Dokumentation

ARD-Film über Heisig bleibt leider oberflächlich

Acht Monate nach ihrem Tod zeigt die ARD am Abend eine Dokumentation über die Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Doch der Film lässt viele Fragen offen - bei dem Versuch, Heisig zur Justizheiligen zu überhöhen.

Am Ende wird es noch einmal emotional. Hätte man etwas merken können, fragen die Filmemacherinnen Güner Balci und Nicola Graef zwei Kollegen der verstorbenen Richterin Kirsten Heisig. Hätte man vor dem Selbstmord etwas merken können. Beide Kollegen schweigen lange. Im Nachhinein, sagt schließlich einer von ihnen, hätte man etwas merken können. „Aber hinterher ist man immer schlauer.“

Die ARD begibt sich acht Monate nach dem Tod der Jugendrichterin noch einmal auf Spurensuche. Heraus kommt dabei ein Film, der versucht, Kirsten Heisig zu einer Überfigur zu glorifizieren. Einer Frau, die an der Aufgabe, die Justiz zu reformieren und dabei das eigene Familienleben im Lot zu behalten, zerbricht.

Die Filmemacherinnen haben Weggefährten Heisigs noch einmal aufgesucht und nach der vermeintlich unglaublichen Energie der Frau gefragt, die das Neuköllner Modell zur schnelleren Bekämpfung der Jugendkriminalität gegen große Widerstände in der Justizbürokratie durchgesetzt hat. Kirsten Heisig schaffte sich dadurch in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit, in den eigenen Reihen jedoch zum Teil Missgunst und Kritik. Der Justizapparat nimmt es seit jeher übel, wenn sich einer aus seinen Reihen zu weit hinaus in die Öffentlichkeit wagt.

Heisig suchte die Flucht in der Attacke: Sie schrieb ihren Bestseller: „Das Ende der Geduld“, in dem sie über ihre Erfahrungen aus dem Alltag im Krisengebiet Nord-Neukölln berichtete. Niemand ahnte damals, dass sie im Inneren am Abgrund wankte. Zwei Wochen vor ihrem Tod sprach sie im Gespräch mit Morgenpost Online von den Ängsten, die sie vor Erscheinen des Buches quälten. Sie fürchtete sich vor der Reaktion der Kollegen.

Gleichzeitig geriet ihr privates Leben aus dem Gleichgewicht. Selbst in unsicheren Verhältnissen aufgewachsen, versuchte sie später, den eigenen Kindern eine perfekte Mutter zu sein. Doch das misslang. Die Partnerschaft ging in die Brüche, Heisig zog aus – und stürzte sich noch mehr in die Arbeit. „Ein Mensch wie Kirsten Heisig wird nicht jeden Tag geboren“, sagt Kazim Erdogan von der türkischen Männergruppe, die Heisig oft besuchte. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sagt im Film über Heisig: „Sie war ein Mensch ohne Ausschalter.“

Doch was sie am Ende antrieb, welchen Abgründen sie sich gegenübersah, das alles bleibt der Film schuldig. Die Autorinnen scheuen allzu große Nähe und verharren so an der Oberfläche. An welchen Widerständen verzweifelte sie zuletzt, welchen Anteil spielte eine mögliche psychische Erkrankung, die am Rande des Films erwähnt wird? Gibt es für das Neuköllner Modell auch ohne Heisig eine Zukunft? Alle Fragen bleiben offen.

Kirsten Heisig war eine streitbare Frau, die sich nicht mit dem Zustand in der Berliner Justiz zufrieden gab und in einem kaum dagewesenen Kraftakt eine Reform anstieß. Balci und Graef wollen die Jugendrichterin aber zu einer Justizheiligen überhöhen. Das hätte sie sicherlich selbst deutlich von sich gewiesen.

Die ARD zeigt den Film „Tod einer Richterin – Auf den Spuren von Kirsten Heisig“ am heutigen Mittwoch (9. März 2011) um 22.45 Uhr.