Anmeldefrist beendet

Beste Gymnasien sind nicht mehr die beliebtesten

Der erwartete Run auf die Gymnasien ist in Berlin ausgeblieben. Eine erste Rückmeldung der Bezirke zeigt, dass vor allem bislang weniger nachgefragte Schulen deutlich mehr Anmeldungen haben.

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Bewerbungsfrist für Schulen beendet

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Die Integrierte Sekundarschule ist von den Berliner Eltern offenbar angenommen worden. Die vorläufigen Anmeldezahlen zeigen, dass 56 Prozent (Vorjahr 55 Prozent) sich für einen Platz an einer Sekundarschule entschieden haben. 44 Prozent haben ihre Kinder an einem Gymnasium angemeldet. Im Vorjahr waren es 45 Prozent. Damit hat zum ersten Mal seit Jahren der prozentuale Anteil der Gymnasialanmeldungen nicht mehr zugenommen.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagte, dass der von einigen prognostizierte Run auf die Gymnasien nicht stattgefunden habe. „Stattdessen hat die Perspektive, das Abitur nach 13 Jahren zu erlangen, die Attraktivität der Sekundarschule gesteigert. Berlinweit haben 15 Prozent Bewerber von Sekundarschulen eine gymnasiale Empfehlung“, so Zöllner.

Freitagmittag waren die Gymnasialplätze in den drei Bezirken Reinickendorf (plus 126), Steglitz-Zehlendorf (plus drei) und Neukölln (plus 35) übernachgefragt. Die insgesamt übernachgefragten Sekundarschulplätze betreffen die Bezirke Treptow-Köpenick (plus 43), Lichtenberg (plus 55) und Tempelhof-Schöneberg (plus 282).

Bis Freitag gegen 14 Uhr hatten die Eltern Zeit, ihre Kinder an einer Oberschule anzumelden. In Berlin haben sie dafür seit dem vergangenen Jahr zwei Optionen. Infrage kommt entweder ein Gymnasium oder eine Integrierte Sekundarschule. Nach ersten Angaben der Bezirke zeichnet sich ab, dass in diesem Jahr vor allem die bislang weniger nachgefragten Gymnasien deutlich mehr Anmeldungen haben als in den Jahren zuvor. Etliche sehr beliebte Schulen hingegen sind plötzlich nicht mehr übernachgefragt.

Monika Herrmann, Bildungsstadträtin in Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne), bestätigt diese Tendenzen. „Bei uns hat das bislang wenig nachgefragte Robert-Koch-Gymnasium dieses Mal fast so viele Anmeldungen wie Plätze. Das war in der Vergangenheit nie der Fall“, sagt sie. Ursache sei das taktische Vorgehen der Eltern. Viele hätten lieber eine Schule gewählt, auf der ihr Kind genommen werden würde, statt das Risiko einzugehen, an einer übernachgefragten Schule abgewiesen zu werden und womöglich eine Schule zugewiesen zu bekommen, die ihren Erwartungen nicht entspricht oder zu weit weg wäre.

Zu den Gewinnern gehört auch das Gottfried-Keller-Gymnasium in Charlottenburg. Bis Freitag hatte die Schule 145 Anmeldungen. Im vergangenen Jahr waren es nicht einmal halb so viele. Schulleiter Eberhard Kreitmeyer führt die wachsende Beliebtheit vor allem darauf zurück, dass seine Schule jetzt einen Ganztagsbetrieb anbietet. Viele Eltern hätten den Wunsch nach Ganztagsbetrieb ausdrücklich auf ihrem Anmeldebogen vermerkt.

Lernen ohne Notendruck

Die Bezirkselternvertreterin von Steglitz-Zehlendorf führt das Phänomen der stärkeren Nachfrage nach Gymnasien mit bisher mittelmäßigem Ruf auch darauf zurück, dass die Eltern angesichts der verkürzten Schulzeit bis zum Abitur die stark leistungsorientierten Schulen eher meiden würden. Waren bisher vor allem jene Schulen beliebt, die die besten Abi-Ergebnisse vorweisen konnten, sei das nun anders. „Viele wollen ihren Kindern den Notendruck ersparen und ihnen stattdessen mehr Freizeit gönnen“, sagt Frau von Treuenfels.

Auch Familie Zappe aus Kreuzberg hat die Schule für ihren elfjährigen Sohn nach derartigen Gesichtspunkten ausgewählt. „Wir haben uns vor allem Sekundarschulen angesehen, weil wir unserem Sohn bis zum Abitur länger Zeit lassen wollen“, sagt Johannes Zappe.

Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) hat dieses Anmeldeverhalten bei sehr vielen Eltern beobachtet. „Viele wollen ihren Kindern einfach mehr Zeit bis zum Abitur lassen und haben sich deshalb für eine Sekundarschule entschieden“, sagt sie. Fünf der zwölf Neuköllner Sekundarschulen seien übernachgefragt, darunter die beiden Gemeinschaftsschulen Walter-Gropius und Fritz-Karsen. Letztere habe 144 Anmeldungen mehr als freie Plätze. Die Gropius-Schule habe 49 Bewerber zuviel. Insgesamt sind in Neukölln aber noch knapp 300 Sekundarschulplätze frei. An den sechs Gymnasien des Bezirks sieht es etwas anders aus. Dort sind insgesamt noch 62 Plätze frei, aber 97 Bewerber zu versorgen. „Wir arbeiten diesbezüglich mit den anderen Bezirken zusammen“, sagt Giffey. Die Stadträtin stellt fest, dass sich die Zahl der Bewerber an Gymnasien verglichen mit den Zahlen der Vorjahre kaum geändert hat.

Die Zappes aus Kreuzberg haben sich trotz des riesigen Ansturms schließlich für die Sophie-Scholl-Sekundarschule entschieden. „Dort sind nicht nur die Noten ausschlaggebend, sondern auch naturwissenschaftliches Interesse“, sagt Johannes Zappe. Den Zweitwunsch haben Zappes taktisch entschieden und das Hermann-Hesse-Gymnasium angegeben. Eine Schule, die bisher nicht übernachgefragt war.

Katja Naumann (Name geändert) ist am Ende des Anmeldezeitraums enttäuscht. „Uns bleibt jetzt nur noch, auf das Losglück zu hoffen“, sagt die Mutter aus Steglitz-Zehlendorf. Ihre Tochter hat einen Notendurchschnitt von 2,5 in ihrer Förderprognose. Die Grundschule empfiehlt den Besuch einer Sekundarschule. Die erste Wahl der Eltern und der Tochter sollte jedoch das Gymnasium gleich um die Ecke sein. „Ich traue das meinem Kind zu, und zudem besucht schon der ältere Bruder das Wunschgymnasium“. Gerade dieser Punkt ist der fünffachen Mutter wichtig. „Es ist unmöglich, zu allen Schulen einen guten Kontakt aufzubauen, wenn jedes Kind auf eine andere Schule geht“, sagt sie.

Für Familie Marquardt aus Lichterfelde stand die Wunschschule von Anfang an fest: das Goethe-Gymnasium in Lichterfelde. „Wir haben diese Schule als Erstwunsch angegeben, machen uns aber keine großen Hoffnungen“, sagt Vater Daniel Marquardt. Seine Tochter habe ‚nur' einen Zensurendurchschnitt von 2,3 und die Geschwisterkindreglung sei auch kein Härtefall mehr. Ihren Drittwunsch haben Marquardts deshalb taktisch festgelegt und mit der Hermann-Hesse-Schule ein bisher weniger nachgefragtes Gymnasium gewählt.