Integration

Roma-Kinder überfordern Berlins Lehrer

Hunderte Kinder aus Roma-Familien müssen in Neuköllns Schulen integriert werden. Sie sprechen häufig kein Deutsch und waren oft noch nie in einer Schule. Eine schwierige Situation für die Lehrer.

Foto: Reto Klar

Mit großen Augen schaut Damna ihre Lehrerin Kristina Scharfenberg an. Die hat die Sechsjährige gerade nach ihrem Namen gefragt. Damna antwortet nicht. Verlegen rutscht sie stattdessen auf ihrem Stuhl hin und her. Schließlich flüstert sie etwas, das weder ihre Lehrerin noch die anderen sieben Kinder im Stuhlkreis verstehen. Kristina Scharfenberg lobt das Roma-Mädchen trotzdem. „Das ist doch schon ganz gut“, sagt sie und spricht ihr noch einmal langsam und deutlich den richtigen Antwortsatz vor. Den müssen dann alle anderen im Chor wiederholen.

Später rollen sich die Kinder gegenseitig einen Ball zu. Wer ihn aufgefangen hat, muss eine Frage beantworten. Wie alt bist du oder wo wohnst du, lauten solche Fragen. Einige Kinder antworten bereits in Dreiwort-Sätzen. Andere warten darauf, dass ihnen die Lehrerin vorspricht, was sie sagen sollen.

Die Kinder sind ganz bei der Sache

Kristina Scharfenberg lobt viel und ermuntert die Kinder immer wieder, zu sprechen. Zwischendurch macht sie Finger- und Singspiele mit ihnen, damit es nicht ganz so anstrengend ist. Deutsch zu lernen ist schließlich keine einfache Sache, noch dazu, wenn man wie die meisten hier gerade erst ins Land gekommen ist und auch die Eltern diese Sprache nicht beherrschen. Trotzdem strengen sich alle an. „Die Kinder sind froh darüber, dass sie jetzt wenigstens ein paar Stunden in der Woche in einer kleinen Gruppe lernen können“, sagt Lehrerin Scharfenberg. Bisher hätten sie in den Regelklassen der Hermann-Sander-Grundschule gesessen und kaum ein Wort verstanden. Die meisten habe das zunehmend verstört. Immer öfter habe es Tränen gegeben. Die Schule hat deshalb wenigstens für die Jüngsten eine temporäre Lerngruppe eingerichtet.

Rita Schlegel, Schulleiterin der Hermann-Sander-Grundschule, sagt, dass im laufenden Schuljahr mehr als 30 Kinder aus Rumänien und Bulgarien an ihre Schule gekommen seien, fast alle ohne Deutschkenntnisse. Ähnlich sieht es an vielen anderen Schulen in Neukölln aus. Laut Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) sind Ende Februar 550 Roma-Kinder an 32 der 64 öffentlichen Schulen des Bezirks erfasst worden. Allein an den Grundschulen waren es 305 Kinder. „Das ist eine zusätzliche Herausforderung für diese Schulen, die ohnehin sehr viel Sprachförderung machen müssen, weil der größte Teil ihrer Schüler einen Migrationshintergrund haben“, so Giffey. Schulleiterin Rita Schlegel kann das bestätigen: „Wenn wir jetzt auch noch Deutschförderung für die Roma-Kinder anbieten sollen, geht das zu Lasten aller anderen Schüler“, sagt sie.

Schlegel und viele andere Neuköllner Schulleiter haben die Bildungsverwaltung seit Monaten auf dieses Problem hingewiesen. Die Verwaltung hat jedoch erst jetzt reagiert und den Einsatz zusätzlicher Lehrer versprochen. Mit deren Hilfe sollen die betroffenen Schulen temporäre Lerngruppen einrichten können. Wie viele Lehrkräfte das sein werden und wann sie an die Schulen kommen, steht allerdings noch nicht fest. Allein für Neukölln hat die Schulaufsicht laut Stadträtin Giffey neun zusätzliche Lehrerstellen beantragt. „Es dürfte allerdings Monate dauern, bis diese Lehrer vor Ort sind“, sagt Giffey. Dabei müssten schnelle Lösungen her. Schließlich kämen fortlaufend neue Kinder im Bezirk an. In den Sommermonaten, so Giffey, werde dieser Zustrom sogar noch stärker werden.

Neuköllns Schulleiter indes, darunter auch Rita Schlegel, halten die Einrichtung von temporären Lerngruppen für nicht ausreichend. Es würde sich dabei lediglich um einige zusätzliche Deutschstunden handeln, die den Kindern nicht wirklich weiter helfen könnten. Die Schulleiter fordern stattdessen die Einrichtung von Vorbereitungsklassen. In denen sollen die Kinder solange intensiv gefördert werden, bis sie über gewisse Grundkenntnisse verfügen, um in einer Regelklasse mitkommen zu können. Derartige Vorbereitungsklassen sind 2004 zum großen Teil abgeschafft worden. Damals hat man sich für den integrativen Ansatz entschieden: Schüler ohne Deutschkenntnisse sollen im so genannten Sprachbad, also durch den ständigen Kontakt mit anderen Schülern, Deutsch lernen.

Intensiv Deutsch lernen

Schulstadträtin Franziska Giffey kann diesen Ansatz zwar nachvollziehen, sagt aber, dass für Kinder ohne jegliche Deutschkenntnisse das Prinzip Sprachbad nicht funktioniere. Das sieht auch Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky so. „Um überhaupt schulfähig gemacht zu werden, müssen die Roma-Kinder intensiv Deutsch lernen können“, sagt er. Neukölln brauche deshalb etwa 30 bis 40 Vorbereitungsklassen. „Das kostet rund eine Million Euro“, so Buschkowsky. Dieses Geld müsse bereitgestellt werden, zumal davon auszugehen sei, dass der Zuzug von Roma und anderen Asylanten in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. „Die Europäische Union steht vor einer Binnenarmutswanderung“, sagt Buschkowsky. Immer mehr Menschen würden sich auf die Suche nach ein wenig Wohlstand machen.

Laut Buschkowsky haben auch andere Bezirke Probleme mit dem Zuzug von Roma-Kindern, die keinerlei Deutsch sprechen und oft noch nie in einer Schule waren. „Darüber wird nur nicht gesprochen“, sagt er. Die Bildungsverwaltung bestätigt indes, dass nicht nur in Neukölln, sondern auch in Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf und Spandau in den vergangenen Monaten deutlich mehr Roma- und Asylantenkinder angekommen sind.

„In Berlin gibt es derzeit wieder mehr Flüchtlinge und damit auch einen Bedarf an zusätzlichen Lehrern und Lerngruppen“, sagt Claudia Zinke, Staatssekretärin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Das sei eine schwierige Situation. Für zusätzliche Kinder, die bislang nicht in den Schülerstatistiken auftauchten, könnten deshalb jetzt neue Lehrkräfte eingestellt werden. Man müsse aber unterscheiden, ob es tatsächlich neue Schüler sind. Im Fall Neukölln, so Zinke, seien rund 330 der fast 500 genannten Schüler neu und damit noch nicht bei der benötigten Anzahl an Lehrkräften berücksichtigt.