Kinderschutz

Meldesystem überfordert die Jugendämter

Wer sein Kind nicht zur medizinischen Vorsorge bringt, erhält eine Mahnung vom Jugendamt. Doch die bleibt ohne Konsequenz. Auch angedrohte Hausbesuche werden selten durchgeführt. Die Ämter scheinen von ihren eigenen Vorhaben total überfordert.

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Eines der ambitioniertesten Vorhaben zur Verbesserung des Kinderschutzes droht einem unüberschaubaren Verwaltungsaufwand zum Opfer zu fallen. Seit Ende Oktober sollen Eltern, die einen Vorsorgetermin ihrer Kinder beim Kinderarzt versäumt haben, gemahnt werden. Wer trotz Aufforderung nicht beim Arzt erscheint, soll einen Hausbesuch erhalten. Auf diese Weise sollen Vernachlässigungen oder Misshandlungen früher erkannt werden. So weit die Theorie.

In der Praxis werden Tausende Briefe monatlich von den Gesundheitsämtern der Bezirke verschickt, die zumeist überflüssig sind oder folgenlos bleiben. Zu Hausbesuchen kommt es fast nie, obwohl jeder Bezirk eigens dafür eine zusätzliche Stelle für eine Hebamme oder einen Sozialarbeiter erhalten hat.

Im Bezirk Neukölln etwa musste das Gesundheitsamt zwischen November und Januar in 500 Fällen nachhaken. Vernachlässigung lag selten vor. In 98 Prozent der Fälle handelte es sich um Fehlmeldungen. „Die Familien waren längst bei der Vorsorgeuntersuchung gewesen oder der Termin stand unmittelbar bevor“, sagt Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU). Der Aufwand für das sogenannte verbindliche Einladungswesen sei enorm, der Nutzen bisher kaum erkennbar. Zudem könne im Ernstfall ein Arztbesuch gar nicht erzwungen werden. Nicht einmal der Haubesuch könne gegen die Weigerung der Eltern durchgesetzt werden, so Stadtrat Falko Liecke.

Kompliziertes Meldeverfahren

Das Meldeverfahren ist kompliziert. Die Eltern erhalten nach der Geburt für jede Vorsorgeuntersuchung einen Aufkleber mit einem Strichcode, der beim jeweiligen Arztbesuch eingelesen wird. Die Meldung über den absolvierten Arztbesuch geht so in der Zentralstelle der Charité ein, wo die Daten mit einem Register, in dem die verschlüsselten Angaben aller Kinder gespeichert sind, abgeglichen werden. Ist ein Kind bis kurz vor Ablauf der vorgesehenen Frist nicht beim Arzt erschienen, geht eine Meldung an das Bezirksamt, das dann tätig werden soll. Insgesamt neun Untersuchungen sind von Geburt an bis zum sechsten Lebensjahr vorgesehen.

In Reinickendorf wurden von der Charité innerhalb von drei Monaten mehr als 560 säumige Eltern gemeldet. Um die Briefe an die Familien zu schicken, mussten im Bezirksamt zusätzliche Verwaltungskräfte abgeordnet werden. Fast in allen Fällen habe sich die Mahnung als überflüssig erwiesen, so Amtsleiterin Margit Engelmann-Renner. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Charité bereits zwei Wochen vor Ablauf der Frist die säumigen Familien weitermeldet, so die Amtsärztin. Viele würden aber erst zum Ende des vorgeschriebenen Zeitraums zur Untersuchung gehen. „Das ist sogar ratsam, denn dann sind die Kinder in ihrer Entwicklung schon weiter“, sagt die Ärztin. Nur etwa zehn Eltern hatten den Termin tatsächlich versäumt, ihn jedoch schnell nachgeholt. Das Problem sei, dass viele Eltern wütend reagieren, wenn sie zu Unrecht gemahnt werden.

Auch Martina Schmiedhofer, Gesundheitsstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf (Grüne), beschreibt das derzeitige Meldeverfahren als eher kontraproduktiv. Allein im Januar haben 255 Familien die Aufforderung erhalten, sich wegen einer versäumten Arzt-Untersuchung beim Amt zu melden. Seit November waren es 537 Fälle, doch nur zwei Mal kam es tatsächlich zu einem Hausbesuch. Eine Kindesvernachlässigung habe nicht vorgelegen.

Die Eltern würden sich kontrolliert und gemaßregelt fühlen, dabei sei es eigentlich Anliegen des Gesundheitsamtes, Vertrauen zu schaffen, sagt Martina Schmiedhofer. „Das Amt hat zwar eine zusätzliche Stelle bekommen, doch die Fachkraft könnte viel effektiver eingesetzt werden“, sagt Stadträtin Schmiedhofer. Nützlicher für den Kinderschutz seien beispielsweise die sogenannten Erst-Hausbesuche. In Charlottenburg-Wilmersdorf können derzeit 60 Prozent der Eltern mit einem neugeborenen Kind vom Gesundheitsamt besucht werden. Schmiedhofer rät, das Einladungswesen zu überdenken. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. „Wir sind mit der bisherigen Arbeit zufrieden. Es hat sich gezeigt, dass ein Großteil der Berliner Eltern die Untersuchungen erst am Ende des Unterzeitraums wahrnehmen“, verlautet es aus Lompschers Verwaltung.

Etwa 75 Prozent der Eltern nehmen derzeit an allen Früherkennungsuntersuchungen der Kinder teil. Dabei nimmt die Quote mit zunehmendem Alter der Kinder ab. Wenn alle Eltern die Fristen für die Arztbesuche einhalten würden, gebe es in Berlin nach Angaben der Zentralstelle der Charité etwa 4000 Untersuchungen wöchentlich. Die Eltern können aber nicht zum Arztbesuch gezwungen werden.

Häufig fehlt Personal für Kontrollen

Eine andere Maßnahme, um Kindermisshandlungen und –vernachlässigungen zu verhindern, ist das vom Berliner Senat im Februar 2007 beschlossenen Konzept für das „Netzwerk Kinderschutz“. Zentraler Teil des Vorhabens ist eine berlinweite Hotline (G.610.066) unter der Vernachlässigungen und Misshandlungen gemeldet werden können. Außerdem soll ein Frühwarnsystem gefährdeten Kindern helfen, indem bestimmte Eltern rechtzeitig Hilfsangebote erhalten.

Zu dieser „Risikogruppe“ gehören beispielsweise junge alleinstehende Mütter, kinderreiche Familien und Familien, in denen es Drogensüchtige oder psychisch Kranke gibt. Sollten Anhaltspunkte für die Gefährdung eines Kindes vorliegen, wird unverzüglich ein Sozialarbeiter beauftragt, einen Hausbesuch durchzuführen. Im vergangenen Jahr wurde vom Kinderschutzbund Berlin jedoch Kritik laut: Das „Netzwerk Kinderschutz“ würde nicht richtig funktionieren. So werden in Bezirken mit besonders großer Kinderarmut wie in Neukölln längst nicht alle Eltern mit Neugeborenen besucht. Häufig fehlt dafür das Personal.