Studie

So bewegen sich die Berliner durch die Stadt

Eine bundesweite Umfrage belegt: Berlin ist Spitzenreiter bei der umweltfrendlichen Fortbewegung. Fast jeder zweite Haushalt hat weder Auto, Motorrad oder Moped. Stattdessen legen die Berliner ihre Wege zunehmend lieber mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurück.

Berlin ist Spitzenreiter im Umweltverbund: Mehr als zwei Drittel der Hauptstädter verzichten auf das Auto und sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad unterwegs. Das ist das Ergebnis der bundesweiten Verkehrserhebung „Mobilität in Städten“, deren einzelne Daten und Auswertungen für Berlin jetzt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung online und als Flyer veröffentlicht wurden.

Während 29 Prozent der Berliner ihre Wege zu Fuß zurücklegen und 27 Prozent öffentliche Verkehrsmittel nutzen, fahren 13 Prozent der Hauptstädter mit dem Fahrrad. Demgegenüber werden nur 32,2 Prozent aller Wege der Berliner im Motorisierten Individualverkehr (MIV), also mit Auto oder Motorrad, zurückgelegt. Zum Vergleich: Der Anteil der individuellen motorisierten Fortbewegung liegt in Düsseldorf, Bremen und Leipzig immerhin bei etwa 40 Prozent, Frankfurt am Main kommt auf 34,4 Prozent. Den größten MIV-Anteil verzeichnen allerdings kleinere Städte wie Zwickau mit 60,8 Prozent MIV-Anteil, gefolgt vom fränkischen Fürth mit 50,1 Prozent.

20.000 Haushalte befragt

Die von der TU in Dresden statistisch ausgewerteten Daten stammen aus einer Verkehrsbefragung, die bereits 2008 in mehr als 70 Städten und Gemeinden vorgenommen wurde. Wie Frank Leißke vom Dresdener Institut für Verkehrsplanung und Straßenverkehr am Freitag der Berliner Morgenpost sagte, wurde das Verkehrsverhalten von 20000 repräsentativ ausgewählten Berliner Haushalten „durch eine Agentur in einem Methoden-Mix aus Telefoninterview, schriftlicher- und Online-Befragung erfasst“.

Auch im Vergleich der nicht motorisierten Haushalte führt Berlin – allerdings gleichauf mit Potsdam. „Knapp 44 Prozent aller Berliner Haushalte haben laut den Daten von 2008 kein Auto, das ist beachtlich“, sagt Frank Leißke.

Nur 54 Prozent aller Privatfahrzeuge werden täglich genutzt. Wobei sich Berliner, die außerhalb des S-Bahn-Rings wohnen, was kaum überrascht, häufiger ans Steuer setzen (täglich 56 Prozent) als jene, die innerstädtisch wohnen (49 Prozent). Deutliche Unterschiede zeigen sich auch zwischen den zwölf Bezirken (siehe Grafik). Während in Spandau und Reinickendorf am häufigsten das Auto genutzt wird (44 Prozent), steigen die Lichtenberger am häufigsten in öffentliche Verkehrsmittel. Spitzenreiter beim Tritt in die Pedale sind die Bewohner von Friedrichshain-Kreuzberg mit 21 Prozent, während in Mitte das Zu-Fuß-Gehen (35 Prozent) angesagt ist.

Die Länge der Strecke, die Berlins Autofahrer mit ihrem Wagen täglich zurücklegen, beträgt im Mittel 9,5 Kilometer.

In Abhängigkeit vom Ziel dominieren bei den Wegen ganz unterschiedliche Verkehrsmittel. Für Wege zum eigenen Arbeitsplatz sind dies die öffentlichen Verkehrsmittel; Wege zum Einkauf, sonstige Erledigungen oder in der Freizeit werden zu Fuß zurückgelegt. Wer dienstlich unterwegs ist, nutzt nach Angaben der Senatsverwaltung eher das Auto. Das Fahrrad hingegen ist am häufigsten Verkehrsmittel der Wahl bei Wegen zum Kindergarten, zur Schule oder zur Ausbildung.

Senat sieht sich bestätigt

Für Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist die Spitzenreiterrolle von Berlin bei der umweltfreundlichen Mobilität „die Bestätigung der Verkehrspolitik des Senats, die weg vom Auto und hin zu alternativen Fortbewegungsmitteln zielt“, wie ihr Sprecher Mathias Gille am Freitag der Berliner Morgenpost sagte. Die Kritik der Grünen, wonach das veränderte Mobilitätsverhalten der Berliner Folge eines Trends und der hervorragenden Stadtstruktur Berlins, aber nicht der Steuerung des Senats sei, wies Sprecher Gille vehement von sich.

Claudia Hämmerling, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, monierte am Freitag unter anderem erneut „das Fehlen von Konzepten für die S-Bahn“. Rot-Rot habe zudem den Neubau Tausender Parkplätze in der Innenstadt vorangetrieben und plane jetzt kurz vor der Wahl einen radikalen Abbau von Stellplätzen, kritisiert Hämmerling in einer Pressemitteilung.

„Der Rückgang des automobilen Verkehrs ist eine bewusste Entscheidung der Berliner für mehr Lebensqualität in der Stadt“, sagte hingegen Mathias Gille. Dass der relativ geringe Anteil am Autoverkehr möglicherweise auch mit der Sozialstruktur der Stadt zusammenhänge, wies Junge-Reyers Sprecher zurück. „Es gibt sicher soziale Probleme in der Stadt, die aber die Notwendigkeit, den öffentlichen Personen- und Nahverkehr zu fördern, eher noch stärken“, sagte Gille.