Zensus 2011

Ab Mai kommen die Volkszähler nach Berlin

Ab Mai werden die Deutschen gezählt. Der Zensus beginnt. Wer befragt wird, muss Auskunft geben. Doch in Berlin fehlen noch 800 Interviewer, in Brandenburg geben sich Betrüger telefonisch als Volkszähler aus und in Sachsen will die NPD den Zensus missbrauchen.

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Am Telefon meldet sich eine freundliche Männerstimme. Er sei vom Amt für Statistik und erhebe Daten für die Volkszählung, sagt der Mann. Er nimmt Daten zur Person auf, zu Alter, Adresse und Familienstand. Und dann fragt er, welche Weinsorten man eigentlich am liebsten trinke.

„Wer solche Anrufe bekommt, kann sicher sein: Wir stecken definitiv nicht dahinter“, sagt Ulrike Rockmann, Präsidentin im Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. Im Mai startet deutschlandweit der „Zensus 2011“, die erste Volkszählung seit der Wiedervereinigung – deswegen gehen beim Amt im Potsdam jetzt immer öfter Meldungen über falsche Anrufer ein. „Trittbrettfahrer gibt es leider immer wieder“, sagt Rockmann. Aber die Volkszähler würden niemals per Telefon Kontakt aufnehmen – ab Mai werden ausgewählte Haushalte persönlich Besuch von den Zensus-Mitarbeitern bekommen, die immer ihren speziellen Ausweis vorzeigen müssen. Und alle Haushalte, die befragt werden, bekommen vorher eine schriftliche Ankündigung.

In der alten Bundesrepublik wurde die Bevölkerung zuletzt 1987 gezählt, in der DDR liegt der letzte Zensus 30 Jahre zurück. Seither wurden die Daten zur Bevölkerungsstruktur der Deutschen einfach fortgeschrieben – anhand von Sterbe- und Geburtenzahlen, von Migration und Meldedaten. Die Einwohnerzahl von knapp 82 Millionen ist für Deutschland also nur geschätzt. Ab November 2012 könnte sie mit einem Schlag rapide sinken. Dann nämlich werden die ersten Ergebnisse des Zensus veröffentlicht. „Die Bevölkerungszahl zu ermitteln ist unser vorrangiges Ziel“, sagt Rockmann. „Wir gehen davon aus, dass es etwa 1,3 Millionen weniger Deutsche gibt, als bisher angenommen.“ Auf Anweisung der EU wird nun also neu gezählt, alle zehn Jahre soll sich diese Inventur ab jetzt wiederholen. Genaue Bevölkerungsdaten sind nach Ansicht der Statistiker wichtig, schließlich gründet sich in Deutschland jede Menge Bürokratisches auf diesen Daten – vom Zuschnitt der Wahlkreise bis zur Bemessung des Länderfinanzausgleichs.

Wer sich weigert, dem drohen Zwangsgelder

Anders als vor der Wende, als der Zensus noch von Protesten und massivem Widerstand der Bevölkerung begleitet wurde, wird für den Zensus 2011 aber nicht jeder einzelne Bundesbürger befragt. Ein Computer ermittelt stichprobenartig und zufällig eine bestimmte Anzahl von Haushalten. In Berlin soll diese Gruppe repräsentativ für jeden Bezirk sein. Jeder Bewohner eines ausgewählten Haushaltes wird dann zu seiner Lebenssituation befragt – vom Baby bis zur Großmutter. Und die Teilnahme ist gesetzlich vorgeschrieben. „Jeder muss Auskunft geben“, sagt Rockmann. Wer sich weigert, dem drohen Zwangsgelder – ab 300 Euro aufwärts.

Nur wann und auf welche Weise die Befragung geschieht – diese Faktoren können die Befragten beeinflussen. So können mit den Interviewern Alternativtermine vereinbart werden, auch am Abend oder am Wochenende. Wer niemanden zur Befragung in die Wohnung lassen möchte – dies ist nämlich keine Pflicht – kann sich auch an der Haustür den Fragebogen mit den 46 Fragen aushändigen lassen und ihn per Hand oder auch im Internet ausfüllen.

Wer ab Mitte Mai an den Türen der Auserwählten klingeln wird, steht allerdings noch nicht vollständig fest. Für Berlin fehlen noch 800 Helfer. Es gebe bereits viele Freiwillige aus der Verwaltung, heißt es beim Amt für Statistik, aber etwa die Hälfte der benötigten Kräfte fehlt noch. „Wir sind noch nicht in Panik, sondern guter Dinge die erforderliche Zahl an Helfern zusammen zu bekommen“, sagt Ulrike Rockmann. Doch das Amt muss nicht nur innerhalb von zwei Monaten 800 Helfer finden und schulen, sondern auch bei der Auswahl vertrauenswürdiger Interviewer besondere Sorgfalt walten lassen. In anderen Ländern wie Sachsen und Hessen hat die rechtsextreme NPD ihre Anhänger bereits dazu aufgerufen, sich als Volkszähler zu melden – als „Grundstein für eine nationaldemokratische „Marktforschung“ zur idealen Wähleransprache“. Außerdem wolle man auch Eindrücke von den persönlichen Lebensverhältnissen „des ein oder anderen Antifaschisten“ bekommen, schrieb die sächsische NPD in ihrem Aufruf.

Diverse Datenschutzmaßnahmen

Gesinnung oder Vorstrafen kann das Statistik-Amt bei der Einstellung aber nicht stichhaltig überprüfen – ein Polizeiliches Führungszeugnis etwa wird für die Arbeit nicht verlangt. „Wie bei jedem Einstellungsgespräch müssen wir uns auch auf unsere Menschenkenntnis verlassen“, sagt Rockmann. „Wir schauen uns sehr sorgfältig an, wen wir einstellen.“ Für Berlin habe es zudem bisher keine verdächtigen Aufrufe irgendwelcher Gruppen gegeben, sich als Zensus-Helfer zu melden. Auch von der zuständigen Datenschutz-Behörde in Brandenburg kommt Entwarnung. „Bisher gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass das Interviewer-System in Berlin oder Brandenburg ausgenutzt werden soll“, sagt Sprecher Sven Müller. Die Landesbeauftragte für Datenschutz, Dagmar Hartge, sei von Beginn der Zensus-Planungen im Jahr 2008 an, in die Konzeption eingebunden gewesen, sagt Müller. „Es gibt bisher keinen Anlass für datenschutzrechtliche Bedenken.“

Die Zensus-Helfer werden zu Geheimhaltung und Datenschutz verpflichtet, stellt auch Ulrike Rockmann klar. „Wer dagegen verstößt, begeht eine Straftat. Das verfolgen wir dann auch.“ Die Interviewer können also nicht einfach ausgefüllte Fragebögen in den Müll werfen. Jeder Bogen ist mit einer Registriernummer versehen. Fertige Fragebögen werden in einer versiegelten Mappe verwahrt. „So sind sie etwa auch vor dem Szenario sicher, dass ein Interviewer im Treppenhaus stürzt und der Inhalt des Aktenkoffers durchs Haus segelt“, sagt Rockmann. Alle ihnen möglichen Sicherheitsmaßnahmen seien ergriffen worden.