Deutschlandhalle

Abrissgenehmigung sorgt für heftige Reaktionen

Der Berliner Senat hat den Abriss der Deutschlandhalle genehmigt - obwohl sie unter Denkmalschutz steht. Architekten und Stadtplaner zweifeln an dieser Entscheidung.

Die Abrissgenehmigung für die Deutschlandhalle hat nicht nur bei Denkmalschützern heftige Reaktionen ausgelöst. Auch Architekten und Städteplaner zeigten sich gestern betroffen von der Entscheidung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Viele der Kritiker werteten den Abrissbeschluss als „politisch gewollt“. Bürgermeisterin Monika Thiemen (SPD), die mit dem Bezirksamt und den Bezirksverordneten die Halle erhalten wollte, sagte: „Das ist mehr als bedauerlich.“

Der Streit um den Erhalt der Deutschlandhalle, die im Zweiten Weltkrieg zerstört, dann wiederaufgebaut und 1957 als West-Berlins größte Konzerthalle wiedereröffnet wurde, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits 1997 – unter dem damaligen von Eberhard Diepgen geführten CDU/SPD-Senat – war beschlossen worden, die Deutschlandhalle zu schließen. Sie sollte noch vor der Eissporthalle an der Jafféstraße abgerissen werden, die dem neuen Eingang der Messe weichen musste. Notgedrungen war die Deutschlandhalle schließlich nach fast dreieinhalb Jahren Leerstand im Jahre 2001 dann dem Eissport zur Verfügung gestellt worden. Im Mai 2008 hatte der heutige Senat bereits über den Abriss der Deutschlandhalle – die Eissportler erhalten an der Glockenturmstraße eine neue Sporthalle – und die Sanierung des ICC entschieden.

„Die Deutschlandhalle ist ein Beispiel für Verfall wegen unterlassener Instandhaltung, durch die natürlich eine weitaus größere Sanierungsmaßnahme erforderlich wurde, als wenn man sich um dieses Gebäude gekümmert hätte“ sagte Kerstin Wittmann-Englert. Die Professorin der Technischen Universität und Vorsitzende des Landesdenkmalrates schätzt an dem Bauwerk „die gelungene Transformation einer Architektursprache der 30-er in die der 50-er Jahre, die in Berlin beispiellos ist“. Die wichtigste Frage, die sich ihr jetzt stelle, sei: „Wenn die Deutschlandhalle abgerissen wird, was passiert dann erst mit dem ICC?“, sagte Kerstin Wittmann-Englert.

Die Grünen-Politikerin Franziska Eichstädt-Bohlig kritisierte die „Konzeptionslosigkeit der Politik“ des Senats. „Es ist doch absurd, wenn die Stelle der Deutschlandhalle von der Messe als Ersatzstandort genutzt werden soll, während man gleichzeitig Tempelhof als riesigen zweiten Messestandort deklariert und feiert.“ Den Architekten Gerhard Spangenberg erinnert „das Ganze an den Abriss des Sportpalastes in den 70er-Jahren. Obwohl der noch brauchbar war, musste er sterben, weil als Konkurrenzhalle das ICC entstehen sollte.“ Heute sei der damalige Konkurrent des Sportpalasts, das ICC, selbst gefährdet. „Der Abriss der Deutschlandhalle ist so typisch für Berlin, wo man sich seiner Geschichte immer häufiger entledigt“ zeigte sich Spangenberg sehr verärgert über die Senatsentscheidung. Für den Planer, der mit großem Erfolg das alte Pumpwerk Radialsystem V in Friedrichshain saniert und zu einem erfolgreichen Kulturstandort umgebaut hat, steht fest: „Die Deutschlandhalle ist nutzbar und zu retten, sie soll nur abgerissen werden, weil hier ein neuer Bau hin soll.“

Das sieht Uwe Hameyer, Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieurvereins (AIV) zu Berlin, genauso: „Das Szenario zur Sanierung des ICC bei laufendem Betrieb wurde von der Messe übertrieben negativ dargestellt, weil sie unbedingt einen Neubau auf dem Grundstück der Deutschlandhalle errichten wollen. Nach unserer Ansicht ist eine Sanierung des ICC bei laufendem Betrieb möglich, aber die Messe behauptet das Gegenteil.“ Die Deutschlandhalle hat seiner Ansicht nach das Potenzial, umgebaut zu werden. Dem rot-roten Senat wirft er in dieser Debatte vor, die Fachöffentlichkeit „systematisch ausgeschlossen zu haben“.

"Katastrophe für die Baukultur"

Mehr Transparenz und eine aussagefähige Kostenberechnung hat der AIV schon vor Jahren bei den Plänen zum geplanten Abriss und dem Bau einer neuen Messehalle gefordert. Auch heute noch ist für Hameyer nicht bewiesen worden, dass Abriss und Neubau für weniger Geld zu haben sind, als die Restaurierung und der Umbau der Deutschlandhalle kosten würden. Die von der Messe beauftragten Gutachten seien bis zum Schluss geheim geblieben. Nur Abgeordnete hätetn sie einsehen würden.

Als „Katastrophe für die Baukultur“ wertet der Architekt Claus Anderhalten den jetzt besiegelten Abriss der traditionsreichen Deutschlandhalle. Anderhalten, der als Mitglied des Baukollegiums Senatsbaudirektorin Regula Lüscher berät, hält die Entscheidung für nicht notwendig, sondern „rein politisch“. „Der Abriss war gewollt“, ist sich der Planer sicher. Jedes Gebäude sei in der Regel sanierungsfähig. „Wenn man das will, findet sich auch ein Weg dafür“, zeigte sich Anderhalten von der Senatsentscheidung sichtlich überrascht.

Hubert Nienhoff hingegen hält die Entscheidung für richtig. „Wir haben uns im Rahmen eines Gutachtens lange mit der Deutschlandhalle beschäftigt und wissen, dass die Bausubstanz dermaßen schlecht ist, dass sie sich nicht mehr in einem vernünftigen Preis-Leistungsverhältnis sanieren lässt“, sagte der Leiter des Berliner Büros von Gerkan, Marg und Partner Architekten (GMP) Morgenpost Online. „Natürlich könnte man die Deutschlandhalle noch sanieren, nur steht das Aufkommen dafür nicht im Verhältnis zum Nutzen, auch was die langfristige Wirtschaftlichkeit betrifft“, sagte Nienhoff. Die Deutschlandhalle sei zudem im Laufe der Geschichte mehrfach unsachgemäß verändert worden, was auch ein Grund für den jetzt schlechten Zustand sei.