Bildungspolitik

Mangel an Kita-Plätzen setzt Senat unter Druck

Berliner Eltern sind verzweifelt: Immer noch gibt es viel zu wenig Kita-Plätze. Es müssten mindestens 15.000 neue geschaffen werden, doch Bildungssenator Zöllner lehnt Hilfsprogramme ab und verweist auf die Verantwortung der Bezirke.

Foto: Marion Hunger

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) steht unter Druck. Bisher hatte der Senator Probleme bei der Kitaplätzen stets abgestritten, auch der Mangel an Erziehern war kaum Thema für die Bildungsverwaltung. Am Donnerstag forderten die Abgeordneten nun Lösungsvorschläge von Zöllner.

Jugendämter vieler Bezirke berichteten von verzweifelten Eltern, die keine Betreuung für ihre Kinder finden. Die Kita „Casa Fantasia“ vom Träger Fröbel im Bezirk Mitte hat lange Wartelisten und muss viele enttäuschte Eltern wieder wegschicken. „Uns kontaktieren täglich Eltern, teilweise in besonders problematischer Situation, weil ihr Arbeitsplatz gefährdet ist, da sie nicht wie ursprünglich vereinbart nach der Elternzeit wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können“, sagte Frank Zopp, Sprecher der Fröbel-Kitas in Berlin. In Friedrichshain-Kreuzberg konnten etwa 100 suchende Eltern noch nicht versorgt werden. Und auch in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Mitte und Neukölln ist es schon schwierig, allen Suchenden rechtzeitig einen Platz anzubieten.

Die Gründe für die neuen Engpässe sind eigentlich erfreulich: In Berlin nimmt die Zahl der Kinder unter sechs Jahren zu. Durch das Elterngeld, das maximal 14 Monate gezahlt wird, wollen die Eltern relativ früh wieder in den Beruf einsteigen. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, denn durch die drei kostenfreien Kita-Jahre vor der Schule ist mit weiteren Anmeldungen zu rechnen. Ein Effekt, der durchaus vom rot-roten Senat erwünscht war, allerdings wurde versäumt, rechtzeitig genügend Kapazitäten zu schaffen.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband rechnet wie berichtet damit, dass in Kürze mindestens 15.000 neue Plätze geschaffen werden müssen. Die Träger fühlen sich allerdings überfordert, denn die Zuschüsse für bauliche Maßnahmen reichen nicht aus. Zudem sind Erzieher kaum auf dem Arbeitsmarkt verfügbar, heißt es. Die Bildungsverwaltung verweist auf die Verantwortung der Bezirke in Sachen Kita-Planung. Doch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat in einem Brandbrief bereits ein Sofortprogramm vom Senat zur Bekämpfung des Kita-Notstandes gefordert. Der Bezirk hofft auf die Übertragung ehemals landeseigener Immobilien aus dem Liegenschaftsfonds an den Bezirk oder auf finanzielle Mittel für Neubauten oder Erweiterungen.

Kein Überblick über freie Plätze

Ein solches Hilfsprogramm lehnt Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) bislang ab. Für die Kita-Planung seien in erster Linie die Bezirke zuständig, sagte der Bildungssenator am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Allerdings sollen jetzt alle Bezirke an einen Tisch geholt werden, um Angebot und Nachfrage besser zu koordinieren. Denn bisher gibt es keine Übersicht, wo es in den Bezirken freie Plätze gibt. Lediglich die belegten Plätze werden in den Jugendämtern erfasst. Eigentlich müsste es, so Zöllner ein Überangebot an Kitaplätzen geben. Derzeit seien 120.000 Kinder in den Einrichtungen, die Kapazitäten würden aber für 140.000 Plätze reichen.

Diesen Überschuss gibt es nur auf dem Papier, sagte Elfi Jantzen, jugendpolitische Sprecherin der Grünen. Die Träger könnten keine zusätzlichen Gruppen eröffnen, weil sie keine zusätzlichen Erzieher finden, sagte Jantzen. Tatsächlich haben die Kitas bereits jetzt Schwierigkeiten, die vorgeschriebenen Gruppengrößen einzuhalten. Mit Hilfe des Volksbegehrens hatte der Landeselternausschusses Kita durchgesetzt, dass die Gruppengrößen um ein Kind pro Erzieher verkleinert werden. Dafür sollten bis Januar dieses Jahres 1800 zusätzliche Erzieher eingestellt werden.

Die Bildungsverwaltung setzt vor allem auf Quereinsteiger. Allerdings wurden im vergangenen Jahr nur drei Kandidaten zu den sogenannten Nichtschülerprüfungen an den Fachschulen zugelassen. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage der Grünen hervor. Besser angenommen wird die berufsbegleitende Ausbildung an den staatlichen und privaten Fachschulen. Insgesamt haben im Schuljahr 2010/2011 etwa 500 Quereinsteiger eine solche Teilzeitausbildung begonnen. An den öffentlichen Schulen wurden für das laufende Schuljahr 1025 Schüler für die Vollzeitausbildung zum Erzieher aufgenommen. Das sind sogar etwas weniger als im Vorjahr. An den privaten Schulen waren es mit 982, deutlich mehr als 2009/2010.

Für neue Plätze fehlen aber nicht nur Erzieher sondern auch Räume. „Einige Träger haben zwar ungenutzte Räume von den ehemaligen Hortgruppen, die sind aber nicht für Kleinkinder geeignet“, sagte Martin Hoyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.