Medizinstudium

Charité lässt Erstsemester früh auf Patienten los

| Lesedauer: 8 Minuten
Birgit Haas

In Zusammenarbeit mit den Studenten hat die Charité ihren Medizinstudiengang überarbeitet. Die angehenden Ärzte lernen von diesem Semester an direkt am Patienten und starten somit eher in die Praxis als die meisten Kommilitonen in Deutschland.

Heute fühlt sich die Charité-Patientin Ursula Heidekrüger schon viel besser. Das sagt die 71-jährige, weißhaarige Dame den beiden jungen Frauen in den weißen Kitteln sofort, als die ins Krankenzimmer kommen. „Es war wirklich gut, dass vor die Galle eine neue Gefäßstütze eingebaut wurde.“

Trotzdem lassen es sich Cornelia Knaak (19) und Annekathrin Baron (20) nicht nehmen, Ursula Heidekrüger ausführlich zu untersuchen. Cornelia Knaak leuchtet der weißhaarigen Dame in die Augen, testet ihre Reflexe. Annekathrin Baron tastet den Hals nach geschwollenen Lymphknoten ab, wird fündig. Das Symptom protokolliert sie fein säuberlich auf ihrem Klemmbrett.

Dass Ursula Heidekrüger eine ziemlich gelbe Gesichtsfarbe hat, fällt den beiden nicht sofort auf. Bei einem Arzt wäre das Versäumnis ein eklatanter Fehler, da der Teint eines Patienten auf einige Krankheiten schließen lässt. Doch Cornelia Knaak und Annekathrin Baron darf das noch passieren. Schließlich sind die Medizinstudentinnen im ersten Semester, ganz am Anfang ihrer Ausbildung.

Dennoch ist die Situation ungewöhnlich. Im derzeit an den Universitätskliniken üblichen Studium dürfen die Teilnehmer erst nach vier Jahren einen Patienten untersuchen. Anders an der Charité, dem Universitätsklinikum der Freien Universität und der Humboldt-Universität. Die beiden Frauen in Weiß und ihre Kommilitonen sind nämlich im reformierten Studiengang Medizin, der Ende vergangenes Jahr gestartet ist.

Ärzte mit klinischem Blick

Die mehr als 300 jungen Studenten im neuen Studiengang der Charité durften schon zwei Wochen nach Semesterbeginn im Oktober mit ihren Professoren auf Station gehen. Natürlich drängen sich nicht alle Studierenden auf einmal um die Patienten. Die Studenten sind in achtköpfigen Gruppen unterwegs. „Wir wollen damit Ärzte ausbilden, die neben dem wissenschaftlichen Blick auch einen klinischen vermittelt bekommen“, sagt der Studienkoordinator Professor Harm Peters. Der examinierte Nachwuchs habe beim Berufseinstieg wesentlich mehr praktische Erfahrung als Studenten aus dem Regelstudiengang.

Die Charité ist seit der Fusion der universitätsklinischen Fakultäten von Freier Universität und Humboldt-Universität in den 90er-Jahren dabei, ihr Medizinstudium zu verbessern – in Zusammenarbeit mit den Studenten. „Die haben oft eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ihr Studium bestenfalls gestaltet ist. Und wir arbeiten auf Augenhöhe mit ihnen zusammen“, so Harm Peters. Gerade bei der Entwicklung des Modellstudiengangs sei man mehrmals wöchentlich zusammengesessen. Und es wird kontinuierlich nachjustiert, Änderungen, die sich nicht als sinnvoll erweisen, werden gegebenenfalls zurückgenommen.

Rebeka Major ist heute noch, vier Monate nach Beginn ihres Studiums, aufgeregt, wenn sie zu einem Patienten geht. „Ich will mich richtig verhalten, niemanden unnötig beunruhigen“, sagt die 19-Jährige. So nervös, wie vor dem ersten Patientenbesuch sei sie aber nicht mehr. Fieber gemessen habe sie damals. „Und ich wollte dabei professionell rüberkommen“. Da haben ihr richtig die Hände gezittert, geklappt habe es dann aber doch. Schließlich hat Rebeka Major die richtigen Handgriffe vor dem Patientenkontakt beigebracht bekommen. „Natürlich schicken wir die Studenten nicht unvorbereitet zu den Kranken“, sagt Harm Peters.

Heute hat der Dozent Dr. Carsten Büning den Studenten vor dem Besuch auf der Station für Innere Medizin während der einstündigen Vorbereitung erklärt, wie die Nachwuchsärzte Kopf und Hals untersuchen. Grundlegend sei das Werkzeug, Spatel und Lämpchen müssen immer parat sein. Dann: „Der erste Blick des Arztes geht ins Gesicht, denn darüber lässt sich viel erkennen“, führt Büning aus. Zum Beispiel, ob hier ein Notfall vorliege. Deshalb solle man sich einen Patienten immer anschauen, auch wenn es in der Nacht ist. „Nie nur aus Berichten auf dessen Zustand schließen“, schärft Büning seinen Schützlingen ein.

Rebeka Major beteiligt sich rege, als Carsten Büning Fragen stellt. Was bedeuten blau angelaufene Lippen? Wie riecht ein Patient aus dem Mund, wenn er Diabetes hat? Was bedeutet eine belegte Zunge? „Sehr rote Zungen lassen auf Scharlach schließen“, antwortet die 19-jährige Studentin. Korrekt, Carsten Büning nickt zustimmend.

Nach dem Wissensteil üben die Studenten an sich selbst. Trockenübung für den Ernstfall beim Patienten. Rebeka Major schließt sich mit ihrem Sitznachbarn Jeffrey Siefert zusammen und versucht dessen Lymphknoten unterhalb des Kiefers zu ertasten. „Nichts“, stellt sie beunruhigt fest und versucht es gleich noch mal. Sie drückt fest, Jeffrey Siefert stöhnt. „Ne, ich finde da keine Knoten.“ Ein gutes Zeichen, sagt ihr Carsten Büning. Der 20-jährige Siefert ist gesund. Grund zur Sorge gebe es nur, wenn die Lymphknoten geschwollen sind.

Wer nun annimmt, die Studenten müssten nicht – wie ihre Kommilitonen aus dem Regelstudiengang – büffeln, anatomische Begriffe und lateinische Krankheitsbegriffe pauken – liegt falsch. Die Praxisseminare finden zusätzlich statt. „Es ist schon eine enorme Belastung, aber ich würde nie im Leben auf die Untersuchungskurse verzichten wollen“, sagt Rebeka Major. Selbst wenn sie vor den demnächst anstehenden Prüfungen auch mal eine Nachtschicht einlegen müsste, um zu lernen.

Allerdings werden auch die klassischen Lerninhalte den Studenten in neuartiger Form vermittelt. In Modulen. Manfred Gross, der Vizedekan der Charité erklärt: „Wir fassen die Themen in Blöcken zusammen.“ So lernten die Studenten beispielsweise in zwei Wochen alles über Stoffwechsel. Im nächsten Block dann alles über die Biologie der Zellen. Und so weiter. Dabei ist der Modellstudiengang nicht von A bis Z durchgeplant. „Wir denken uns jedes Modul von Woche zu Woche gemeinsam aus.“ Der Vorteil dabei ist, dass die Lehrenden mit ihren Konzepten überzeugen müssten. Ein Wettbewerb entsteht, und die Studenten profitieren vom spannenden und problemorientierten Unterricht. Am Ende eines Moduls ist das studentische Urteil gefragt, denn dann wollen die Lehrenden wissen, ob sie auch gut waren.

Patienten um Erlaubnis gefragt

Zudem lernten die Studenten – im Gegensatz zu denjenigen aus dem herkömmlichen Studiengang – den Umgang mit den Patienten. So wird Rebeka Major am Ende ihres Studiums wissen, wie sie Patienten eine schlimme Nachricht, etwa über einen Krebstumor, möglichst schonend beibringt. Obwohl „aus einer schlimmen Nachricht trotzdem keine gute wird“, ist das laut Manfred Gross ein weiterer Vorteil des Modellstudiengangs.

Cornelia Knaak und Annekathrin Baron ist es trotz ihres studentischen Status etwas peinlich, als Carsten Büning sie auf die Hautfärbung der Patientin anspricht. Während die beiden rot werden, zeigt er auf die Innenseite der Augen von Ursula Heidekrüger. „Wunderbar gelb, seht ihr das“, ruft er begeistert aus. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Patientin Probleme mit der Galle habe. Ursula Heidekrüger nimmt alles mit einem Lächeln hin. Natürlich sei sie vorher vom Doktor gefragt worden, ob sie mitmachen will. „Ich helfe den jungen Leuten gern, schließlich sollen mal gute Ärzte aus ihnen werden.“

Doch was haben die Studenten eigentlich von ihrem großen Praxiswissen? Carsten Büning gibt Antwort. „Wenn ich einen Arzt einstellen müsste und die Auswahl zwischen einem Mediziner aus dem Regelstudiengang und einem aus dem Modellstudiengang hätte, dann würde ich mich bei gleich guten Noten für den aus dem Modellstudiengang entscheiden.“ Und zwar weil der die Erfahrung aus dem Klinikalltag schon mitbringen würde.