Wohnmarktreport

In Berlin herrscht keine Wohnungsnot

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Christina Brüning und Wolf-Hendrik Müllenberg

Einem aktuellen Report der GSW Immobilien AG zufolge gibt es in Berlin genug Wohnungen. Die werden aber deutlich teurer. Auch im sozialen Wohnungsbau gibt es Mieterhöhungen von bis zu 800 Euro – weil die staatliche Förderung ausläuft.

In Berlin gibt es keine Wohnungsnot. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest der neue Wohnmarktreport der GSW Immobilien AG. Mieten und Kaufpreise steigen demnach allerdings weiter an, während die Neubauaktivitäten in der Stadt stagnieren. Allerdings entwickelt sich der Preisanstieg laut GSW nicht einheitlich, sondern im besseren Wohnungssegment deutlich stärker als im unteren.

Der Mittelwert der Mieten in Berlin ist der Untersuchung zufolge vergangenes Jahr gegenüber 2009 um 4,5 Prozent von 5,85 auf 6,11 Euro pro Quadratmeter angestiegen. Die Mietpreise für die am günstigsten angebotenen Wohnungen haben im Durchschnitt aber nur um 2,9 Prozent auf 4,30 Euro pro Quadratmeter zugelegt. Drastisch gestiegen sind dagegen Mieten und Kaufpreise für Wohnungen in guten Lagen. So ist der Mittelwert der am teuersten angebotenen Wohnungen 2010 um fast 14 Prozent auf 10,96 Euro Miete pro Quadratmeter gestiegen. Die Preise für Eigentumswohnungen haben sich im Mittel um 7,9 Prozent auf 1739 Euro pro Quadratmeter verteuert. „Luxus ist besonders gefragt“, sagte GSW-Chef Thomas Zinnöcker bei der Vorstellung des Reports.

Trotz wachsender Nachfrage nach Wohnungen werden nach Ansicht des GSW-Chefs alle Bevölkerungsgruppen in Berlin mit adäquatem Wohnraum versorgt. „Wir haben keine Wohnungsnot“, betonte Zinnöcker. Für die Empfänger von Hartz-IV-Leistungen oder niedrigen Renten, für Studenten oder niedrig bezahlte Berufstätige gebe es nach wie vor ein breit gefächertes Angebot.

Doch nicht nur die verschiedenen Marktsegmente weisen einen unterschiedlich hohen Mietanstieg auf, auch zwischen den Bezirken tun sich immer größere Lücken auf. So lag Charlottenburg-Wilmersdorf mit einem durchschnittlichen Quadratmeter-Mietpreis von 7,52 Euro über alle Segmente an der Spitze. Die Mietsteigerung in diesem Bezirk betrug vergangenes Jahr 10,2 Prozent. An zweiter Stelle folgt Friedrichshain-Kreuzberg mit 7,22 Euro pro Quadratmeter. In Pankow werden die dritthöchsten Mieten von durchschnittlich 6,90 Euro gezahlt. Das niedrigste Mietniveau weisen Reinickendorf (5,56 Euro), Spandau (5,26 Euro) sowie Marzahn-Hellersdorf mit 4,69 Euro auf.

Als eine der Ursachen für den Preisanstieg nannte Zinnöcker die Stagnation beim Wohnungsneubau. Der seit rund zehn Jahren sehr schwache Neubau habe sich auch 2010 kaum verändert. Wenn die Nachfrage steige und das Angebot über lange Zeit gleich bleibe, könne sich dies nur in steigenden Mieten und Preisen auswirken, sagte der GSW-Chef.

Mieterhöhung um fast 800 Euro

Welche Folgen der rasante Preisanstieg für Mieter haben kann, hat Atta Kader am 11. Februar gespürt. An diesem Tag fand der gebürtige Iraker ein Schreiben der „Claus Hausverwaltung“ im Briefkasten: Für seine 49-Quadratmeter-Wohnung in der Kochstraße 16 soll er ab März 76,78 Euro mehr bezahlen. Seine Warmmiete beträgt nun 557 Euro – viel Geld für einen Mann, der von 850 Euro im Monat lebt.

„Ich dachte, das ist ein Versehen“, sagt Kader. Doch der Grund für die Mietexplosion ist laut Hausverwaltung der Stopp der Wohnungsbauförderung aus dem Jahr 2003. Demnach darf der Eigentümer den dadurch fehlenden Betrag auf die Miete umlegen. Kader ist irritiert und klingelt bei seinem Nachbarn Herbert Adams. Der hat auch ein Schreiben der Hausverwaltung erhalten. Seine Mieterhöhung: 10,78 Euro, 66 Euro weniger als bei Kader – obwohl beide Wohnungen gleich groß und gleich geschnitten sind. Adams und Kader sind überzeugt: Mieter mit Migrationshintergrund haben wesentlich geringere Mieterhöhungen erhalten als Nachbarn deutscher Herkunft.

Drei Wochen später, Mitte dieser Woche, sitzen die beiden bei der Mieterversammlung der Wohnanlage – zwanzig Mieter sind gekommen. Sie alle sollen mehr zahlen und wollen wissen, wie sie sich dagegen wehren können. Die einen sind Mieter mit Migrationshintergrund, die sich gegen eine vermeintliche Diskriminierung wehren wollen – die anderen Deutsche, die an der Rechtmäßigkeit der Mieterhöhung zweifeln und sich mit ihren ausländischen Nachbarn solidarisieren.

So wie Nadja Külz. Sie wohnt mit ihrem Mann auf 98 Quadratmetern. Ihre Mieterhöhung beträgt 20 Euro, ihr Nachbar Riyadh Mansour soll 789,45 Euro mehr zahlen, obwohl er eine gleichgroße Wohnung hat. „Das ist doch perfide“, sagt Külz dazu. Sie engagiert sich gemeinsam mit der Anwältin Eva Maria Andrades vom Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin. Die Juristin spricht mit den Betroffenen: „Zunächst müssen wir klären, ob sich der Verdacht der Diskriminierung erhärtet.“ Andrades lässt Zettel verteilen, auf denen die Mieter Auskünfte über ihre Wohnungen und ihre Mieterhöhungen machen sollen. Sie erklärt den Betroffenen, welches Gesetz sie schützt: „Sie sollten ihre Ansprüche laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz binnen zwei Wochen bei der Hausverwaltung geltend machen.“

Die Hausverwaltung weist den Vorwurf der Diskriminierung von sich. „Ethnische oder gar rassistische Motivationen bei den Mieterhöhungen sind frei erfunden und entbehren jeglicher Grundlage“, sagt Stefan Claus, Geschäftsführer der Claus Hausverwaltung. Er verweist auf den Hauseigentümer, der für die unterschiedlichen Mieterhöhungen verantwortlich zeichne. Der Eigentümer der Wohnanlage Kochstraße 16–25 ist die TOV Kochstraße GmbH und Co. Sie hat das Objekt im Dezember 2010 ersteigert. Einer der beiden Geschäftsführer ist Menachem Jundef. Auf Anfrage der Morgenpost wollte sich Jundef zum Sachverhalt nicht äußern – er verweist zurück an die Hausverwaltung.