Ralf Schüler

ICC-Architekt nach kurzer Krankheit verstorben

Kaum einer prägte das Stadtbild West-Berlins wie Architekt Ralf Schüler. Die Entwürfe von mehr als 250 Gebäuden stammen aus seiner Feder. Der in Pankow geborene Baumeister wurde 80 Jahre alt.

Foto: Reto Klar

Die Architekturwelt trauert um einen ihrer großen Baumeister: Am Donnerstag verstarb der Berliner Architekt Ralf Schüler nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren im Franziskus-Krankenhaus in Tiergarten. Der Architekt, dessen silbern glänzendes futuristisches Internationales Congress Centrum (ICC) zu den wenigen Gebäuden der Stadt gehört, die Weltruhm erlangten, prägte wie kein anderer das Bild West-Berlins.

Erst kurz vor seinem 80. Geburtstag am 26. Oktober hatte Ralf Schüler zusammen mit seiner Ehefrau, der Architektin Ursulina Schüler-Witte sein letztes großes Mammutprojekt abgeschlossen. Drei Jahre hatte der gebürtige Pankower gebraucht, um seine umfangreiche Werksammlung zu sichten und die besten Stücke in das Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur zu schaffen. 1500 Pläne, Detailplanungen, 100 Ordner mit Schriftmaterialien sowie ein gutes Dutzend Modelle hat er zum großen Teil noch persönlich mit seinem Mazda in der Berlinischen Galerie abgeliefert.

250 Gebäude entworfen

Ralf Schüler hatte gemeinsam mit seiner Frau seit 1967 rund 35 Jahre lang ein äußerst produktives Architekturbüro geführt. Rund 250 Gebäude haben die Eheleute im Laufe ihrer Berufstätigkeit entworfen, von denen ein großer Teil auch gebaut wurde. Die beiden hatten sich beim Studium an der Technischen Universität Berlin (TU) kennengelernt, wo sie bei Hans Scharoun und Bernhard Hermkes, deren Bauten und städtebaulichen Entwürfe damals als wegweisend galten, bald mitarbeiten durften. Ihr Beitrag zur Erweiterung der „Berliner Ausstellungen“ um eine Kongresshalle – später ICC – im Jahr 1965, bescherte den beiden dann den ganz großen Erfolg, auch wenn bis zur Realisierung des Tagungskolosses mit seinen eindrucksvollen Maßen von 320 Meter Länge, 80 Meter Breite und 40 Meter

Höhe noch viele Jahre vergingen. Die Planung und Realisierung des Bauwerks, das mit seinen damals unerhörten Kosten von einer Milliarde DM einen politischen Skandal verursachte, beanspruchte immerhin zehn Jahre – von 1969 bis 1979.

Mit seinen 80 Sälen und Räumen von 20 bis 9100 Plätzen ist das ICC zwar bis heute das größte Kongresszentrum Europas – dennoch gilt es mittlerweile als zu klein. Nach zähen politischen Debatten – unter anderem wurde auch der Abriss diskutiert – fasste der Senat endlich 2008 den Beschluss, das Haus technisch auf den neuesten Stand zu bringen und zu erweitern. Geschehen ist das bislang jedoch nicht. Die Abriss-Debatte hatte bei Schüler tiefe Spuren hinterlassen, genauso wie die Tatsache, dass der in knalligem Orange und Violett gehaltene U-Bahnhof Schloßstraße zunehmend verwahrlost und sein poppig-rotes Turmcafe an der Schloßstraße, der „Bierpinsel“, trotz seiner heftigen Proteste von der neuen Besitzerin mit Graffiti-Kunst verfremdet werden durfte. Auch dass das große Spektrum seiner Arbeiten – so schuf er neben den Pop-Art-Bauten auch so zurückhaltende und berührende Werke wie das Rosa-Luxemburg-Denkmal am Landwehrkanal – in keiner Ausstellung gewürdigt wurde, kränkte ihn: „Wir werden systematisch ignoriert“, kommentierte er achselzuckend, als auch sein 80. Geburtstag verstrich, ohne dass ihm in der Hauptstadt eine Werkschau gewidmet wurde. Dabei hatte er den Großteil seiner Entwürfe für Berlin geplant. Dass er nicht nur ein penibler Planer, sondern auch ein großer Tüftler war, bezeugten die zahlreichen Häusermodelle sowie Brücken- und Tunnelkonstruktionen, die in buntem Durcheinander an den Wänden seiner Charlottenburger Wohnung hängen oder von der Zimmerdecke baumeln. Schüler ließ es sich nicht nehmen, zu jedem seiner Projekte auch gleich das passende Modell selbst zu erstellen. Viele Stunden verbrachte er in den letzten Wochen damit, seine Studienarbeit aus den 50er-Jahren, den Entwurf für einen kompletten Luftschiffhafen in der Nähe Berlins, in mühevoller Kleinarbeit als Modell erstehen zu lassen. „Das Schöne an dieser Arbeit ist, dass sie frei von fremden Einflussnahmen und Beschränkungen ist, denen Auftragswerke ja notgedrungen immer unterliegen“, begründete Schüler seine späte Liebe zu seinem Frühwerk.

„Das Architektenduo Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte zählt neben Fritz Bornemann, Werner Düttmann und Georg Heinrichs zu den herausragenden Architekten-Persönlichkeiten im West-Berlin der 1960er- bis 1980er-Jahre“, würdigte am Freitag das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur in einem Nachruf die Bedeutung Schülers.

Die Betonung des Technischen und Konstruktiven unter Einsatz neuer Baustoffe und innovativer Fertigungsmethoden sowie ihr umfassender Gestaltungsanspruch, Gesamtkunstwerke „aus einem Guss“ zu entwerfen, zeichneten die Arbeiten aus. Mit Gebäuden wie dem Turmrestaurant Schloßstraße und vor allem ihrem Hauptwerk, dem ICC, sei es ihnen gelungen, skulpturale, stadtbildprägende Großbauten zu entwickeln, „die weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung fanden und heute zu den herausragenden Leistungen der Berliner Nachkriegsmoderne zählen“.

In den vergangenen Wochen hatte Ralf Schüler, so berichtete seine Frau, noch seine Vita zu Ende geschrieben, bevor er sich vor wenigen Tagen aufgrund diffuser Schmerzen ins Krankenhaus einweisen ließ. „Ich bin noch immer geschockt über seinen plötzlichen Tod“, sagte Ursulina Schüler-Witte. Seine letzte Ruhe finden wird der große Berliner Architekt, der sich nie ohne sein Markenzeichen, die schwarze Fliege, zeigte, im Familiengrab auf dem Parkfriedhof Lichterfelde. Dort wird am 22. März 2011 auch die Trauerfeier um 11 Uhr stattfinden.