Virtuelle Kaffeekränzchen

Ein "Graf" ist Berlins beliebtester Tortenblogger

Lo Graf von Blickensdorf hat Fans auf der ganzen Welt, die mit ihm das Konditern und die Liebe zum Kuchen teilen. Fast täglich testet der 60-Jährige neue Konditor-Kreationen und schreibt darüber in seinem Blog.

Foto: Massimo Rodari

Das Objekt seiner Begierde heißt Camelia. Einige Minuten beäugt Lo Graf von Blickensdorf die runde Köstlichkeit. Ein pastelliges Kleid aus Mango-Creme, gekrönt von einer geviertelten Erdbeere, die auf dem schmelzenden Schokoladenplättchen leuchtet. Der Graf holt sein Handy hervor, fotografiert die Kalorienbombe, wenige Minuten später erscheint sie auf seinem Blog und seiner Facebook-Seite .

Nach dem Shooting kommt das Vergnügen: Der Graf führt den Porzellanteller auf Brusthöhe, teilt mit der Gabel ein kleines Stück heraus, lässt die zuckrige Masse langsam auf der Zunge zergehen. Dann blickt er sich im Café um. Meist entdeckt er etwas, das einen süffisanten Kommentar wert ist - dann ist das virtuelle Kaffeekränzchen perfekt. Bei der Entdeckung kann es sich auch um einen Menschen handeln: Kürzlich traf er die Schauspielerin Anouschka Renzi - Futter für den Blog. Gerne lästert der Graf auch über schlecht angezogene Freiberufler, die in den Cafés das kostenlose Zeitungsangebot weidlich ausnutzen.

Lo Graf von Blickensdorf ist seit ein paar Monaten Berlins angesagtester Tortenblogger. Über 4000 Menschen folgen ihm bei Facebook oder lesen seinen Blog. Die Idee, seine nachmittäglichen Kaffeehausbesuche im Internet zu zelebrieren, kam mit dem neuen Mobiltelefon. Fast täglich testet er neue Konditor-Kreationen. Der 60-Jährige ist verrückt nach Kuchen, schwärmt von Arrangement der Farben und Formen dieser zuckrigen Kunstwerke. "Es gibt kein schöneres Geräusch als das Klappern von Kuchengabeln am Nachmittag", pflegt er zu sagen. Ein paar Mal sendete der Graf Bilder von besonders bunten Törtchen an Facebook - und plötzlich kommentierten immer mehr Bekannte, fragten nach Adressen der besten Kaffeehäuser, fachsimpelten über Konditorkunst, Tortentradition oder Sahnearrangements.

Fans aus England und USA

"Es ist eben ein ästhetisches Erlebnis und dazu noch kalorienfrei", erklärt der Graf den neuen Trend. Inzwischen hat er Fans aus England oder Amerika, die bei ihrem nächsten Berlin-Besuch eine Torten-Tour planen. So fungiert er auch als Wegweiser durch die Berliner Kaffeehauskultur. Des Grafen liebste Plätze sind etwa das Museumscafé "Surreale Welten" am Schloss Charlottenburg oder die Konditorei Harry Genenz in Westend. Er schwärmt auch vom Charlottenburger Café Kredenz, das den besten Käsekuchen der Stadt machen soll. Auch in Kreuzberg hat der Graf einen Tipp: Dort gebe es ausgezeichnete Torte - leider nur to go - bei Mister Minsch, einem Konditormeister in der Yorkstraße. Mit der Kaffeehauskultur wie es sie in Wien oder Prag gebe, könne Berlin nicht mithalten. "Viele Cafés stellen ihre Kuchen nicht in Vitrinen, das ist ein Fauxpas", rügt der Graf. Ebenso störend sei, dass teure Tortenstücke liegend serviert werden. Aber er ist sich sicher: "Das Konditern wird wieder mehr Anhänger finden, auch jüngere", sagt er.

Die virtuelle Kuchengemeinde will am frühen Nachmittag gefüttert werden. Lo Graf von Blickensdorf verführt sie mit kunstvoll verzierten Praliné- oder Himbeertörtchen, Riesenwindbeuteln oder Aprikosentartelettes. Den Beliebtheitsrekord erzielte jüngst die Mangosahneschnitte "Butterfly": von 52 Usern für gut befunden, 32 Mal kommentiert. Es gibt auch mal Kritik, etwa, dass die Sahne nicht richtig über das Biskuit gegossen wurde.

Dabei ist es den meisten Fans egal, dass sich da ein falscher Graf empfiehlt. Der gebürtige Münsteraner ist kein echter Blaublütiger, eher nimmt er den Adel mit seiner Kunstfigur aufs Korn. Lothar Blickensdorf kam in den 80er-Jahren nach Berlin, arbeitete als Maler und Comedy-Autor, u.a. für Harald Schmidt oder das Satire-Magazin Eulenspiegel. Die Wirtschaftskrise machte ihm zu schaffen, er musste sich neu erfinden. "Lieber Graf als arbeitslos, dachte ich mir." Er legte sich den Künstlernamen Lo Graf von Blickensdorf zu, rasierte sich ein hauchdünnes Oberlippenbärtchen und investierte in eine Gardarobe. Nun trägt er nicht mehr ausgebeulte Jeans, sondern Kaschmir-Sakko und Siegelring, zu besonderen Anlässen auch den Gehstock mit versilbertem Knauf mit.

Mit der Methode schnorrt sich Lo Graf von Blickensdorf durchs Leben. Nach dem nachmittäglichen Genuss im Kaffeehaus reicht er kein Geld, sondern seine Visitenkarte. Seit dort der gräfliche Name unter dem rot-gelben Wappen prangt, geht die Rechnung oft aufs Haus. "Ich erhalte plötzlich Einladungen zu Botschaftsempfängen oder Berlinale-Partys", sagt Lo Graf von Blickensdorf. Kürzlich habe er in einem Sterne-Restaurant neben Wolfgang Schäuble reserviert, sich mit ihm bekannt gemacht. Und siehe da, der Finanzminister zahlte. Versichert zumindest der falsche Graf. Ein Fan soll ihm sogar eine Bahncard 100 gesponsert haben. Seither fährt er oft 1. Klasse und staunt über die Wirkung. "Die Leute sind plötzlich höflicher, zuvorkommender", sagt Lo Graf von Blickensdorf. Ein schlechtes Gewissen mag er nicht haben, hält er doch den Menschen irgendwie den Spiegel vor.

Inzwischen hat er sich dem Verteidigungsministerium empfohlen, jetzt da es dort die Stelle eines Staatssekretärs zu besetzen gibt. Er hat auch schon eine Strategie für Afghanistan. "Die Bundeswehr muss Kuchen an die Taliban verteilen", sagt er augenzwinkernd. "Wer konditert, der führt keine Kriege."