Bund macht Druck

Bahn soll neue S-Bahn-Flotte anschaffen

| Lesedauer: 5 Minuten
Nikolaus Doll

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Berliner S-Bahn braucht dringend neue Wagen. Doch die Bahn zögert mit der Investition, weil sie fürchtet, bei der Ausschreibung des Verkehrsvertrags zu kurz zu kommen. Das Bundesverkehrsministerium will nun das Problem lösen.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer fährt normalerweise nicht mit der Berliner S-Bahn. „Wie auch. Kaum mach' ich die Autotür auf, klingelt das Telefon. Wenn ich unterwegs bin, muss ich arbeiten. Und das geht in der S-Bahn nicht. Da könnte ich ja gleich den Betrieb einstellen“, sagt der CSU-Politiker und freut sich über seine Anspielung auf das S-Bahn-Chaos. Aber an diesem Freitagvormittag ist alles anders. Ramsauer fährt S-Bahn. Und zwar so, dass es alle mitbekommen.

Der Minister will zeigen, dass er sich mit ganzem Einsatz um die endlosen Probleme auf den Schienen kümmert – bei der S-Bahn Berlin, den ICEs mit ihren anfälligen Klimaanlagen und Achsen, und den Regionalzügen, die massenhaft auf Halde stehen, aber nicht zugelassen werden. Dabei fehlen die Züge dringend im ganzen Land. Ramsauer ist auf dem Weg zu Bombardier in Hennigsdorf, jenem weltgrößten Bahnbauer, der bei all den aufgezählten Problemen gelinde gesagt eine nicht ganz glückliche Rolle spielt.

Der Besuch an sich ist ein Symbol, die Reise per Schienenfahrzeug erst recht. Und am Ende soll es ganz konkrete Ergebnisse geben. Endlich. „Als ich meinen Besuch angekündigt habe, zuckten alle Beteiligten“, stichelt Ramsauer. Man sei in Hennigsdorf wenig glücklich über die Visite gewesen. „Umso entschlossener war ich, hinzufahren und etwas anzustoßen.“ Und das hat Peter Ramsauer am Ende dann auch. Zumindest für eines der dringendsten Bahnprobleme gibt es nun eine Lösung. Und gegen das Grundübel auf den deutschen Schienen existiert immerhin ein Konzept. Beim Ärgernis S-Bahn ist man allerdings nicht weitergekommen. Zu verzwickt ist dort die Lage.

S25 kommt zu früh

Ramsauer erlebt an diesem Freitag, worum ihn zahllose Berliner Pendler beneiden würden: Die S25, die er am Nordbahnhof besteigt, kommt nicht wie im Fahrplan ausgewiesen um 10.33 Uhr – sondern drei Minuten früher. Die Waggons sind leer, beflissenes Personal fegt. „Alles Zufall, nichts ist inszeniert“, versichert ein Bahnmitarbeiter. Ramsauer schnauft zufrieden. Ohnehin geht es bei diesem Besuch in Hennigsdorf nicht in erster Linie um die S-Bahn, sondern um Regionalzüge und das grundsätzliche Problem. Aber man kann nicht als Bundesverkehrsminister in der S-Bahn Berlin sitzen, ohne das Thema anzuschneiden. Also sagt Ramsauer, dass bis Ende Oktober das Gros der Radsätze ausgewechselt werden soll. „Dann haben wir wieder so etwas wie einen Normalbetrieb.“

Eine Dauerlösung ist das nicht, und Ramsauers Staatssekretär Klaus-Dieter Scheurle deutet immerhin an, wie sich die Bundesregierung das Ende des S-Bahn-Chaos' vorstellt: Die Deutsche Bahn bestellt und bezahlt eine neue Flotte. Sollte sie dann nach Auslaufen des Verkehrsvertrages 2017 nicht erneut den Zuschlag bekommen, müsste geregelt sein, dass das nachfolgende Bahnunternehmen die Züge von der DB übernimmt. Eine Kanzlei prüft derzeit, wie man entsprechende Bestimmungen in der Ausschreibung verankern kann. „Bis März wollen wir dazu was auf dem Tisch haben“, so Scheurle.

Bei den anderen Problemen kommen Minister und Staatssekretär an diesem Tag schneller voran. Angekommen bei Bombardier, ringen Volker Kefer, Technikvorstand der Deutschen Bahn, Gerald Hörster, Präsident des Eisenbahn-Bundesamts (EBA), sowie Klaus Baur, Bombardier-Deutschland-Chef, und André Navarri, Präsident von Bombardier Transportation, mit dem Minister darum, wie man künftig schneller mehr Wagen auf die Schienen bringt. Der Mangel an Zügen ist es, der für einen Großteil des Ärgers beim Bahnfahren sorgt. Weil die ICEs wegen anfälliger Achsen in kürzesten Intervallen gewartet werden müssen, fehlen Züge für den Einsatz. Die Folge sind Ausfälle, Verspätungen, übervolle Waggons. Nach den heutigen Regeln dauern allein die Zulassungen Jahre.

Das aktuelle Ärgernis Nummer eins ist allerdings die Tatsache, dass rings um Berlin 85 nagelneue Regionalzüge Bombardiers vom Typ Talent 2 stehen. Sie dürfen nicht eingesetzt werden, weil sich Hersteller und EBA darüber streiten, ob die Bahnen allen Anforderungen entsprechen. „Weil diese Züge längst im Einsatz sein sollten, behelfen wir uns mit vorhandenem Material“, sagt Bahnvorstand Kefer. Und diese Bahnen fehlen dann woanders – ein Dominoeffekt. Die Lösung, die Ramsauer nach dem einstündigen Spitzengespräch verkündet, lautet schlicht: „Bereits Ende Februar sollen die ersten dieser 80 Talent-Züge zugelassen werden und ab Juni im Einsatz sein.“ Insgesamt wollen in diesem Jahr 163 dieser Regio-Bahnen gebaut und von der Bahn abgenommen werden. „Damit müssten wir für den kommenden Winter gerüstet sein“, sagt der Minister.

So einfach ist das. Da streiten alle Beteiligten über Monate miteinander, ob Dutzende millionenteurer Züge so funktionstüchtig gebaut wurden, dass sie auch zugelassen werden können. Und dann gibt es nach dem Blitzbesuch des Ministers einen Durchbruch. „Manchmal ist eine Situation festgefahren. Dann braucht es etwas Anstoß von außen, um Bewegung reinzubringen“, sagt Ramsauer. Damit sich der Fall Talent 2 nicht wiederholt, hat sich die Spitzenrunde auf neue Regeln bei der Zulassung von Zügen geeinigt. „Wir haben einen Leitfaden für Bahnen entwickelt. Der regelt, welche Zuständigkeiten im Einzelfall der Hersteller und der Kunde hat“, sagt der Minister. Zufrieden fährt er zurück nach Berlin. Mit dem Auto. Einmal S-Bahn Berlin reicht.