BVG-Panne

U-Bahn-Fahrt auf Sicht - ganz ohne Computer

Ein Computerfehler hat am Montag alle U-Bahn-Stellwerke bei der BVG für rund zwei Stunden lahm gelegt. Auf fast allen Linien führte das zu massiven Verspätungen. Erinnerungen an das S-Bahnchaos werden wach.

Foto: Paul Zinken

Nicht wenige Fahrgäste der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) fühlten sich an die Chaos-Tage bei dem anderen großen Verkehrsunternehmen der Stadt, der S-Bahn, erinnert. Lange Wartezeiten, unregelmäßige Takte, zum Teil vage Informationen – am Montag war es die U-Bahn, die über Stunden zum Problemfall wurde. Eine in der BVG-Geschichte bislang einmalige Computerstörung hatte am Montag fast das gesamte Netz zur Bummelstrecke gemacht. Von 12.30 bis 14.30 Uhr waren alle Stellwerke ausgefallen. Erst gegen 16 Uhr lief der Verkehr wieder weitgehend normal.

Wie es zu der Panne kommen konnte, blieb zunächst offen. Eine technische Störung habe den Datentransfer der Stellwerke behindert, hieß es in einer ersten Erklärung der BVG. Auf Computern in der Leitstelle ist der Fahrplan der U-Bahn gespeichert, die Rechner steuern per Datenleitung die mehr als 30 Stellwerke im Netz. Jene schalten automatisch die Signale.

Ohne diese technische Hilfe konnten die Triebfahrzeugführer am Montag nur auf Sicht und im Schleichtempo durch die Tunnel fahren. Per Funk mussten sie sich für jeden Streckenabschnitt die Freigabe aus der Leitstelle holen. Entsprechend ging es meist nur im Bummeltempo und mit zahlreichen Zwangspausen vorwärts. Große Verspätungen waren auf fast allen Linien die Folge. Zu kompletten Ausfällen ganzer Fahrten sei es hingegen nicht gekommen, hieß es am Nachmittag von den Verkehrsbetrieben.

Warum der Datenfluss zwischen Leitstelle und Stellwerken am Montag zunächst immer langsamer wurde und schließlich ganz abbrach, werde jetzt untersucht, sagte BVG-Sprecherin Reetz. Mögliche Ursachen seien etwa ein Programmfehler oder menschliches Versagen. Einen Hacker-Angriff auf das Steuersystem der BVG, schloss die Sprecherin hingegen aus. Bei den Computern in der Leitstelle handele es sich um sogenannte „Stand-alone-Rechner“, die keine Verbindung zu Netzen außerhalb der Verkehrsbetriebe hätten. Einen vergleichbaren Vorfall habe es bei der BVG noch nie gegeben, sagte Reetz. Dass der totale Kollaps ausblieb, sei der vergleichsweise verkehrsarmen Mittagszeit und dem besonnenen Krisenmanagement der Mitarbeiter in der Leitstelle zu verdanken.

Bis zu 40 Minuten Wartezeit

Zehntausende U-Bahn-Fahrgäste waren aber auch außerhalb der Hauptverkehrszeit betroffen. Lediglich die Stummellinie U55 fuhr noch planmäßig. Dort pendelt nur ein Zug zwischen den Stationen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor. Auf den anderen neun Linien summierten sich die Verspätungen. Teilweise mussten die Reisenden nur wenige Minuten, andernorts – vor allem gegen Ende der Linien – bis zu 40 Minuten warten. Lautsprecherdurchsagen informierten auf den meisten Bahnsteigen über den „unregelmäßigen Zugverkehr“. Unregelmäßig, das hieß für viele Fahrgäste vor allem eines: langes Warten oder nach Alternativen suchen. „Ich habe 30 Minuten im stehenden Zug am Senefelderplatz gesessen“, sagte ein entnervter BVG-Kunde. „Der Fahrer konnte auch nicht sagen, wann es weitergeht. Da habe ich mich entschlossen zu laufen.“

Andere versuchten, ein Taxi zu erwischen, auf parallel fahrende Buslinien auszuweichen oder zumindest per Handy Termine abzusagen. Weil die Störungen das gesamte Netz betrafen, war es nicht möglich, einen flächendeckenden Ersatzverkehr mit Bussen zu organisieren.

Völlig überrascht von den Ausfällen beim U-Bahn-Verkehr waren Montagnachmittag die beiden Bonner Dorle und Wolfgang Walther. Das Ehepaar aus dem Rheinland ist zu Besuch in Berlin und wollte von der U-Bahn-Station Stadtmitte in Richtung Kudamm fahren, um dort zu Bummeln. Plötzlich ging dann erst mal nichts mehr. „Hier kein Zugverkehr. Out of Service“, signalisierte die Leuchtanzeige nüchtern. Keine Erklärung, auch nicht per Lautsprecher. Wenig später dann zeigte die Anzeige an: „18 Minuten Wartezeit Richtung Ruhleben“ „Wir werden wohl auf einen Bus umsteigen“, beschlossen die beiden Berlinurlauber kurzerhand.

Die meisten blieben gelassen

Heike Bethke aus Wilmersdorf musste spontan an die schlimmsten Tage der S-Bahn-Krise denken, als im Herbst 2009 nach mehreren technischen Problemen und verschärften Sicherheitsauflagen selbst der Notverkehr kollabierte. Damals war die Assistentin der Büroleitung in einem Immobilienbüro täglich dem Stress überfüllter Bahnen und langer Verspätungen ausgesetzt. Nach dieser Erfahrung blieb sie am Montag vergleichsweise gelassen. „Man kommt immer noch ganz gut mit dem Bus vorwärts in Berlin“, sagte sie, während sie länger als üblich auf die U2 in Richtung Ruhleben warten musste.

Die zehn Minuten Zusatzwartezeit auf dem U-Bahnsteig brachte auch das Pärchen aus Finnland, Tiia Ahonen (26) und Vesa Ahonen (24), nicht aus der Ruhe. Die beiden waren auf dem Weg nach Tegel, als die Anschlussbahn auf sich warten ließ. Der australische Musiker Ryan Larsen, Musiker aus Australien, und seine Begleitung, die schwedische Biologin Elisabeth Fogelberg, entschieden sich hingegen für ein Taxi. Dennoch waren auch sie mitten im Chaos bester Laune: „Wir lieben Berlin einfach.“