Begleitetes Fahren

Führerschein ab 17 – Früh übt es sich am besten

Der Führerschein ab 17 ist ein Erfolgsmodell. In Berlin haben schon rund 17.000 Jugendliche ihre Führerscheinprüfung bestanden. Die Zahl der Unfälle ist leicht zurückgegangen.

Foto: Amin Akhtar

Von der Bremse gehen, Kupplung langsam kommen lassen, und los geht's. Meint jedenfalls Fahrlehrer Peter Reinhold. So richtig will es bei seiner 17-jährigen Schülerin Vanessa Klitzsch mit dem Anfahren aber nicht funktionieren. Konzentriert blickt sie über das Lenkrad des VW Golf auf den fast leeren Parkplatz vor dem Olympiastadion. Langsam nimmt sie den Fuß von der Kupplung, doch sie hat zu wenig Gas gegeben. Mit einem Glucksgeräusch geht der Motor aus. Vanessa Klitzsch agierte zu hastig.

Die Gymnasiastin nimmt zurzeit Fahrstunden, um ihren Führerschein bereits mit 17 Jahren zu bekommen, so wie jene rund 17000 Berliner, die seit 2006 die Führerscheinprüfung vor ihrem 18.Geburtstag ablegten. Einzige Bedingung zur Aushändigung dieses Führerscheins: Sie müssen bis zu ihrer Volljährigkeit beim Führen eines Autos in Begleitung eines Erwachsenen sein.

Der Führerschein ab 17 ist ein Erfolgsmodell. 2004 begannen in Niedersachsen die ersten Fahrschüler, für den vorgezogenen Führerschein zu trainieren. Der Modellversuch wurde von anderen Bundesländern rasch übernommen. Anfang Januar ist aus dem Versuch ein Gesetz geworden, das den Führerschein ab 17 bei begleitetem Fahren ermöglicht. 30 Prozent aller Prüflinge machen den Führerschein im bundesweiten Durchschnitt mit 17 Jahren. In Berlin sind es nur rund elf Prozent der 35000 Fahranfänger jährlich. Grund dafür sei das gute Netz der öffentlichen Verkehrsmittel in der Hauptstadt, sagt Peter Glowalla, der Vorsitzender des Berliner Fahrlehrerverbands ist.

Fahrschülerin Vanessa Klitzsch hat sich im Januar angemeldet, kurz vor ihrem 17.Geburtstag. Nach den gesetzlichen Vorschriften hätte sie sich schon vor einem halben Jahr zum Führerschein anmelden können, im Alter von 16 Jahren und sechs Monaten. Sie hatte sich von einer guten Freundin überzeugen lassen, dass es „total cool“ sei, den Führerschein früher zu haben, selbst wenn man bis zur Volljährigkeit nur mit den Eltern fahren darf. „Eigentlich ein Luxus“, meint sie, richtig brauchen tut sie die Fahrerlaubnis nicht. Da der Führerschein ab 17 aber nicht mehr kostet als der reguläre ab 18 Jahren, haben ihre Eltern zugestimmt. Schnell überzeugt hat sie auch das Argument der Tochter, dass die Führerscheinprüfung sonst mit den Abiturprüfungen im nächsten Sommer zusammenfallen würde. „So ist das entspannter“, sagt Vanessa Klitzsch.

Fahrlehrerverbandschef Peter Glowalla hält den Führerschein mit 17 für eine wirkungsvolle Verkehrssicherheitsmaßnahme. Und tatsächlich: In den vergangenen Jahren hat die Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) einen leichten Rückgang der Unfälle von jungen Erwachsenen festgestellt. In einer von ihr verfassten Studie hat die Behörde belegen können, dass Jugendliche, die bereits mit 17 Jahren den Führerschein bekommen und ein Jahr lang in Begleitung eines Erwachsenen unterwegs sind, nicht zu rowdyhafter Fahrweise neigen. Bei ihnen sei die Wahrscheinlichkeit, in einen Unfall verwickelt zu werden, um 28,5 Prozent geringer als bei jenen, die erst nach dem 18.Lebensjahr eine Fahrerlaubnis bekommen. Die Begleitung durch Erwachsene führe zu einer Disziplinierung der Fahrgewohnheiten.

Ganz anders dagegen jene jungen Führerscheinabsolventen, die Stärke auf der Straße ausleben wollen, die Musik laut aufdrehen und schneller fahren als erlaubt, um vor Kumpels anzugeben. Besonders Jungs, so Peter Glowalla, versuchten so, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen, lebten pubertäres, übersteigertes Männlichkeitsgefühl aus.

Ein Elternteil sitzt mit im Wagen

In Berlin verunglückten im vergangenen Jahr 2673 Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren. Mehr als zehn Prozent der Unfälle wurden von Jugendlichen verursacht, insgesamt 16793. Oft waren Alkohol am Steuer oder überhöhte Geschwindigkeit die Ursache.

Auch Niclas Kakomanolis ist schon mal ein Rennen gefahren. Es sei darum gegangen, bei einem Schulausflug mit dem Auto zuerst am Museum Hamburger Bahnhof anzukommen. Rückblickend ist der 20-jährige Wilmersdorfer nicht stolz darauf. „Jugendlichen Überschwang“ nennt er das heute. Dem habe er aber nur dieses eine Mal nachgegeben. Das Programm des begleiteten Fahrens mit 17 Jahren habe ihn davor bewahrt, weitere Dummheiten zu machen. Bisher fuhr er unfallfrei.

Nach der Führerscheinprüfung habe er allerdings noch kein richtiges Gespür für gefährliche Situationen gehabt und beispielsweise unterschätzt, wie wichtig es ist, vor der Autobahnausfahrt stärker zu bremsen. Einmal habe der Tacho noch 65 Stundenkilometer gezeigt, als er abgefahren sei. Seine Mutter, die ihn im Auto „begleitete“, habe ihn ermahnt, langsamer zu fahren. „Gut so, sonst hätte ich die enge Kurve nicht geschafft“, sagt er.

Natürlich sei es „auch mal nervig“, wenn ein Elternteil im Auto dabeisitzt. Laute Musik hören gehe dann zum Beispiel nicht. Statt mit Freunden auf ein Konzert zu fahren oder im Sommer einen Ausflug zum See zu unternehmen, so, wie es Führerscheinabsolventen ab 18 tun, fuhr Niclas Kakomanolis mit seinen Eltern zum Einkaufen oder seinen jüngeren Bruder von der Schule abholen. Vater Georgios Kakomanolis gab dabei mitunter Tipps, die Niclas Kakomanolis überflüssig fand: „Ich habe ja meinen Führerschein nicht im Lotto gewonnen, sondern eine Prüfung abgelegt und mich dadurch qualifiziert.“ Georgios Kakomanolis ist es jedoch ein Anliegen, dass Sohn und Fahrzeug sicher durch den Berliner Straßenverkehr kommen. Da sei er auch mal strenger geworden. Mittlerweile, sagt der Vater, vertraue er seinem Sohn blind, könne sogar bei längeren Fahrten neben ihm auf dem Beifahrersitz einschlafen, was für ihn „nicht selbstverständlich“ sei.

Niclas Kakomanolis zieht ein sehr eigenes Resümee. „Meine Eltern haben gemerkt, dass ich jetzt erwachsen werde“, sagt er. Er konnte seinen Eltern plötzlich „auf Augenhöhe“ begegnen, das sei ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit gewesen. Was Niclas Kakomanolis beschreibt, nennt Fahrlehrer Peter Glowalla den „positiven Nebeneffekt“ des begleiteten Fahrens. Eltern fänden in der Begleitphase einen neuen Bezug zu ihrem postpubertären Nachwuchs. „Das Verhältnis in dieser Zeit ist ja oft schwierig, weil die Jugendlichen sich von ihren Eltern abgrenzen wollen.“ Anders als viele seiner älteren Fahrschüler kämen die 16- oder 17-Jährigen oft aus recht behüteten Familien, wo man sich für die Ausbildung der Kinder sehr interessiere, meint Glowalla.

Vanessa Klitzsch aus Charlottenburg muss noch viel üben. Das Anfahren klappt zwar mittlerweile problemlos. Nur beim Linksabbiegen hapert es noch. Aber die 17-Jährige hat noch viel Zeit zum Üben. Erst im nächsten Januar, an ihrem 18.Geburtstag, wird der vorläufige Führerschein aus Papier durch den echten aus Kunststoff ersetzt. Dann darf Vanessa Klitzsch allein fahren.