Mehrgenerationen-Haus

Visionen – Wo Jung und Alt zusammen leben

In der Prignitz soll ein alternatives Wohnprojekt entstehen: Im Mehrgenerationen-haus könnten die Älteren die Kinderbetreuung übernehmen, während sich Jüngere in Wäscherei, Bäckerei und Café engagieren können.

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Süß und fruchtig schmeckt der rubinrote, dickflüssige Likör, den Isolde Westphal aus Brombeeren ansetzt, die sie rund um Kötzlin gesammelt hat. Brombeeren, die für sie nach Spätsommer und Heimat schmecken. Schon jeden habe sie damit „rumgekriegt“, sagt die 69-Jährige. Auch einen potenziellen Investor könne sie damit knacken. Nur kommen müsse endlich einer. Seit mehr als einem Jahr hoffen sie und ihre Mitstreiter, Lebensgefährte Horst Markert und Nachbarin Brigitte Rychlowski, auf den Mann mit dem großen Geld in der Tasche. Um zu finanzieren, was sich Westphal und die zwei Ex-Berliner als Zukunftsmodell für das Ostprignitz-Ruppiner Dörfchen erhoffen. „Wir wünschen uns eine alternative Wohnform für rüstige gesunde Ältere, ebenso wie für Pflegebedürftige. Eine Wohngemeinschaft, in der der Einzelne seinen Alltag eigenständig gestalten kann – und die gleichzeitig neue Arbeitsplätze für Jüngere bietet.“

„Das fängt beim Halten der eigenen Haustiere an, geht über das Unkrautjäten im Kräutergarten und hört beim Kartoffelschälen in der Gemeinschaftsküche auf.“ Vom typischen Altersheim mit Linoleum in den Fluren, künstlichen Pflanzen auf dem Fensterbrett, Einheitsessen zur festgelegten Stunde und verordnetem Basteln hält sie nichts. Sie will mehr. Vor allem für Menschen vom Land. „Stirbt der Partner, bleibt der Überlebende oft überfordert mit Haus und Hof zurück.“ Kaum ein Hinterbliebener könne eine Unterhaltung finanziell oder körperlich allein bewältigen. Die Folge: das Pflegeheim für diejenigen, die gebrechlich sind, und für die Agilen eine Zweizimmerwohnung in der Stadt – was für Angehörige und Freunde meist weite Besuchswege bedeutet. Eine solche Zukunft lehnen Westphal, Markert und Rychlowski ab. Und nicht nur sie. In Kötzlin und Umgebung beobachtet man die Aktivitäten der drei Rentner gespannt. Allein 23 Anfragen auf Wohnplätze kommen aus dem Nachbarort.

Die Interessen von Jung und Alt sollen sich im Wohnmodell wiederfinden. Ältere könnten gelegentlich Kinder aus dem Dorf betreuen und ihre Kenntnisse im Haushalt weitergeben, sagt Westphal. Wäscherei, Friseur, Lebensmittelgeschäft, Bäckerei und Café sind ebenso Bestandteil des Konzepts. „Jobs müssen her, sonst stirbt das Dorf langsam aus, droht das soziale Netz zu zerreißen“, sagt Horst Markert. Vor mehr als zehn Jahren hat der frühere U-Bahnfahrer aus Zehlendorf sein Herz an Kötzlin und Isolde Westphal verloren. Die intakte Dorfstruktur habe ihm den Umzug aufs Land leicht gemacht, sagt der 70-Jährige. Noch zählt der Ortsteil von Kyritz gut 200 Einwohner.

Nicht anders ist auch Brigitte Rychlowski auf Kötzlin aufmerksam geworden. Vor 13 Jahren beschloss die Zehlendorferin, ihrer Sehnsucht nach Natur und Ruhe nachzugeben und Berlin den Rücken zu kehren. „Entscheidend war für mich, dass man auch ohne Auto mobil bleibt. Bei meiner Tour durch Brandenburg mit Bus und Bahn machte Kötzlin das Rennen“, sagt die 69-Jährige.

Der Arzt ist weit entfernt

Wer jedoch gezwungen sei, einen Facharzt aufzusuchen, müsse bis ins fast 50 Kilometer entfernte Neuruppin fahren. „Benzin oder Taxigeld für eine Hin- und Rückstrecke von etwa 100 Kilometern – das läppert sich“, rechnet Rychlowski vor. Der Arzt sollte zur Visite nach Kötzlin kommen, auch das sehen ihre Pläne vor. „Mit der möglichen Zahl von Patienten, die ein Arzt auf einen Schlag in Kötzlin behandeln könnte, wollen wir Mediziner locken“, sagt Rychlowski mit Verweis auf ihre jahrzehntelange Berufserfahrung im sozialen Bereich. „Wir können uns eine Pflegestätte vorstellen, die auf Demenzkranke mit verschiedenen Pflegestufen spezialisiert ist – und die den Einrichtungen in den Nachbarorten wie Wusterhausen oder Neustadt keine Konkurrenz macht. Mindestens zehn Betten für die schweren, bis zu 30 für die leichteren Fälle“, sagt Rychlowski über ihre Pläne. Neben einem Investor gilt es, auch einen Träger zu finden.

Familien oder Ältere, die über ein Leben auf dem Land nachdenken, könnten sich auf Probe in einem eigens dafür vorgesehenen Haus einrichten. Eine Kinderkrippe könnte entstehen, therapeutisches Reiten angeboten werden – dies sind nur einige der Ideen. Den Anstoß lieferte das Projekt „Jung und Alt mit Zukunft“, das die Evangelische Fachhochschule Berlin mit externen Fachleuten vor zwei Jahren in Kyritz initiierte. Gemeinsam mit den Einwohnern wollten die Studenten Modelle entwerfen, um der Überalterung auf dem Land und dem Wegzug entgegenzuwirken. Vorschläge auf dem Papier, die die drei Kötzliner weitergesponnen haben.

Den Standort für das generationsübergreifende Wohnprojekt haben die drei Senioren bereits ausgemacht. Dort, wo 1952 die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft aus dem Boden gestampft wurde, soll Kötzlins Seniorenhaus, eine Reaktion auf die demographische Entwicklung, Formen annehmen.

Größe des Projekts könnte problematisch sein

Das fünf Hektar große Areal der ehemaligen Produktionsgenossenschaft liegt seit der Wende brach. Die Fenster des Verwaltungsgebäudes, in dem Isolde Westphal einst als Buchhalterin arbeitete, sind eingeschlagen. Mannshohes Unkraut hat die Traktorenwerkstatt überwuchert. Vögel brüten in den dachlosen Hallen, das ehemalige Kampfgruppengebäude ist von einer Dornenhecke umschlossen. Nur in der Holzscheune stehen einige Anhänger, gefüllt mit Rüben. Das Gelände ist in Privathand. Der Eigentümer wolle Grundstück und Ruinenlandschaft allerdings günstig abtreten, sagt Westphal, die in seinem Namen Käufer ausfindig machen darf. Noch hat keiner zugeschlagen.

Mögliche Gründe dafür sieht Nora Görke, Kyritzer Vize-Bürgermeisterin (parteilos) und Bauamtsleiterin, in der Größe des Projekts. Dass eine Investition von fünf Millionen Euro, die Westphal veranschlagt, ausreiche, glaubt sie nicht. „Baufreiheit muss geschaffen, der Boden auf Verunreinigungen geprüft werden. Und das ist nur der Anfang“, sagt Görke, die trotz aller Skepsis das Engagement der drei Wagemutigen begrüßt. Mit finanzieller Hilfe könnten Gemeinde und Stadt aber nicht dienen. „Sollte sich allerdings ein Investor finden, können wir Kontakte befördern und mit grünem Licht der Gemeindevertreter sicher schnell einen Bebauungsplan für das Gebiet aufstellen.“