Haftalltag

Wenn das Leben im Gefängnis Tegel endet

Mehr als 60 ältere Häftlinge sitzen in der Justizvollzugsanstalt Tegel ein, einige seit Jahrzehnten. Für manche wird es keine Rückkehr in die Freiheit geben. Viele von ihnen haben sich damit abgefunden.

Foto: Michael Mielke

Peter F. sagt, er wolle hier nicht sterben. In diesem knapp zehn Quadratmeter großen Raum, im dem eine Liege steht, ein Regal, Geschirr und ein kleiner Fernseher. Vor dem geöffneten Fenster flattert eine bordeauxrote Gardine. Und gleich neben der Tür – auch das gehört zu den zehn Quadratmetern – befindet sich ein kleiner Raum mit Waschbecken und Toilette.

Peter F. ist vor einigen Wochen 70 Jahre alt geworden. Er ist einer von derzeit 60 Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel, die über 60 Jahre alt sind. Der Älteste, verurteilt wegen versuchten Totschlags, ist 84 Jahre alt. Er hatte den Tod seiner vermeintlich falsch behandelten, krebskranken Frau rächen wollen und Bomben gelegt. Ein anderer, er ist 71 Jahre alt, sitzt wegen dreifachen Mordes schon seit mehr als 40 Jahren in Tegel. Sie haben sich eingerichtet, haben sich an die Gitter gewöhnt und das Schnappen der Riegel. Aber es ist für sie immer das Gefängnis geblieben. Ein Leben unter Strafe.

Für Außenstehende sei das oft nur schwer zu begreifen, sagt Martin Guder, stellvertretender Leiter der Teilanstalt V., in der die meisten hochbetagten Häftlinge untergebracht sind. Oft werde vermutet, dass es den Gefangenen eigentlich ganz gut gehe, sagt Guder. „Weil sie versorgt werden, ein Bett in einem geheizten Raum haben und oft sogar einen Fernseher.“ In der Teilanstalt V können die meisten Gefangenen am Tage sogar ihre Zelle verlassen und sich im Haus frei bewegen. Es gibt Küchen mit Herden und Kühlschränken; jeder Insasse hat sein Fach, das er mit einem Vorhängeschloss sichert. Das ändere aber nichts an der Situation, eingesperrt zu sein, sagt Guder. „Der Gefangene ist hier nicht eigenbestimmt und soll es auch nicht sein. Der gesamte Alltag ist streng reglementiert: Wann darf ich meinen Haftraum verlassen? Wer darf mich wann besuchen? Was darf ich mir einkaufen; wann muss ich schlafen gehen?“ Verstöße, so Guder, würden natürlich geahndet. „Diese Vorgaben sind für die meisten auch nach vielen Jahren Gefangenschaft nur schwer zu ertragen.“

Peter F. bestätigt das. „Ich werde mich hier nie frei fühlen“, sagt er. „Es wird für mich immer Knast bleiben.“ Der gelernte Krankenpfleger ist schon seit 27 Jahren eingesperrt. Ein Schwurgericht verurteilte ihn 1983 wegen Doppelmordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Über die Gründe mag er nicht reden. Er sagt lediglich, dass da „etwas Sexuelles mit im Spiel“ gewesen sei. Wer seine Mitinsassen befragt, erfährt, dass seine Opfer kleine Kinder waren. Dieses furchtbare Verbrechen prägte auch seine Jahre in der Haft. Vor allem in der ersten Zeit. Kindermörder, noch dazu, wenn sie sich zuvor an ihren Opfern sexuell vergangen haben, stehen in der Hierarchie der Gefängnisinsassen auf der untersten Stufe. „Man muss sich schon durchsetzen hier“, bestätigt Peter F., wirkt aber immer noch irgendwie gehetzt und kann seinem Gegenüber beim Sprechen nicht in die Augen sehen. Kein Wort über seine Opfer. Kein Wort darüber, wie er damit zurecht kommt, zwei kleinen Menschen das Leben genommen zu haben.

Peter F.s Familie hat sich zurückgezogen. Es kommen keine Briefe mehr, und er wird von den Angehörigen auch nicht besucht. Aber es gibt in seinem Leben immer noch diese Frau, die 1983 bei seinem Prozess im Moabiter Kriminalgericht auf der Zuschauerbank saß und ihn beobachtete. Und die ihm später lange Briefe schrieb. „Sie war der erste Mensch, der mir nach meiner Straftat wieder Vertrauen entgegen gebracht hat“, sagt er. Anfangs habe er Angst vor dieser Beziehung gehabt. Aber der Gefängnispfarrer habe ihm geraten, dieses Angebot nicht auszuschlagen. Die Frau ist zwölf Jahre jünger als er, hat drei Söhne aus einer anderen Beziehung. 1986 heirateten sie im Gefängnis. Anfangs besuchte sie ihn oft. Es gab auch Treffen in der Liebeszelle – offiziell Langzeitsprechstunde genannt. Dabei handelt es sich um eine kleine, vergitterte Wohnung auf dem gesicherten Gefängnisgelände, in der die Gefangenen mit ihren Frauen und Kindern ungestört bis zu fünf Stunden verbringen können. „Das war wichtig für unsere Beziehung“, sagt Peter F., „meine Frau war damals ja erst Anfang 40.“ Inzwischen wurden Besuche für Sexualstraftäter gestrichen. Peter F. scheint das aber kaum zu bedauern. Seine Frau kommt ihn ohnehin nur noch selten besuchen. „Sie hat Arthrose, sie kann nicht mehr richtig laufen“, sagt er. Und es klingt, als wiederhole er bereitwillig ihre Ausreden. Er hat gelernt zu verdrängen.

Peter F. ist nicht der einzige Gefangene, der während seiner Haftzeit eine Frau gefunden hat. Für den forensischen Psychiater Ulrich Giese ist die Zuwendung dieser Frauen, die sich ganz zielgerichtet Gefangenen zuwenden, „ein Phänomen“. Da spiele vermutlich ein Helfersyndrom eine Rolle oder auch „das starke Interesse an Menschen, die Straftaten begangen haben“, sagt der ehemalige Chef des Berliner Krankenhauses für den Maßregelvollzug. Manchmal handele es sich auch um Frauen, die von ihren bisherigen Beziehungen enttäuscht seien, trotzdem einen Partner haben wollten und jetzt eine ganz besondere Konstellation erlebten: „Er ist diesmal in der schwächeren Position, weil er eingesperrt ist und auf sie warten muss. Und sie können dabei auch noch das Gefühl haben, etwas besonders Gutes zu tun, weil sie ihn besuchen und ihm kleine Geschenke mitbringen.“

Auch Reinhold T. hat während der Haft die, wie er sagt, Frau seines Lebens gefunden. Er ist 63 Jahre alt und verbringt – mit kurzen Unterbrechungen – sein Leben seit fast 28 Jahren Gefängnissen. 1983 war er wegen mehrerer Raubtaten zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Anfang 1990 bekam er wegen guter Führung sogenannte Vollzugslockerungen. Im Oktober 1990 flüchtete er während eines Ausgangs und überfiel mit zwei Komplizen die Inhaberin einer Boutique in Düsseldorf. Ein Moabiter Schwurgericht ging 1991 davon aus, dass die 52-Jährige von Reinhold T. erdrosselt wurde. Es verurteilte ihn wegen Raubmordes zu Lebenslänglich, erkannte auf die besondere Schwere der Schuld und ordnete Sicherungsverwahrung an.

Im Herbst 1997 kam Reinhold T. dann noch einmal in die Schlagzeilen. Ihm wurde vorgeworfen, eine Vollzugsbeamtin in seiner Zelle als Geisel genommen und vergewaltigt zu haben. Mehrere Tage berichtete die Berliner Presse von dem „durchtrainierten“, „muskelbepackten“ Gewaltstraftäter, der offenbar unter einem Gefängniskoller leide. Kurz darauf stellte sich heraus, dass die Geiselnahme nur vorgetäuscht war. Der damals 49-jährige Reinhold T. und die gleichaltrige Vollzugsbeamtin hatten schon seit drei Jahren ein intimes Verhältnis. Bei einem dieser Treffen fiel zufällig die Tür von Reinhold T.s Zelle ins Schloss. Von innen konnte sie nicht mehr geöffnet werden. Und weil er seiner Geliebten helfen wollte, behauptete er, sie als Geisel genommen zu haben. Doch es gab Tonbandaufnahmen, die SEK-Beamte mit Richtmikrofonen an Reinhold T.s Zelle mitschnitten. Da waren Gespräche eines Liebespaares zu hören. „Zwei bis drei Mal konnte ein mehrminütiges rhythmisches Stöhnen vernommen werden“, hieß es im Protokoll. Und ein Juwelier sagte aus, Reinhold T. habe bei ihm regelmäßig Schmuck für diese Frau geordert, bezahlt von dem Geld, das er damals im Gefängnis als Zahnarzthelfer bekam.

Hoffnung auf betreutes Wohnen

„Ich habe diese Frau geliebt“, sagt Reinhold T. und blickt wehmütig aus dem Fenster der Zelle. Er hatte sich, bevor das Sondereinsatzkommando die Zelle öffnete, sogar die Pulsadern aufgeschnitten. Doch er konnte gerettet werden. Später, sagt er, habe er erfahren, dass die Justizvollzugshauptsekretärin zeitgleich mehreren Gefangenen ihre Liebe vorgegaukelt und bei allen kräftig abkassiert hatte. Sie flog aus dem Dienst, bekam eine Bewährungsstrafe. Aber das habe ihn dann schon gar nicht mehr interessiert, sagt Reinhold T. Er winkt ab, starrt aus dem vergitterten Fenster, sagt mit brüchiger Stimme: „Das Thema Frauen ist für mich beendet“. Er ist nicht mehr der athletische Typ, als der er vor 13 Jahren noch beschrieben wurde. Er ist ein hinfällig wirkender älterer Mann, der seit fünf Jahren an Parkinson leidet. Sein Leben wird jetzt vor allem bestimmt von dem Arbeitsplatz in einer kleinen Wäscherei, in der er die Zivilkleidung der Mitgefangenen reinigt. „Das ist jetzt mein Leben hier. Es könnte schlechter sein“, sagt er. „Aber es bleibt Knast und hat mit dem wirklichen Leben nichts zu tun.“

Auch Reinhold T. brauchte Jahre, um zu begreifen, was er getan hat: „Ein Mensch hat sein Leben lassen müssen. Das lässt sich nicht entschuldigen oder wieder gut machen. Da könnte ich noch 20 Jahre in Tegel sitzen.“ Viele Nächte, sagt er, habe er davon geträumt. „Ich bin aufgewacht und habe keine Luft bekommen.“

Seit sieben Jahren beteiligt er sich an einem Projekt der JVA Tegel, den sogenannten „Sokratischen Gesprächen“. Er trifft sich alle 14 Tage zwei Stunden mit anderen Gefangenen und redet mit ihnen über Werte, Schuld, Sühne und auch darüber, wie man sich im Gefängnis ein Stück innere Freiheit bewahrt. „Da müssen die Karten auf den Tisch. Das kann bitter werden und schmerzhaft“, sagt Reinhold T. Die Gesprächsrunde wurde ein Jahr lang von den Filmemacherinnen Aleksandra Kumorek und Silvia Kaiser begleitet. Es gibt inzwischen einen Film mit dem Titel „Die Eroberung der inneren Freiheit – sokratische Gespräche unter Gefangenen“. Er wurde in Berliner Kinos gezeigt.

Reinhold T. hat ihn dort nicht sehen können. Nach seiner Flucht 1991 hatte er erst einen Ausgang genehmigt bekommen. Dabei wurde er von zwei Bediensteten begleitet. Als Ziel wählte er das Einkaufszentrum Alexa am Alexanderplatz. Er ist heute noch begeistert: „Die Farben, die Läden, das Getümmel. Und fast jeder hatte ein Handy und telefonierte.“ Jetzt träumt er davon, den Kurfürstendamm mal wieder zu sehen. Aber er weiß, dass Ausgänge die Ausnahme bleiben werden und dass für ihn auch in den nächsten Jahren an eine Entlassung nicht zu denken ist. Eine eigene Wohnung will er ohnehin nicht mehr beziehen. „Wer weiß, wie es mir dann geht“, sagt er. „Die Krankheit wird ja nicht besser. Für mich kommt nur noch betreutes Wohnen in Frage.“ Er stellt das sachlich fest. Aber da ist auch Resignation herauszuhören.

Martin Guder kennt das. „Viele ältere Gefangene wollen gar nicht mehr raus“, sagt er. „Sie verlieren im Laufe der Jahre ihre letzten sozialen Kontakte, ziehen sich immer weiter zurück und nutzen auch kaum Freizeitangebote.“ Die Anstaltsleitung will darauf reagieren. Geplant ist ein Antidemenztraining an Computern für alte Gefangene. In einem weiteren Projekt soll den Senioren vermittelt werden, was sie benötigen und wissen müssen, um nach ihrer Entlassung zurechtzukommen.

Für den Sexualmörder Peter F. ist das jedoch kein Thema. „Ich will nicht mehr raus, jedenfalls nicht jetzt“, sagt er. „Denn wenn das die Medien mitbekommen würden, wäre das für meine Frau ein Spießrutenlauf.“ Letztlich sind diese Gedanken aber sehr theoretisch. Denn T. hat ohnehin kaum eine Chance, das Gefängnis je wieder verlassen zu dürfen. In einem Gutachten aus dem vergangenen Jahr wird ihm eine negative Prognose gestellt – trotz seines Alters und der jahrzehntelang erzwungenen pädophilen Abstinenz.

Ulrich Giese sieht da jedoch keinen Widerspruch. „Sexualität spielt sich zuallererst im Kopf ab.“ In der Haft seien die Insassen in der Regel zwar keiner äußeren Belastung ausgesetzt und erlebten keine Reize, sagt der renommierte Psychiater. „Aber die Fantasien können nach wie vor vorhanden sein. Und mit ihnen die Bedürfnisse und letztlich die Gefahr. Auch bei einem 70-Jährigen.“