Kastanienallee

Berliner kämpfen ums Heruntergekommene

Die Kastanienallee soll umgestaltet werden - und Anwohner kämpfen nun um ihre heruntergekommenen Bürgersteige. Selbst Gewerbetreibende möchten keine aufgehübschte Flaniermeile. Doch der Baustadtrat hält dagegen.

Schön sein und glänzen. Eigentlich ist das nichts Verwerfliches auf der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Ganz im Gegenteil: Wer hier etwas auf sich hält, der trägt seine Hipness ganz offen zur Schau. Nicht umsonst wird die Meile auch „Castingallee“ genannt, unzählige Models und Schauspieler sollen hier schon entdeckt worden sein. Das Polieren der Fassade kennt aber Grenzen. Und die sind offenbar erreicht, wenn es um die Aufhübschung des Laufstegs selbst geht.

„Eine glatte Scheiße wird das nach der Sanierung!“, regt sich einer der prominentesten Gegner des Umbaus auf. Dr. Motte, Alt-DJ und Erfinder der Love Parade, hat sein Büro in der Kastanienallee und schwärmt vom einmaligen, ursprünglichen Charakter dieser Straße. Am liebsten wäre es ihm, man würde die Straße gleich unter Denkmalschutz stellen. Doch daraus wird wohl nichts, der Umbau der Allee hat bereits begonnen: Die Fahrbahn soll erweitert und ein Streifen für Radfahrer ausgebaut werden. Dafür wird der Bürgersteig schmaler und mit neuen Platten versehen. Eigentlich eine Idee, die besonders unter den unzähligen radelnden Anwohnern glühende Anhängerschaft finden müsste. Denn bislang schlängeln sich die Radfahrer zwischen den Schienen hindurch und entlang der parkenden Autos. Oder sie benutzen gleich den Gehweg, der mit seinen vielen Löchern einer Buckelpiste gleicht. Doch wie so oft, ist in der Kastanienallee alles ein wenig anders.

"Die Bürgersteige sind marode, die Fahrradfahrer leben gefährlich"

Es regt sich Protest gegen die Sanierung, die „Wutbürger“ sind auch hier aktiv. Und in Anlehnung an die Auseinandersetzung um den Bahnhof in Stuttgart, nennt er sich hier standesgemäß „K21". Laternenmasten, Toilettenvorräume und Häuserfassaden entlang der Straße sind gespickt mit Aufklebern: „Stoppt K21“, wird da gefordert. Natürlich gibt es auch eine dazugehörige Facebook-Gruppe , schließlich weiß sich der moderne Protest zu vernetzen. Dort wird vor den Verschönerungsmaßnahmen und dem Gesichtsverlust der Flaniermeile gewarnt. Dass die aktuell 219 Facebook-Unterstützer die Bagger aber noch verhindern können, erscheint fraglich. Sobald der Boden zwei Wochen lang frostfrei gewesen ist, werden sie die Straße dort weiter aufreißen, wo sie Ende vergangenen Jahres aufgehört haben.

„Da wird einfach über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden“, sagt Dr. Motte. Und wie er sehen das noch viele andere in Prenzlauer Berg. Seit die Pläne bekannt wurden, gab es unzählige öffentliche Debatten über Sinn und Unsinn des Umbaus. Es gründete sich Bürgerinitiative um Bürgerinitiative, die sich mit teils diametral entgegengesetzten Forderungen nur hinter einem Ziel vereinen können: Die Pläne des Bezirksamts müssen verhindert werden. Auch ein Schlichter wurde eingesetzt, der zwischen den Interessengruppen und der Politik vermitteln sollte. Aber statt einer Einigung ging die Auseinandersetzung Mitte vergangener Woche nur in eine neue Runde. Auf einer von der örtlichen SPD initiierten Podiumsdiskussion versammelten sich erneut Gegner und Befürworter des Projekts. Einmal mehr näherten sich die Positionen trotz lebhafter Diskussion kein bisschen an. Es ist wohl nicht falsch, in diesem Zusammenhang von verhärteten Fronten zu sprechen. Die Lokalposse, die mittlerweile Aufmerksamkeit über die Berliner Stadtgrenzen hinaus auf sich zieht, setzt sich also fort. Und der Ton wird schärfer, auch weil die Wahlen im September näher rücken. Doch worum geht es bei dem Streit eigentlich?

Der Hass der Bürger richtet sich vor allem gegen einen: Jens-Holger Kirchner. Der Mann ist Bezirksstadtrat für die Grünen in Pankow und dort zuständig für öffentliche Ordnung und den Straßenbau. Seit 2005 beschäftigt sich Kirchner schon mit dem Umbau der Kastanienallee. „Die Bürgersteige sind marode, die Fahrradfahrer leben gefährlich – es besteht klarer Handlungsbedarf“, sagt der Stadtrat. Die ersten Entwürfe zur Sanierung seien 2006 wieder verworfen worden, weil sie die Sicherheit für Radfahrer nicht maßgeblich verbessert hätten. Neu aufgelegte Pläne sahen dann einen Radweg für die verbreiterte Fahrbahn vor. Durch die Verlegung der Parkplätze weg vom Straßenrand hin zu neu geschaffenen Parkbuchten auf dem Bürgersteig soll außerdem die Tram in Zukunft schneller vorankommen. An diesen Veränderungen entzündet sich der heftigste Streit.

Widerstand gegen Fahrradfahrerlobby

Was der Grünen-Bezirksstadtrat als Aufwertung der Flaniermeile verstanden wissen will, ist für andere das genaue Detail. „Der Totalumbau ist eine brachiale Maßnahme, die den Charakter der Straße verändern wird“, sagt Till Harter, dessen „Bar 103“ an der Kastanienallee liegt. Außerdem schaffe der Fahrradstreifen keine Sicherheit, weil sich die Türen der parkenden Autos zu Fallen entwickeln könnten. Zudem fürchtet der Umbaugegner, dass Falschparker den Fahrradstreifen in Beschlag nehmen werden. Wenn es nach Till Harter ginge, dann sollte alles so bleiben, wie es ist. Harter und seine Facebook-Unterstützer wollen die Ursprünglichkeit und halten an den heruntergekommenen Bürgersteigen fest, weil sie finden, dass das Charme hat. „Genau wegen dieses Lebensgefühls sind die Leute doch hierhergezogen“, sagt Harter, der vor zehn Jahren selbst aus dem Süden nach Berlin kam.

Und die Atmosphäre lockte nicht nur Anwohner, entlang der Straße siedelten sich über die Jahre Geschäfte an, die dieses Lebensgefühl zu verkaufen suchen: Buchhandlungen, Cafés und vor allem Geschäfte, die Hippes für die Einrichtung oder den Alltagsgebrauch feilbieten. Da gibt es Ampelmännchen, Revolutionsliteratur oder individuell bedruckte T-Shirts, mit denen man sich von der Masse absetzen kann. Wie viel Geld sich mit dem Szeneruf der Kastanienallee verdienen lässt, weiß Sebastian Mücke ganz genau. Der gebürtige Hesse besitzt drei Läden auf der Straße und tritt im Streit um den Umbau als Sprecher der Gewerbetreibenden auf. „Die Umbaupläne zerstören den Charakter der Straße und machen sie provinziell“, sagt Mücke. Nach der Sanierung werde es auch in der Kastanienallee aussehen wie in Göttingen. Der Bezirksstadtrat Kirchner wähne sich wohl in dem Glauben, es gehe um den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Mückes Hauptvorwurf an das Bezirksamt: Es würde sich hier der mächtigen Fahrradfahrer-Lobby gebeugt, und insbesondere in Zeiten des Wahlkampfs sei die Politik an vorzeigbaren Infrastrukturprojekten interessiert. Außerdem findet der Geschäftsmann, die Kommunikation mit den Betroffenen sei bei der Planung des Umbaus vollkommen auf der Strecke geblieben. „Unsinn“, kommentiert Stadtrat Kirchner diese Einschätzungen. Erstens sei die Sanierung dringend notwendig und zweitens seien die Bürger sehr wohl in das Verfahren eingebunden worden. Die immergleichen Argumente habe man auf der Podiumsdiskussion in achter Auflage ausgetauscht, sagt der Bezirksstadtrat.

Eine Meinung leistet sich fast jeder

Und trotz all des miteinander Redens ist man sich offenbar kaum nähergekommen. Die Frage steht im Raum, ob es sich hier nur um einen weiteren Baustellenstreit handelt, wie er in allen Ecken der Stadt und der Republik ausgetragen wird. Je länger man mit den Betroffenen spricht, desto mehr drängt sich aber der Eindruck auf, es geht um tiefer greifende Veränderungsprozesse als nur um die Frage, wie breit nun ein Fahrradangebotsstreifen sein muss.

Keiner der Protagonisten lässt in der leidenschaftlich geführten Debatte einen Zweifel daran, dass es ihm hier einzig und allein um die gute Sache gehe. Am Ende ist nur eines klar: Die Kastanienallee polarisiert, eine Meinung leistet sich fast jeder. Die von hohen Bäumen gesäumte Straße erlebte seit der Wende einen regen Wandel. So tauschte sich die Anwohnerschaft fast komplett aus, nachdem die Häuser saniert und die Mieten daraufhin deutlich gestiegen waren. Nun leben zugezogene Wessis neben alteingesessenen Ossis. „Und die Trainingsjackenträger aus Stuttgart beschweren sich auch noch selbst darüber, dass der Kiez sich verändert“, lästert die gebürtige Berlinerin Jenny Wagener, deren Laden Trendfrisuren auf der Allee anbietet. Dass die Szeneläden den Kiez bevölkerten, sei jedenfalls nicht das Ende der Entwicklung, glaubt Stadtrat Kirchner. Eigentlich gehe es bei der ganzen Debatte um etwas anderes. Der wütende Protest habe viel mehr mit großer Angst vor Veränderung zu tun. „Die Leute, die wegen der Szene hierhergekommen sind, wollen den Kiez so plastinieren, wie sie ihn vorgefunden haben“, sagt Kirchner. Aber aus Stadtteilen und Straßenzügen könne man kein Museum machen, eine Stadt verändere sich eben, ist der Grünen-Politiker überzeugt.

Die Szene ist weitergezogen

„Der Hype auf der Kastanienallee ist vorbei, und die Straße ist mittlerweile Kommerz“, bringt der Stadtrat es auf den Punkt. Mittlerweile haben auch die Ladenbesitzer gemerkt, dass die eigentliche Szene schon längst weitergezogen ist in Stadtteile wie Neukölln, wo die Mieten noch billig und die Umgebung nicht so erschlossen ist. „Klar machen die Zurückgebliebenen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft“, äußert Kirchner Verständnis. Der schlechte Winter und die ansteigenden Gewerbemieten täten ihr Übriges, um Angst vor weiteren Veränderungen zu schüren.

Kirchners Verständnis endet allerdings dort, wo die Gegner des Projekts von „politischer Bevormundung“ sprechen. Eigentlich alle Bürgerinitiativen, die in ihren Forderungen zwar weit auseinanderliegen mögen, beschweren sich darüber. „Es macht mich wütend, wenn über meinen Kopf hinweg entschieden wird“, sagt zum Beispiel Dr. Motte. Das Stichwort also, das auch in Stuttgart die Runde macht, ist Bürgerbeteiligung. „Die Bürger hatten im Laufe des Verfahrens sehr wohl die Möglichkeit, sich und ihre Interessen einzubringen“, beharrt Grünen-Politiker Kirchner. Wer allerdings Einfluss nehmen wolle, der müsse sich auch mit den Verfahren auskennen. Da gelte es, sich hineinzuknien in Detailfragen wie: Wann beantrage ich ein Bürgerbegehren, wie viele Unterschriften von welchen Leuten braucht man dafür? „Demokratie und Mitbestimmung machen eben Arbeit“, sagt Kirchner und zieht dabei die Schultern nach oben. Für ihn ist das nichts Neues, er hat täglich mit den bürokratischen Hürden zu tun. Er weiß, dass all diese Regeln nicht sexy sind – aber ersparen könne man sie den mündigen Bürgern eben auch nicht.

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