Autobahn-Verlängerung

Naturschützer machen mobil gegen A100-Ausbau

Martin Schlegel, Verkehrsexperte des Bundes für Umwelt will mit den Anwohnern den Ausbau der A100 verhindern. Zurzeit fährt er mit einem Aktions-Bus durch die betroffenen Stadtteile.

Foto: dpa / dpa/DPA

Irgendwo da draußen in der Berliner Dunkelheit müssen sie sein: die Kleingärten, die Gründerzeithäuser, die Platanen, von denen Martin Schlegel redet. Sie müssten dem Weiterbau der A100 weichen. Sie sind die Gründe für die Klagen vor dem Bundesverwaltungsgericht, die Schlegel ankündigt für den Fall, dass Berlin noch vor dem Herbst 2011 die planungsrechtlichen Voraussetzungen für das 430-Millionen-Euro-Projekt schafft. Zu sehen sind sie nicht. Schlegel ist Verkehrsexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Gemeinsam mit Anwohnern der umstrittenen Trasse will der BUND den Bau verhindern. An diesem kalten Oktoberabend kurvt der hauptamtliche Naturschützer im Reisebus durch Neukölln, Treptow, Friedrichshain, durch die Straßen und Wohn- und Gewerbegebiete, die die Autobahn durchschneiden würde. Der Verkehrspolitische Informationsverein (viv) hat zum rollenden Streitgespräch geladen. Viv-Chef Alexander Kaczmarek moderiert. 30 Mitfahrer, die meisten im Rentenalter, kurven mit. Und Schlegels Kontrahent: Gerd Bretschneider, Geschäftsführer der Fuhrgewerbe-Innung Berlin-Brandenburg.

Wie bestellt steht der Bus im Stau, als Bretschneider sein Eingangs-Plädoyer für die Autobahn vorträgt. Stau ist schlecht für die Menschen, die er vertritt. Jene, die mit Autofahren Geld verdienen müssen. Stau ist auch schlecht für die Umwelt. Deswegen will auch Schlegel lieber, dass der Verkehr rollt. Nur eben nicht auf einer Autobahn mitten durch Berlin.

Die Argumente beider Seiten sind nicht neu. Die Verlängerung der A100 bis zum Treptower Park bündele den Verkehr und entlaste damit Wohngebiete. Sie sei wichtig für den Wirtschaftsverkehr vom und zum künftigen Großflughafen in Schönefeld. Ohne die Autobahn würden ganze Stadtviertel im Osten Berlins vom erwarteten Boom durch den BBI abgeschnitten, so sagen die Befürworter. Und schließlich zahle das Ganze ja der Bund.

Der Bus als Diskussionsplattform

Zu teuer, verkehrspolitisch fragwürdig, umweltpolitisch unvertretbar, ein Verlust an Wohn- und Lebensqualität, so urteilen die Gegner. Letztlich sei das Ganze längst überholte Verkehrspolitik der autoseligen 60er- und 70er-Jahre.

Die Aussichten auf einen Kompromiss sind düster wie der Herbstabend jenseits der Busfenster. Auch Schlegel und Bretschneider haben wenig Erhellendes zu bieten. Wenn, ja wenn die Autobahn nur bis zur Sonnenallee gebaut würde, dann könnten sich die Naturschützer wohl schweren Herzens damit abfinden, sagt Schlegel. Zumindest wäre es wohl schwer, Gründe für eine Klage zu finden. Doch eine Verkürzung der Verlängerung steht nicht auf der politischen Agenda von Land und Bund. Und auch ein anderer „Deal“ zur Umschichtung der knappen Bundesmittel, den Schlegel vorschlägt, ist derzeit kein Thema. „Die A.100 wird nicht gebaut, dafür aber das Stadtschloss.“

Überholte Verkehrspolitik der autoseligen 60er- und 70er-Jahre?

Die Grundsatzdiskussion müsse also weitergeführt werden, sagt Kaczmarek. Und zumindest dieser Wunsch wird sicher in Erfüllung gehen. Die Berliner SPD will – wie berichtet – mit dem Thema A.100 ebenso in den Wahlkampf ums Abgeordnetenhaus gehen wie Grüne, FDP und CDU.

Erst vor einer Woche hatten sich die Spitzen der rot-roten Regierungskoalition verständigt, die Entscheidung für oder gegen den Bau erst nach der Wahl im September 2011 zu treffen – sofern sie dann noch die nötige Mehrheit dafür haben. Nur 1,7 Millionen Euro für die weitere Planung wollen SPD und Linke vorher freigeben. Der Ausgang ist ungewiss, die Autobahn einstweilen noch – je nach Stimmungslage – Hoffnungsschimmer oder Horrorszenario, in jedem Fall abstrakt.

Der Bus mit Bretschneider, Schlegel & Co. hält an auf dem Seitenstreifen der Sonnenallee. Das Mikrofon knarzt. Die Batterie ist fast leer. „Wir stehen jetzt genau auf der geplanten Trasse“, sagt Kaczmarek. „Sie müssen sich das bildlich vorstellen.“ Die Blicke suchen das Dunkel ab. Ein paar Fabriken rechts und links, ein Burger-Imbiss, weiter hinten das Hotel Estrel, viel Nichts. Dann geht es zurück zum Startpunkt. Diesmal ohne Stau.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.