erhöhte Nachfrage

Berlin fehlen Tausende Kitaplätze

Vor allem in Osten der Stadt werden die Wartelisten der Kindertagesstätten immer länger: Tausende Kitaplätze fehlen. Der Vorwurf: Der Senat hat den Fachkräftemangel ignoriert.

Foto: David Heerde

Valentina Delgado aus Prenzlauer Berg hat einen monatelangen Wettlauf um einen Platz in der Kita hinter sich. Bereits in der Schwangerschaft hat sie mit der Suche nach einem Betreuungsplatz begonnen, denn ab August will die 19-Jährige dringend ihr Abitur weitermachen. „Eigentlich gibt es eine große Kita direkt auf unserem Hof“, sagt die junge Mutter der jetzt fünf Monate alten Olivia. Doch die Betreuer hätten gleich abgewinkt, die Wartelisten seien schon viel zu lang.

Valentina Delgado besorgte sich eine Übersicht und klapperte alle erreichbaren Einrichtungen ab, nicht nur in Prenzlauer Berg, sondern auch in den angrenzenden Bezirken Mitte und Friedrichshain. „Die meisten wollten uns nicht einmal auf die Warteliste setzen“, sagt Valentina Delgado. Ein Termin zur Besichtigung der Einrichtung sei schon wie ein Lottogewinn gewesen. Doch Hoffnung auf einen Platz habe ihr niemand machen können. Dass sie nun doch einen Platz für ihre Tochter in Aussicht hat, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass sie zu Hause auch Spanisch sprechen. Eine zweisprachige Kita in Friedrichshain war auf der Suche nach einem Kind aus einer bilingualen Familie. „Es war reiner Zufall, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war“, sagt die Mutter. Dafür nimmt Valentina Delgado nun einen längeren Weg zur Kita in Kauf.

Wartelisten werden länger

Auch bei den Trägern macht sich die angespannte Situation bemerkbar. „Die Wartelisten für alle Kindergärten werden immer länger“, sagt Frank Zopp, Sprecher des gemeinnützigen Trägers Fröbel e.V. Vor der Einrichtung „Kieke mal“ in Friedrichshain habe sich zum Anmeldetermin im Februar für das neue Kitajahr schon um 5.30 Uhr eine Schlange gebildet. „Um 9 Uhr waren dann die letzten Plätze vergeben. Eltern, die später kamen, waren verärgert“, sagt Zopp. Ähnlich dramatisch ist die Situation an der Fröbel-Kita „Casa Fantasia“ in Alt-Mitte. Oft würden schon ungeborene Kinder in den ersten Monaten der Schwangerschaft angemeldet.

Einen stark wachsenden Bedarf an Kitaplätzen verzeichnet auch Lichtenberg. Der Bezirk geht davon aus, dass hier demnächst 1000 zusätzliche Plätze gebraucht werden. „Es gibt viele Eltern, die sich in ihrer Not an das Jugendamt wenden, weil sie keine Betreuung finden“, sagt Rainer Zeldies, Leiter des Jugendamtes. Meist gelinge es jedoch mit großem Aufwand, eine Lösung zu finden. Allerdings müssten die Eltern längere Fahrtwege in Kauf nehmen. Teilweise wichen die Familien auch auf Nachbarbezirke aus. „Die freien Plätze in Lichtenberg lassen sich an einer Hand abzählen“, sagt Zeldies. In den nächsten Jahren würden 1000 neue Plätze benötigt. Der Bezirk will das Problem mit einer Kitaoffensive in den Griff bekommen. Freie Träger werden ermutigt, neue Plätze zu schaffen. Bei den baulichen Investitionen versuche der Bezirk, mit Förderprogrammen zu helfen.

Auch im Nachbarbezirk Marzahn-Hellersdorf gibt es bereits Engpässe. Beim Jugendamt sind 75 Kinder unter drei Jahren registriert, für die noch kein Platz gefunden werden konnte. Bis zum Jahr 2013 rechnet man hier damit, dass der Bedarf um 500 Plätze wächst.

„Auch vom Jugendamt Pankow kommen immer wieder Hilferufe“, sagt der pädagogische Geschäftsführer des Kita-Eigenbetriebs Nordost. Der Eigenbetrieb verwaltet 9075 Plätze für die Bezirke Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Pankow hat seit Jahren wachsende Geburtenzahlen. Eine zusätzliche Welle an Bedarfsmeldungen habe das dritte kostenfreie Kitajahr gebracht. Viele Familien würden nach dem Wegfall der Elternbeiträge die Stundenzahl der Betreuung pro Tag aufstocken. Der Eigenbetrieb könne nicht im gleichen Tempo die Platzzahl aufstocken. Das Problem sei vor allem das fehlende Fachpersonal.

Zudem könnten viele Gebäude durch die Baumaßnahmen aus dem Konjunkturprogramm nicht vollständig genutzt werden. Im Frauenzentrum Paula Panke in Pankow melden sich immer häufiger verzweifelte Frauen, die nicht rechtzeitig zur Wiederaufnahme ihrer Arbeit einen Kitaplatz finden. „Die Frauen fragen bei uns nach einer Notbetreuung, um die Zeit zu überbrücken, bis sie einen Kindergarten gefunden haben“, sagt Kathrin Jürschik. Doch die Kinderbetreuung des Frauenzentrums könne nur über einige Stunden oder Tage aushelfen.

Immer knapper werden die Kitaplätze auch in Reinickendorf, auch wenn die Situation hier noch entspannter ist als in den östlichen Bezirken. „Vor allem im Märkischen Viertel, in Hermsdorf und in Frohnau wird es eng“, sagt Peter Senftleben, Jugendstadtrat von Reinickendorf (SPD). Hier könne die Wohnortnähe nicht mehr gewährleistet werden. In Charlottenburg-Wilmersdorf sind die Plätze zwar insgesamt gerade noch ausreichend, doch auch hier ist ein wachsender Bedarf zu verzeichnen.

„Die Bezirke haben immer wieder auf das Problem der fehlenden Plätze und des Fachkräftemangels hingewiesen, doch der Senat hat die Entwicklung ignoriert“, sagt Elfi Jantzen, jugendpolitische Sprecherin der Grünen. Selbst jetzt seien keine Bemühungen auf Senatsebene erkennbar, um den Bezirken zu helfen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.