werden. Nach Angaben der Gasag könnten langfristig sogar etwa fünf Prozent der Berliner Haushalte mit Erdwärme versorgt werden. "Die tiefe Geothermie ist keine Technik, um einzelne Gebäude zu versorgen", sagt Bredel-Schürmann. "Sie ist für große Flächen, wie etwa ganze Straßenzüge geeignet." Befürchtungen, dass durch die Bohrungen und den Austausch von Heiß- und Kaltwasser eventuell Erdbeben oder Risse in Häusern entstehen könnten, werden von Fachleuten für unberechtigt gehalten. "In diesen Tiefen zwischen eineinhalb und vier Kilometern gibt es keine Risiken von Bewegungen im Bodenbereich", sagt Geophysiker Kemal Erbas.

Besitzer von Einfamilienhäusern profitieren mittlerweile von dem heißen Wasser unter der Erde. Hier sprechen die Fachleute von der oberflächennahen Geothermie. Das Prinzip ist das gleiche. Heißes Wasser wird über eine Bohrung nach oben befördert. In einem Wärmetauscher gibt das Wasser seine Wärme ab. Die wird in das Heiznetz eingespeist oder zur Stromerzeugung genutzt. Das abgekühlte Wasser wird zurück in die Erde gepumpt.

Einer der Vorreiter für diese Technologie ist die Astor Wohnbau GmbH. Sie hat vor vier Jahren begonnen, die Geothermie für ihre Objekte zu nutzen. Für ein Haus in Lichterfelde wird aus 75 Metern Tiefe rund 50 Grad warmes Wasser für die Heizung und die Warmwasserversorgung nach oben gepumpt. Rund 70 Prozent des Hauses werden so versorgt, der Rest kommt aus anderen Energiequellen. "Das senkt die Energiekosten um ungefähr die Hälfte", sagt Andreas Schüler, Geschäftsführer des Unternehmens. "Die Technik ist um 8000 bis 10000 Euro teurer als eine moderne Gasbrennwerttechnik, nach acht bis zehn Jahren hat sich die Investition aber amortisiert." Fast noch wichtiger als die Wärmegewinnung ist für Schüler die Kältegewinnung aus der Erdwärme. Mit Hilfe der Sorptionsklimaanlage wird nach dem "Kühlschrankprinzip" mit Wärme Kälte erzeugt und zur Kühlung von Räumen verwendet. Ein nicht zu unterschätzender Energiefaktor in heißen Sommermonaten. "Ohne großen Energieaufwand konnten wir im vergangen Sommer die Temperatur unter dem Dach von 45 Grad auf 25 Grad herunter kühlen."

Es besteht sogar die Möglichkeit, ein Haus komplett mit Erdwärme zu heizen. "Dann müsste das Haus aus mehreren Bohrungen gespeist werden", sagt Schüler. "Und die kosten viel Geld." Die Genehmigungen für die Bohrungen bis zu einer Tiefe von 100 Metern werden nach Antrag von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz erteilt. Auch hier besteht nicht die Gefahr von riskanten Bodenbewegungen. "Die Anzahl der Nutzer der Oberflächen nahen Geothermie ist eingeschränkt", sagt Gasag-Experte Bredel-Schürmann. "Es gibt immer nur eine begrenzte Menge Warmwasser an einer Stelle."

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