Verkehrssicherheit

"Geisterräder" erinnern an verunglückte Radfahrer

Mit den ersten Sonnenstrahlen sind auch wieder die Fahrradfahrer in Berlin unterwegs. In Vergessenheit geraten aber häufig die Radler, die bei Unfällen ums Leben gekommen sind. Der ADFC will dies nun ändern.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Es ist kaum zu übersehen: Die warme Frühlingssonne und die stark gestiegenen Benzinpreise haben bereits viele Berliner dazu veranlasst, ihre Räder aus dem Keller zu holen. Für den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) war der Beginn der neuen Radlersaison Anlass, die Aktion "Geisterräder" zu starten. An sechs Stellen in der Stadt stellten ADFC-Aktivsten am Mittwoch weiß lackierte, herrenlose Fahrräder auf. Mit ihnen wird der sechs Radfahrer gedacht, die im vorigen Jahr auf den Straßen Berlins - fast immer durch fremdes Verschulden - tödlich verunglückt sind. Vorbild der Aktion sind die "Ghost Bikes", die erstmals 2003 in den USA zu sehen waren.

Eines der Berliner "Geisterräder" steht an der Kreuzung Ernst-Ruska-Ufer und Wegedornstraße im Treptower Stadtteil Altglienicke. Auf einem kleinen Schild steht das Todesdatum "20. Juni 2010". Am Morgen dieses Tages war Christiane T. mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit, als sie trotz grüner Ampel für ihre Fahrtrichtung von einem abbiegenden Lastkraftwagen erfasst und fast 70 Meter weit mitgeschleift wurde. Der Lkw-Fahrer bemerkte davon nichts und wurde erst durch Zeichen entgegenkommender Autofahrer gestoppt. Die 49 Jahre alte Frau überlebte die Kollision nicht, sie verstarb noch am Unfallort. Die alleinerziehende Mutter hinterließ eine Tochter und einen Sohn.

Besonders häufig sind Lkw's Schuld

"Die Kinder leiden bis heute unter dem Verlust ihrer Mutter - der Unfall ist für uns alle noch immer unfassbar", sagt Norbert Laws, der Onkel von Christiane T. Gemeinsam mit anderen Familienangehörigen war er noch einmal an den Unfallort gekommen, um bei der Aufstellung des "Geisterrads" mit dabei zu sein. ADFC-Vorstand Bernd Zanke erinnerte dort daran, dass sich im Vorjahr in Berlin insgesamt 6182 Unfälle mit Radfahrerbeteiligung ereignet haben. Dabei seien rund 3800 Radfahrer leicht und 471 schwer verletzt worden. "Ein großes Problem für die Sicherheit der Berliner Radfahrer sind unachtsame Lkw-Fahrer, die beim Rechtsabbiegen die Fahrräder einfach übersehen", sagte Zanke. Allein drei der sechs Todesfälle des Vorjahres seien darauf zurückzuführen. Der ADFC fordert daher, dass es statt der Radwege auf Bürgersteigen, die hinter parkenden Autos und Bäumen oft nur schwer einsehbar seien, markierte Streifen für Radfahrer auf der Fahrbahn gibt. "Dort werden sie einfach besser von den Autofahrern wahrgenommen", so Zanke. Der ADFC-Vertreter gibt auch zu, dass Radfahrer nicht nur Opfer im Straßenverkehr sind, sondern durch Rücksichtslosigkeit und Nichtbeachten von Verkehrsregeln selbst oft andere Verkehrsteilnehmer gefährden.

So ist etwa das bislang einzige Todesopfer bei Fahrradunfällen in diesem Jahr darauf zurückzuführen, dass der betroffene Radfahrer trotz roter Ampel versucht hatte auf der Seestraße in Wedding einen Übergang zu überqueren. Dabei wurde er von einer Straßenbahn erfasst.

"Natürlich gibt es auch unter Radfahrern Schwarze Schafe", sagte Zanke. Er ist allerdings davon überzeugt, dass sich mit der Verlagerung des Radverkehrs auf die Straße die Sicherheit für alle erhöht. Als sinnvoll sieht er aber auch Ampel-Vorrangschaltungen für Radfahrer und mehr Geschwindigkeitsbegrenzungen an.