Prozess

Sohn wie Sexsklaven gehalten - Opfer vor Befragung

Über Monate musste ein Achtjähriger abscheuliche sexuelle Perversionen über sich ergehen lassen - von seiner eigenen Mutter und ihrem Freund. Im Prozess gegen das Paar entscheidet sich diese Woche, ob dem Jungen eine Befragung erspart bleibt.

Einmal in der Woche zieht das Grauen ein im Saal 701 des Landgerichts Moabit. Dann verhandelt die 39. Strafkammer einen schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, der an Widerwärtigkeiten nur schwerlich zu überbieten ist. Seit Ende September müssen sich Rosemarie K. (39) und ihr gleichaltriger Lebensgefährte Andrew Mc G. vor den Richtern verantworten. Beide sollen über Monate an dem achtjährigen Sohn der Angeklagten abscheuliche sexuelle Perversionen ausgelebt haben. Darüber hinaus sollen sie sich noch an einer neunjährigen Schulfreundin des Jungen und einer zum Tatzeitpunkt 14-jährigen Nichte der Angeklagten vergangen haben.

Nur schleppend, mitunter bruchstückhaft werden Details der angeklagten Taten bekannt. Doch das, was in der Verhandlung zur Sprache kommt, reicht völlig aus, um bei Prozessbeteiligten und Zuhörern Fassungslosigkeit hervorzurufen. Selbst erfahrene Juristen und Ermittler können ihr Entsetzen oftmals kaum verbergen. Und jetzt droht der schlimmste Teil solcher Verfahren, die Befragung der minderjährigen Opfer. In dieser Woche entscheidet sich, ob die Kinder das Erlittene nochmals durchleben müssen, oder ob es eine Möglichkeit gibt, ihnen diese Tortur zu ersparen.

Fast ein Jahr lang soll der kleine Tom (Name geändert) von seiner Mutter und ihrem Freund missbraucht worden sein. Das Paar habe ihn regelrecht als „Sex-Sklaven“ abgerichtet, heißt es aus Ermittlerkreisen. Der Junge sei angelernt worden, sagt die Staatsanwaltschaft. Die Anklage führt einzelne Fälle auf, in denen sich Rosemarie K. vor einer laufenden Web-Kamera an ihrem Sohn vergangen haben soll. Ihr Partner habe derweil in seiner eigenen Wohnung oder auf seinen Touren als Fernfahrer vor dem Computer das Geschehen „live“ verfolgt und Anweisungen gegeben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Sowohl Tom wie auch die beiden anderen mutmaßlichen Opfer seien mit Medikamenten ruhig gestellt und gefügig gemacht worden, heißt es in der Anklageschrift.

Mehr als 60 Fälle von Vergewaltigungen und Missbrauch hat die Anklagebehörde aufgelistet. Einer schlimmer als der andere und alle sorgfältig protokolliert mit Fotos und Filmen, die die Polizei im März in den Wohnungen der Angeklagten sicherstellte. Womöglich wäre das Martyrium des kleinen Tom noch weiter gegangen, hätte Andrew Mc G. nicht ein Verhältnis mit einer weiteren Frau begonnen. Die entdeckte Fotos und Filme auf dem Handy ihres Geliebten und ging zur Polizei. Welche Abscheulichkeiten die Bilder wiedergeben, davon vermittelt die am zweiten Verhandlungstag erfolgte Befragung der Kriminalbeamtin, die das Material auswertete, einen Eindruck. Mehrfach bricht die erfahrene und mit Sexualdelikten vertraute Ermittlerin bei ihren Schilderungen in Tränen aus. Ein weiterer mit dem Fall befasster Ermittler beschreibt seine Gefühle, als er die Filme sah und dazu die piepsige Kinderstimme des kleinen Tom vernahm.

Beamtin ringt um Fassung

Rosemarie K. und Andrew Mc G. folgen den Schilderungen der sichtlich um Fassung bemühten Kriminalbeamten schweigend. Ob ihnen irgendeine Regung anzumerken ist, lässt sich nicht sagen. Rosemarie K. sitzt an jedem Verhandlungstag tief geduckt auf der Anklagebank, ist dadurch hinter der Holzumrandung kaum zu sehen. Andrew Mc G. sitzt aufrecht, verbirgt sein Gesicht aber unter einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze.

Am Dienstag vergangener Woche hat Rosemarie eine kurze, von ihr verfasste Erklärung durch ihren Verteidiger verlesen lassen. „Ich gestehe alles“, so beginnt die Erklärung. Was folgt, sind Worte des Bedauerns über das Geschehene. Und der Hinweis, weitere Erklärungen werde sie in der Hauptverhandlung nicht abgeben. Ein umfassendes Geständnis, das den mutmaßlich missbrauchten Kindern eine Aussage ersparen würde, ist das nach Ansicht von Prozessbeobachtern keineswegs.

Aber es ist das gute Recht jedes Angeklagten zu schweigen. Die Opfer hingegen haben dieses Recht nicht. Nach den Regeln eines Strafverfahrens sind sie in erster Linie Zeugen und somit zur Aussage verpflichtet. Das gilt nicht nur für die drei Kinder. Die Mütter der beiden Mädchen, die neben Tom ebenfalls missbraucht worden sein sollen, folgen dem Prozess schweigend und mit versteinerten Gesichtern. Die beiden Frauen kennen die Regeln eines laufenden Verfahrens, beide halten sich von den Medienvertretern fern und geben keine Erklärungen ab.

Aus ihrem Umfeld heißt es allerdings, sie litten unter der Situation. Beide Mütter müssen davon ausgehen, dass ihre Kinder missbraucht wurden. Was genau den Mädchen passiert ist, wissen sie nicht. Und ob und welche psychischen Folgen sich bei den kleinen Opfern noch einstellen werden, auch nicht.

Welche Folgen die angeklagten Taten für Rosemarie K. und Andrew Mc G. haben werden, wird nicht unwesentlich von der Einschätzung eines Gutachters abhängen. Der soll prüfen, ob bei den Angeklagten ein Hang zu schweren Straftaten vorliegt. Sollte er dies bejahen, droht beiden Angeklagten im Falle eines Schuldspruches die anschließende Sicherungsverwahrung. Rosemarie K. wäre in Berlin die erste Frau, bei der diese Maßnahme verhängt wird.