Kleinmachnow

Entführer wollte Geld zum Schulden begleichen

Das entführte Mädchen aus Kleinmachnow hat die Tat ohne erkennbare Blessuren überstanden. Der Entführer, selbst Vater dreier Kinder, hatte die Familie tagelang genau beobachtet. Der 44-jährige Berliner hatte massive finanzielle Probleme.

Carsten W. aus Zehlendorf ist Vater dreier Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren. Das hat den geschiedenen Mann allerdings nicht daran gehindert, die Eltern eines anderen Kindes 13 Stunden lang in Angst und Schrecken zu versetzen. Einen Tag nach der spektakulären Entführung der vierjährigen Karolina K. in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) hat W. ein Geständnis abgelegt. Erhebliche finanzielle Schwierigkeiten waren offenbar der Grund für die Entführung, die am Donnerstag einen der größten Polizeieinsätze der jüngeren Vergangenheit in Brandenburg ausgelöst hatte. Am Freitagnachmittag erließ ein Ermittlungsrichter in Potsdam Haftbefehl wegen erpresserischen Menschenraubes gegen W.

Etwa zeitgleich fand im Potsdamer Justizzentrum die Pressekonferenz zu dem Fall statt. Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD), Justizminister Volkmar Schöneburg (Linke), Potsdams Polizeipräsident Rainer Kann und der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Junker hatten sich eingefunden, um die zahlreichen Medienvertreter über den Polizeieinsatz zu der Entführung, ihren Verlauf und ihr glückliches Ende zu informieren. Die wichtigste Nachricht verkündete dabei der Polizeipräsident: Die kleine Karolina habe das schreckliche Geschehen offenbar physisch und psychisch unbeschadet überstanden.

Familie zufällig ausgewählt

Über den Mann, der nach bisherigen Erkenntnissen für dieses Verbrechen verantwortlich ist, hieß es am Freitag in seinem Umfeld, eine solche Tat habe man ihm nicht zugetraut. Dass der korpulente, unscheinbar aussehende 44-Jährige massive finanzielle Probleme hatte, war jedoch allgemein bekannt. Der in Kenia als Sohn eines Entwicklungshelfers aufgewachsene Berliner soll eine juristische Ausbildung absolviert haben. Tätig war er zuletzt allerdings als Inhaber eines Fachgeschäftes für Tiernahrung im U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte in Zehlendorf. Im Oktober vergangenen Jahres musste er den Laden aufgeben, weil er die Miete nicht mehr aufbringen konnte. In der Zeit danach wuchsen die Schulden stetig weiter, Gläubiger und Gerichtsvollzieher drängten, bis Carsten W. offenbar keinen Ausweg mehr sah und auf die Idee kam, seine finanzielle Misere durch eine Entführung samt Lösegeldforderung zu beheben.

Auf die Familie K. in Kleinmachnow kam W. nach eigenen Angaben gegenüber den Ermittlern rein zufällig. Aufgefallen seien ihm das schicke Eigenheim der Familie in einer ruhigen Wohnsiedlung des 16000-Einwohner-Städchens südlich von Berlin und das teure Auto vor der Tür. Bereits in seiner ersten Vernehmung schilderte der 44-Jährige detailliert, wie er die Familie mehrere Tage lang beobachtet hatte und dabei ein genauer Plan für die Entführung in ihm reifte. Am Donnerstagmorgen schlug der dann zu. Und für die Eltern der kleinen Karolina, einen Physiotherapeuten und eine Steuerberaterin, begann ein Albtraum.

Kurz nach 8 Uhr verließ die Mutter der kleinen Karolina mit ihrer Tochter das Haus an der Straße Zur Remise, um das Mädchen zu einer Tagesmutter in der Nähe zu bringen. Nur wenige Augenblicke später hielt ein roter Pkw Renault Clio, ein maskierter Mann sprang heraus, entriss der Frau das Kind, zerrte es in den Wagen und raste davon. Zuvor hatte er der entsetzten Mutter noch einen Zettel in die Hand gedrückt. Der enthielt eine Forderung über 60000 Euro, den Hinweis, dass der Ort der Geldübergabe noch bekannt gegeben werde und die eindringliche Warnung: keine Polizei, keine Presse. Der Wagen, den der Entführer benutzte, war eigens für die Ausführung der Tat geliehen worden, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit.

Trotz der Warnung des Entführers schalteten die Eltern sofort die Polizei ein. Die setzte umgehend eine Fahndungsmaschinerie in Gang und verhängte eine Nachrichtensperre. Zivilfahnder und Spezialisten der Kriminalpolizei machten sich an die Arbeit, sämtliche Polizeidienststellen in Brandenburg und Berlin wurden über das Fahrzeug des Entführers informiert, Spezialkräfte in Bereitschaft versetzt. Die Leitung der Aktion, an der zeitweise bis zu 500 Beamte beteiligt waren, hatte Polizeioberrat Uwe Flemming, im Polizeipräsidium Potsdam zuständig für Großlagen. „Von Anfang an standen bei jedem unserer Schritte das Leben und die Sicherheit des Kindes im Vordergrund“, sagte Flemming am Freitagnachmittag.

Nachdem Carsten W. am Donnerstagabend an einer Autobahnbrücke bei Fürstenwade das Geld erhalten hatte, fuhr er mit dem entführten Mädchen zurück nach Kleinmachnow und ließ das Kind in unmittelbarer Nähe seines Elternhauses frei. Dort traf ein Nachbar das verschüchterte Mädchen an und brachte es zu seinen Eltern, die die Tochter überglücklich in Empfang nahmen. Nur kurze Zeit später wurde Carsten W. festgenommen. Was der 44-Jährige zu dem Zeitpunkt nicht hatte ahnen können: Spezialkräfte der Polizei hatten die Geldübergabe beobachtet und den Entführer seither nicht mehr aus den Augen gelassen. Kaum war das Entführungsopfer frei, schlugen die Beamten zu und nahmen den völlig überraschten Mann fest. Bei dem Zugriff erlitt Carsten W. leichte Verletzungen.

Spielzeug für Karolina

Das entführte Mädchen überstand die Tat ohne erkennbare Blessuren. Der Täter hatte Karolina den ganzen Tag über im Auto dabei. Zwischendurch ging er nach den Erkenntnissen der Polizei auf einem Campingplatz mit dem Mädchen spazieren. Sogar Spielzeug hatte der 44-Jährige für sein Opfer besorgt.

Trotz der Nachrichtensperre waren frühzeitig Gerüchte über ein Verbrechen in Kleinmachnow bekannt geworden. Auch die Medien hatten von der Entführung erfahren, sie aber den ganzen Tag vertraulich behandelt. Dafür dankte Polizeipräsident Rainer Kann den bei der Pressekonferenz anwesenden Journalisten.

In Kleinmachnow war die Entführung am Freitag das einzige Gesprächsthema. Viele Eltern reagierten fassungslos und auch besorgt, dass so etwa in ihre Stadt passieren könne. Kleinmachnow war 2008 als „familienfreundliche Gemeinde“ ausgezeichnet worden, seit Jahren gibt es einen regen Zuzug von Familien mit Kindern, insbesondere aus dem nahe gelegenen Berlin. Nach einigen versuchten sexuellen Übergriffen 2008 auf Kinder entwickelten Gemeinde und Polizei in enger Abstimmung mit den Familien Präventionsprogramme zum Schutz der Kinder. Von Entführungen war in diesen Programmen allerdings nicht die Rede. „We