CDU-Wahlkampf

Frank Henkel drückt noch einmal die Schulbank

Der CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl, Frank Henkel, möchte mit der Bildungspolitik bei den Berlinern punkten und setzte sich dafür in Reinickendorf noch einmal ins Klassenzimmer.

Foto: Massimo Rodari

„Bonjour“. Frank Henkel passt sich den Gepflogenheiten an. Der Spitzenkandidat der Berliner CDU für die Abgeordnetenhauswahl ist zu Gast in der zweiten Klasse der Ringelnatz-Grundschule in Reinickendorf. In dieser Stunde wird Französisch gesprochen. Und nur Französisch. Ab der ersten Klasse lernen die Mädchen und Jungen – wenn sie wollen – Französisch oder Englisch. Henkel hört Frou-Frou zu. Frou-Frou ist eine Handpuppe, mit der den Kindern die Fremdsprache spielerisch beigebracht wird. Eigentlich läuft es gut im Unterricht. Doch der Eindruck täuscht. Es gibt eine große Unruhe an der Grundschule – und die hat Henkel an diesem Mittwoch nach Reinickendorf geführt. Denn die beschauliche Schule zwischen Märkischem Viertel und Wilhelmsruher Damm ist ein Hort des Widerstands.

27 Kinder in einer Klasse

Die Ringelnatz-Grundschule mit ihren 320 Schülern hat sich lange nicht den gesetzlichen Vorgaben des Senats gebeugt. Dabei geht es um die Form des Unterrichtens. Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) hat den Grundschulen das jahrgangsübergreifende Lernen verordnet. Schüler der ersten und zweiten, manchmal auch der dritten Klasse haben gemeinsamen Unterricht. Die Idee, die hinter diesem altersübergreifenden Lernen steckt, lautet schlicht: die Kleinen sollen von den Großen lernen. Dafür gibt es eigene Unterrichtsmaterialien und mehr Lehrer. Eigentlich sollen sich nämlich mindestens zwei Pädagogen um die Kinder kümmern. Soweit die Theorie.

In der Praxis sind allerdings viele Lehrer und Schulen mit dem Konzept überfordert. An diesem Mittwoch unterrichtet beispielsweise eine Lehrerin 27 Kinder in Deutsch und Sachkunde. „Das ist eine Mär, dass die Kleinen von den Großen lernen“, sagt Schulleiter Lothar Rafalski. Der 60 Jahre alte Pädagoge, der seit 30 Jahren die Grundschule in Wittenau leitet, steht dem jahrgangsübergreifenden Lernen, dem JüL, wie es in der Fachsprache heißt, kritisch gegenüber. Und er ist nicht allein. Vor zwei Tagen hat die Schulkonferenz, also das Eltern- und Lehrergremium, beschlossen, einen Antrag bei der Senatsschulverwaltung zu stellen, von dem erst kürzlich eingeführten JüL wieder befreit zu werden. „Wir haben Kinder, die sehr unterschiedlich sind. Es gibt einige, die können beispielsweise mit Messer und Gabel essen, andere essen nur mit einem Löffel“, sagt Schulleiter Rafalski. Beim Lernen seien diese großen Unterschiede ebenfalls gegeben. Wenn nun auch noch die Jahrgänge gemischt werden, würde das noch mehr Konfusion bedeuten, so die Schulkonferenz.

Keine weiteren Reformen

CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel sieht sich bestätigt. Er habe nichts gegen das jahrgangsübergreifende Lernen. „Ich will nur nicht, dass alle Grundschulen das machen müssen, weil es zwangsverordnet wird.“ Er wolle, dass die Schulen selbst entscheiden, ob sie beim JüL mitmachen. Da ist Henkel mittendrin in der Schulpolitik. Die CDU will mit der Bildungspolitik punkten, möchte die bürgerlichen Wähler damit für sich gewinnen. Relativ einfach klingt die Losung: Die Union will mehr Lehrer, weniger Unterrichtsausfall – es soll ordentlich unterrichtet werden. Keine weiteren Reformen des Bildungssystems.

Den Schulfrieden verkündet auch die SPD. Doch in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes will die SPD, anders als die CDU, die Bildungspolitik nicht stellen. Der soziale Zusammenhalt soll mehr in den Vordergrund gerückt werden. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung soll stehen, was man für die Familien und die Alleinerziehenden in der nächsten Wahlperiode erreichen will. Doch der politische Streit um die Schulen ist in vollem Gange.

Wie trotz des vermeintlichen Schulfriedens der Kampf um die Wählerstimmen auch in der Bildungspolitik läuft, zeigt das Agieren des Schulsenators in dieser Woche. Jürgen Zöllner versprach eine Art Lehrergarantie. 1145 neue Pädagogen sollen eingestellt werden.

Kampf um die Gymnasien

Aber auch Henkels Bildungstour am Mittwoch war politisch wohl gesetzt. Neben der Grundschule, die das gemeinsame Lernen unterschiedlich alter Kinder nicht will, besuchte Henkel auch die Richard-Keller-Schule in Reinickendorf. Dort werden Kinder mit großen Lernschwierigkeiten und sozialen Auffälligkeiten unterrichtet. „Diese Kinder sollen nun zurück an die Grundschulen und die weiterführenden Schulen. Das will der Senat. Aber viele Eltern wollen das nicht, weil die intensive Betreuung an den Regelschulen nicht gewährleistet ist“, sagt Schulstadträtin Katrin Schulze-Berndt, die Henkel auf seiner Tour begleitet. Schulze-Berndt ist wie Henkel in der CDU und sieht die rot-rote Schulpolitik kritisch. Zöllner hingegen will diese Schüler nach und nach zurück an die Regelschulen bringen, um sie so besser zu integrieren.

Auch Henkels nächster Termin, dieses Mal im Bezirk Pankow, ist ein hochpolitischer. Er ist im Rosa-Luxemburg-Gymnasium zu Gast. Die CDU präsentiert sich im Wahlkampf als diejenige Partei, die den Gymnasien und den Eltern eine Garantie für diese Schulform geben will. Auch hier grenzt man sich von den anderen Parteien bewusst ab. Die SPD sagt, dass es mit ihr keinen Kampf gegen das Gymnasium gibt. Gefördert werden aber vor allem Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Letztere, die das gemeinsame Lernen für alle mit allen Abschlüssen anbieten, ist der von der Linkspartei favorisierte Schultyp. Selbst die Grünen haben mit den Gymnasien so ihre Schwierigkeiten, wollen sie aber in der nächsten Legislaturperiode unangetastet lassen. Berlin ist mittendrin – im Wahlkampf um die Schulen.