Karnevals-Frühstart

Berlin hat den Karneval nicht im Blut

Hunderttausende Jecken feiern den Straßenkarneval in der City West, doch viele Zuschauer fremdeln mit den Narren, dem unverständlichen Liedgut und dem ewigen Schunkeln. Da vergeht selbst den Exil-Rheinländern die Lust.

Um 11.31 Uhr fällt der Startschuss: Auf der Hardenbergstraße rollt der Wagen der „Stadtgarde Rot-Gold“ Richtung Kudamm, Zugmarschall Rolf Vieting ruft ein dreifaches „Berlin Heijo“ und schmeißt eine Handvoll Kamelle in die Zuschauermenge, die am Straßenrand Spalier steht. Eigentlich legen die Berliner Karnevalisten einen echten Frühstart hin, denn an Rhein und Main beginnt die heiße Phase der diesjährigen Session erst am Donnerstag mit der Weiberfastnacht. Zugmarschall Vieting winkt ab: „Auch im Rheinland gibt's heute schon die ersten Umzüge, wir sind gar nicht zu früh dran.“ Grund für den vorgezogenen Straßenkarneval seien Terminschwierigkeiten mit Musikkapellen, am Wochenende vor Rosenmontag seien die Gruppen schon ausgebucht. Und warum sollte man sich auch beschweren. Das Wetter sei prächtig, da könne man mit tollen Zuschauerzahlen rechnen.

Ganz Unrecht hat er nicht: Am Breitscheidplatz hat sich eine stattliche Masse versammelt, in fünf oder sechs Reihen stehen die Berliner an der Zugstrecke. An ihnen vorüber zieht ein Tross aus 60 Festwagen, zehn Musikgruppen und 2500 bunt verkleideten Teilnehmern. Der Berliner hingegen mag es offenbar zivil. Die meisten Zuschauer sind nicht kostümiert, dennoch bücken sie sich fleißig nach Süßigkeiten und winken den uniformierten Gardisten und Funkenmariechen. Die Veranstalter sprechen von einer Million Gästen am Straßenrand. Die Profi-Karnevalisten auf den Umzugswagen sind sichtlich zufrieden. Denn sie wissen nur zu genau: Der Berliner tut sich schwer mit der fünften Jahreszeit – auch wenn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor Zugbeginn gesagt hatte, der Ruf Berlins als „Anti-Karnevals-Metropole“ sei völlig unbegründet.

Der Mann des Tages, Prinz Thomas I., ist noch nicht auf der Strecke. Er reiht sich erst ganz zum Schluss in die Parade ein und genießt bis dahin das Defilieren der Umzugsteilnehmer vor dem Prinzenwagen.

Er hält einen Pappbecher mit Glühwein in der Hand, seine Stimme ist schon ein wenig rau, die Jecken der Hauptstadt verteidigt er dennoch entschieden. „Wir sind keine Kopie von Mainz, Köln oder Düsseldorf. Wir wollen den Menschen einfach nur Freude bereiten“, sagt der 48-jährige Münsteraner, der im Rheinland aufgewachsen ist. Der Karnevalsprinz, der mit bürgerlichen Namen Thomas Richter heißt und in Berlin eine PR-Agentur betreibt, steht derzeit häufiger im Rampenlicht. „Am Sonnabend war ich in der Fernsehshow von Carmen Nebel, fünf Millionen Menschen haben mich gesehen“, sagt er. Am Donnerstag treffe er Bundespräsident Christian Wulff (CDU). Das zeige doch, wie gut der Karneval ankomme. Und schließlich habe schon der Alte Fritz in Berlin Karneval gefeiert, da könne keiner behaupten, es gäbe keine Narrentradition in der Hauptstadt.

Exil-Rheinländer sehen das natürlich völlig anders. Karin und Gerd Opdenberg stehen etwas gelangweilt vor der Gedächtniskirche. Die 65-Jährige trägt eine rote Clownsnase, ihr 60 Jahre alter Mann einen Fortuna-Düsseldorf-Schal, beide nippen am Kölsch. „Das ist ja hier wie in einem Beerdigungsinstitut“, sind sich die beiden gebürtigen Düsseldorfer einig. „Die haben das nicht im Blut, es fehlt die Musik, kaum einer trägt Kostüme“, sagen die Wahl-Wilmersdorfer.

„Ein Lebensgefühl“

Auch Michaela aus Lichterfelde, die als Clown gekommen ist, ist sich sicher: „Die Berliner sind von Natur aus bockig: Die werfen den Rheinländern vor, auf Knopfdruck lustig zu sein. Dabei ist das ein Lebensgefühl.“ Die 46-Jährige ist vor 23 Jahren „für die Liebe“ nach Berlin gezogen, jetzt sehnt sie sich zurück nach Köln. Für sie ist es gut, dass in Berlin eine Woche früher gefeiert wird: „So kann ich mich in Stimmung bringen, bevor ich ins Rheinland fahre.“ Einer allerdings bringt seinen Protest gegen den Karnevals-Frühstart deutlich zum Ausdruck. Edmund Helikum aus Mariendorf steht am Breitscheidplatz und hat sich ein Plakat umgeschnallt. „Umzug verschieben. Wat soll dä Quatsch?“, steht darauf geschrieben. Ganz ernst meint der 61-Jährige, der aus der Nähe von Bonn stammt, seine Kritik nicht. Mittlerweile gebe es in der Hauptstadt ja genug Rheinländer, mit denen lasse sich schon anständig feiern. Der Umzug werde auch immer bunter und liebevoller. Sein einziges Problem: „Was soll ich denn dann nächstes Wochenende machen? Nach Köln fahren kann ich nicht, und Karneval im Fernsehen ist doch öde.“

An der Strecke rollt derweil ein Umzugswagen vorbei, das Motiv ist Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). „Es war einmal ein Doktor Guttenberg, nun hat er keinen Doktor mehr und ist nur noch bei der Bundeswehr“, steht dort geschrieben. Etliche Karnevalisten nehmen Stellung zu politischen Themen: zum Chaos bei der S-Bahn, zum Bau des Großflughafens BBI. Eine andere Gruppe fordert, das gesamte Gelände des Flughafens Tempelhof unter Denkmalschutz zu stellen.

Monika Pott aus Steglitz muss sich währenddessen auf dem Wagen der „Stadtgarde“ mit ganz anderen Problemen befassen. Seit zwei Stunden nun greift sie in einen Trog mit Gummistreifen, Schokoriegeln, Bonbons, Popcorn und Chipstüten. Der Arm der Kamelleschmeißerin wird langsam müde, auch wenn ihr ständig neues Kölsch zur Stärkung gereicht wird. „Morgen habe ich sicherlich einen Muskelkater“, sagt die 65-Jährige.