Lichtenberg

Haftbefehle gegen vier U-Bahn-Schläger

Während das Opfer noch in Lebensgefahr schwebt, sucht die Polizei Zeugen und prüft den Verdacht auf unterlassene Hilfeleistung, da nur ein einziger Notruf einging. Die vier verdächtigen Jugendlichen erhielten am Mittwoch Haftbefehle.

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Ein Überwachungsvideo zeigt die vier mutmaßlichen Täter, die einen Fahrgast auf dem U-Bahnhof Lichtenberg ins Koma geprügelt haben.

Video: BMO
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Politiker verschiedener Parteien haben den brutalen Angriff auf einen 30 Jahre alten Maler auf dem Bahnhof Lichtenberg scharf verurteilt. Vier Jugendliche hatten den Mann beraubt und so schwer geschlagen und getreten, dass er immer noch lebensgefährlich verletzt im Koma liegt. Schwere Spätfolgen gelten – so er jemals aufwachen sollte – als wahrscheinlich. Inzwischen haben die 14 und 17 Jahre alten Verdächtigen bei Vernehmungen den Angriff gestanden. Eine Tötungsabsicht bestritten sie hingegen und gaben nach Informationen von Morgenpost Online an, durch das Rufen von „Sieg Heil“ provoziert worden zu sein. Ermittler halten dies allerdings für eine abgesprochene Schutzbehauptung. Entsprechende Aussagen von Zeugen lägen nicht vor. Die vier Jugendlichen erhielten am Mittwoch Haftbefehle.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) zeigte sich erschüttert über das Ausmaß der Brutalität dieser Tat, war aber auch zufrieden darüber, dass die Verdächtigen festgenommen werden konnten. „Die schnelle Festnahme wurde durch Videobilder ermöglicht. Da zeigt, dass Videoüberwachung im ÖPNV hilfreich ist.“ Er sei zuversichtlich, dass das Gericht angesichts der Brutalität der Tat das Strafmaß bei einer Verurteilung voll ausschöpfen wird. Nach Angaben von Berlins CDU-Landes- und Fraktionschef Frank Henkel dürfe „nicht der Eindruck entstehen, dass Probleme weggeschwiegen werden“. Dazu zähle die „unfassbare Brutalität mancher Migranten“. Den Schlägern sei ein Menschenleben offenbar nichts wert. Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann sagte, mit ihrem schnellen Ermittlungserfolg hätten Polizei und BVG einen wesentlichen Beitrag gegen Gewalttaten in öffentlichen Verkehrsmitteln geleistet. Jetzt müsse dafür gesorgt werden, dass die Justiz „rasch und angemessen“ reagieren könne. Solche Gewalttaten erforderten eine schnelle Reaktion.

Zwei der beschuldigten Jugendlichen waren beziehungsweise sind Schüler der Lichtenberger Schule am Rathaus. Der aus Kenia stammende Jeffrey U. besuchte bis zu seiner Festnahme die neunte Klasse, er ist zweimal sitzen geblieben. Lehrer sagten, er sei zwar lebhafter gewesen als seine Mitschüler und habe auch mehr gestört als sie. Durch Aggressivität sei er aber nicht aufgefallen. „Obwohl seine gesetzliche vorgeschriebene Schulzeit vorbei war, haben wir alles unternommen, um dem Jungen zu helfen“, so Direktorin Petra Jäger. „Wir wollten, dass er mit einem Abschluss von der Schule geht, um eine Chance im Leben zu haben.“ Klassenkameraden und andere Schüler zeigten sich entsetzt über die „Orgie der Gewalt“, wie sie es nannten. „Es gab immer wieder Anfragen der Jugendlichen, um über das Thema zu reden. Wir haben uns dann mit ihnen zusammengesetzt“, so die Schuldirektorin. Ein Bekannter beschrieb Jeffrey, der in Friedrichsfelde wohnt, als schwierigen Jugendlichen. Die Ursache dafür läge in seinem familiären Umfeld.

Innerhalb der Berliner Polizei wird darüber diskutiert, ob die Tat vielleicht hätte verhindert werden können. Denn die Schule am Rathaus hatte noch bis vor wenigen Monaten eine Kooperation mit verschiedenen Sportvereinen und den Beamten der Operativen Gruppe Jugendgewalt (OG J), die solchen Exzessen vorbeugen sollte. „Auf Wunsch der Polizeiführung jedoch wurden diese Beamten abgezogen, die OG J hat keinen Einfluss mehr, obwohl gerade bis dato eben diese Polizisten einen guten Einfluss auf die Jugendlichen hatten“, sagte ein ranghoher Polizeiführer. Zwar würde der örtliche Abschnitt noch Prävention betreiben, aber nicht mehr in dem Maße wie noch vor Monaten.

Aus Kreisen der Staatsanwaltschaft und der Polizei wurde Unverständnis darüber geäußert, dass sich mehrere Zeugen zur Tatzeit am Tatort befunden hatten – aber nur einer über die Notrufleitung Hilfe rief. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wird geprüft, ob im Falle einer Identifizierung dieser Zeugen der Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung in Frage kommt. Folgenschwere Angriffe und Raubüberfälle auf arglose Passanten in U- und S-Bahnhöfen sind seit Jahren keine Seltenheit. Häufig sind Jugendliche die Täter, aufgeputscht durch Alkohol- und Drogen. Die BVG versucht der Problematik durch zusätzliches Sicherheitspersonal zu begegnen. Die Polizei setzt auf Videoüberwachung, zur Abschreckung und zur Aufklärung der Gewalttaten.

Taten sind brutaler geworden

Delikte, die von der Polizei unter der Bezeichnung Jugendgruppengewalt geführt werden, waren in Berlin zuletzt rückläufig. Die Zahl der von Jugendgruppen verübten Körperverletzungen war 2009 um 13,1 Prozent auf 1062 Fälle gesunken. Im Jahr zuvor hatte es noch 1222 Fälle gegeben. Noch stärker rückläufig – um 23,5 Prozent auf 1618 Fälle – war die Anzahl von Raubdelikten. Die Zahlen für 2010 werden voraussichtlich im März vorgelegt. Polizeipräsident Dieter Glietsch sagte vorab, 2010 habe es von Jugendgruppen 20 Prozent weniger Straftaten als ein Jahr zuvor gegeben.

In Bezug auf Raub- und Körperverletzungen nannte Glietsch einen Rückgang von sieben bis acht Prozent. Für diese Entwicklung sieht der Polizeipräsident nicht nur demografische Gründe. Die polizeiliche Kriminalstatistik wies für 2009 bereits für den Bereich Jugendkriminalität eine Abnahme der Tatverdächtigen bei Straftaten aus. In der Altersgruppe von 14 bis 17 Jahren, zu denen die mutmaßlichen Schläger von Lichtenberg gehören, traten im Jahr 2009 insgesamt 12598 Tatverdächtige in Erscheinung. Hier belief sich der Rückgang auf 5,5 Prozent. Gleichzeitig verweisen Experten jedoch auf die Zunahme der Gewaltbereitschaft und Brutalität unter Jugendlichen.