Geschlossener Flughafen

Tempelhof wird zum Feld der Ideen

Heute vor zwei Jahren startete der letzte Flieger vom Zentralflughafen Tempelhof. Seitdem ringen Politik und Bürger um eine neue Nutzung der größten Brache der Stadt. Ein Besuch auf dem Flugfeld der Ideen.

Das einstige Tor zur Freiheit gewährt einen Blick übers Meer. Über ein Meer aus Wiesen und Teer, mit einer Gischt aus Gebüschen und einem Horizont aus Häusern, Schloten und Straßen. Darüber ziehen statt weißer Möwen bunte Papiervögel und schwarze Wolken aus Krähen. Das Meer von Berlin ist kein Meer, sondern ein Flughafen: Tempelhof, kurz THF, einst „Tor zur Freiheit“ zu Mauerzeiten und Berlin-Blockade. Ort der Luftbrücke, damals lebensrettend, bis heute identitätsstiftend für jene Berliner, die sie erlebt haben. Für andere ist der ehemalige Flughafen Ort des Aufbruchs in anderem Sinne: des städtebaulichen Neuanfangs. Und dann gibt es solche, die klagen, THF sei heute nicht mehr als ein Hafen des Stillstands. Ein Symbol für das Versagen der Politik.

Die Fakten: Das Loch in der Stadt misst 380 Hektar Gelände, hat zwei Startbahnen und eines der größten zusammenhängenden Gebäude der Welt, das die Nationalsozialisten in den 30er Jahren bauen ließen. Das Areal war ursprünglich ein Exerzierplatz gewesen am Rande der Stadt. Als der neue Flughafen fertig war, lag er längst mitten drin. Am 30. Oktober 2008, heute vor genau zwei Jahren, hob das letzte Flugzeug hier ab. Seitdem ringt die Stadt, streiten Politiker, Planer und Anwohner um die Zukunft des Tempelhofer Feldes.

Kitesurfen gegen den Stadtkoller

Wer das weite Feld betritt, spürt den Wind, der immer ungebremst pfeift, spürt das Klima, das dort immer etwas kälter, heißer, rauer, trockener oder nebliger ist als im Schutze der Häuser. Wird zurückgeworfen auf die Frage, wie man die große Lücke füllt. Den Himmel herunterholen mit einem Drachen? Ein schneller Lauf über die Startbahn? Oder doch lieber eine selbstgegrillte Bratwurst in der Barbecuezone? Auch Meditation bietet sich an, am Rand der abgesperrten Vogelwiese etwa, wo im Sommer Feldlerchen brüten, wie Schilder fürsorglich verkünden.

Seit Mai 2010 ist das Flugfeld als Park eröffnet. Der Bürger soll die Stadtbrache zurückerobern – wenn auch nur tagsüber und mit vorgeschrieben Bahnen für Skater, Radfahrer und Hunde. Schon bevor der Zaun geöffnet wurde, an dem sich bis 2008 Flugzeugfans sammelten und staunten, gab es Streit. Großveranstaltungen auf dem Flughafen sorgten für Verkehrschaos in den umliegenden Straßen. Demonstranten verlangten die nächtliche Öffnung, kündigten die Eroberung des Geländes à la Kreuzberg an, mit Zelten und Wagenburgen. Die demo-erprobte „Armee der Clowns“ rückte an, die Polizei auch, aus der Besetzung wurde nichts. Nur zwei „Besuchern“ gelang es in der ersten Nacht, den Zaun vom Sommerbad Neukölln zum Flugfeld zu überwinden. Sie wurden erwischt. Seitdem herrscht Frieden.

Die heutigen Besucher kommen mit anderen Absichten. Wie Jürgen Groß aus der Oderstraße, seit Mai ist er täglich mit seinem Hund hier. 30 Jahre lang hörte, sah und spürte er die Flugzeuge hautnah starten und landen, sagt er und deutet von der Hundwiese auf seinen Balkon: „Zweimal haben die Flugzeuge mir den Sonnenschirm zerdetscht“, er lacht, „aber ich war ja selber schuld. Man wusste das ja mit der Druckwelle.

Die Zeit der Druckwellen ist vorbei. Jürgen Groß, heute 68 Jahre alt, hält seinen Hund Teddy fest, fast 30 Jahre hatten sie hier das Gefühl, mittendrin zu sein – am Flughafen, in Berlin, mitten im Leben, in der Welt. „Zentralflughafen“, sagt er stolz und blickt auf das Feld. „Ich finde, auch der Park sollte so heißen: Zentralpark. Und ich finde er gehört mir – und allen Berlinern.“ Teddy schaut sein Herrchen kurz an und verschwindet mit seinen Hundekumpels Richtung Wiesenmitte. Die Hunde haben sich zuerst kennengelernt. Inzwischen sind auch die Herrchen Freunde. Jürgen Groß, Jörg Bethke und Andrea Vrapqani samt Teddy, Buddy und Rocky. Ob sie froh sind, dass der Lärm vorbei ist? Sie zögern. So einfach ist es nicht. Jörg Bethke beginnt zu schwärmen. Wie sie als Kinder die dicken Hercules und Galaxys herunterschrappen sahen, Transportmaschinen des US-Militärs. „Am Tag der offenen Tür durfte man sogar hineinklettern“, Jörg Bethke lacht. Jürgen Groß nickt. Der Flughafen war Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. „An den Lärm hat man sich gewöhnt.“

Jörg Bethke, 40, ist im Rollbergviertel groß geworden, zog später ins bürgerliche Steglitz, „jetzt bin ich zurückgekommen an die Herrmannstraße.“ Nord-Neukölln, sagt er sachlich, profitiere nach dem jahrelangen sozialen Abstieg von der Schließung des Flughafens und auch von seinem neuen Ruf als Szeneviertel. Einerseits. Andererseits seien Mieten gestiegen, „und inzwischen werden selbst heruntergekommene Wohnungen angeboten mit der Bemerkung, es gebe eben genug Interessenten.“

Andrea Vrapqani, 52, die seit zehn Jahren um die Ecke wohnt, zieht einen Plan aus der Tasche, den sie am Infostand des Parks bekommen hat. Darauf sind geplante Neubauten eingezeichnet, orangefarben, wie eine Warnfarbe. Jürgen Groß deutet empört auf die Stelle, wo seine Wohnung liegt. „Wenn die mir da zwei Reihen Häuser vor die Nase bauen, ist es vorbei mit Sonnenuntergang.“ Es klingt halb wütend, halb wehmütig. Flughäfen heißen nicht umsonst Häfen. Sie sind wie diese Orte der Sehnsucht. Und ohne Sehnsuchtsorte ist eine Stadt keine Stadt.

Wer weiter nach innen läuft auf dem Gelände, die Startbahnen entlang, trifft auf noch mehr Sehnsüchtige. Auf Matthias Mücke zum Beispiel, er stammt aus der Schweiz und wird jetzt gleich abheben, so sieht es aus. Die Startbahn Nord flitzt schwarz unter seinen Füßen hinweg, unter seinem Skateboard. Mückes Hände halten die Seile eines Gleitschirms. Bis zu 70 km/h oder schneller, wird er später sagen, könne man beim Kitesurfen werden, „aber das ist viel zu gefährlich“. Mücke, 35, stammt aus den Bergen. Er lächelt wehmütig bei dem Gedanken. Die Platte des Flughafens ist seit Mai sein persönlicher Ort – nicht der Sehnsucht, sondern um selbige zu vertreiben. „Kitesurfen ist gut gegen den Stadtkoller.“ Es erinnere ihn an das Snowboarden in den Bergen. Der Wind surrt und pfeift jetzt weit oben in den Seilen des Schirms wie in der Takelage eines Segelbootes. Es regnet. Mücke steigt auf sein Brett, dreht den Schirm in den Wind und segelt davon – über ein riesiges, weißes X. Das Zeichen sendet seit zwei Jahren eine Nachricht gen Himmel: landen verboten. Tempelhof ist „entwidmet“.

Vor dem Flughafen stehen Grablichter

Es war das Jahr 1996, als THF „ausgeixt“ wurde. Damals beschloss die Stadt, den Flugverkehr auf den neuen Großflughafen zu verlagern, der jetzt in Schönefeld entsteht. Der Streit ging dennoch weiter – und hat bis heute kein Ende. Am Abfertigungsgebäude von Tempelhof verkünden bis heute große Leuchtbuchstaben: „Zentralflughafen“. Die Türen des denkmalgeschützten Gebäudes sind verschlossen. Nur zu Messen und Events werden sie aufgemacht. Zwischen den Türen hängt die Gedenktafel für Lucius Clay: „Ehrenbürger Berlins und Vater der Luftbrücke.“ Dahinter hat jemand eine gelbe Rose geklemmt. Ein weißes Stoffband flattert im Winde, darauf steht mit Filzstift: „Thank you General Clay. Help an safe THF.“ Der General hat nicht mehr erlebt, was aus seinem Flughafen wurde, den die US-Streitkräfte erst 1993 an die Berliner Flughafen-Gesellschaft übergaben.

Die gelbe Rose ist frisch. Hergebracht hat sie die Bürgerinitiative „Be-4-Tempelhof“, die seit 2008 für die Wiedereröffnung des Flughafens kämpft. Rund 100 Aktivisten aus ganz Berlin sind sie, sagt Ines Nagl. Für den heutigen Abend laden sie zur Protestveranstaltung ein: Am Adlerkopf auf dem Flughafen-Vorplatz, wo die Initiative seit zwei Jahren täglich Grablichter aufstellt wie auf einem Friedhof. „Für uns war der 30. Oktober 2008 der schlimmste Tag in der jüngeren Geschichte Berlins“, sagt Ines Nagl. THF, so die Forderung der Initiative, solle Unesco-Weltkulturerbe werden. 2008 war ein Volksbegehren zum generellen Weiterbetrieb gescheitert. „Be-4-Tempelhof“ jedoch streitet für ein eigenes Begehren vor Gericht. Ziel: die Wiedereröffnung als Rettungs- und Ausweichflughafen.

Der Phantomschmerz von Tempelhof: Wer Menschen wie Andreas Weinhold zuhört, ahnt, was die Stilllegung manchen bedeutet. „Ich bin schon als Kind sehr oft auf dem Flughafen gewesen“, sagt Weinhold, er ist 43 Jahre alt. Nach der Wiedereröffnung des Flughafens für die zivile Luftfahrt 1985 machte er hier eine Ausbildung im „Ground Service“ beim Ticketverkauf und Check-In. Weinhold sagt, er komme mehrmals im Jahr, „um Freunden und Bekannten bei Führungen den Flughafen zu zeigen – anders kommt man ja nicht mehr hinein.“ Er wünsche sich, dass der Flughafen zu einem „lebendigen Museum“ wird. „Als Weltkulturerbe könnte man das Gebäude sichern, das momentan vor sich hinrottet. Außerdem würde es die Wiedereröffnung erleichtern.“ Glaubt er wirklich, dass in Tempelhof einst wieder Flugzeugen starten? Weinhold zögert und sagt dann: „Ich weiß, es ist ein Wunschtraum, aber – ja.“

Die Führungen durch das Flughafengebäude bietet die BIM an, die Berliner Immobilienmanagement GmbH. Sie verwaltet und vermietet das Gebäude im Namen des Landes Berlin. Rund 27000 Besucher haben sich seit 2008 das riesige Gebäude angeschaut mit seinen monumentalen Hallen, halbfertigen Treppenhäusern, Tunneln und Bunkern. Die Fremdenführer sind ehemalige Flughafenmitarbeiter.

An einem Montagnachmittag besteht die Besuchergruppe aus zwölf Personen. Was erwarten sie? Alle halten den Atem an, als sie die Dimensionen der sogenannten Ehrenhalle ermessen, die nie fertig wurde. Zwei junge Männer warten ungeduldig auf die Besichtigung des sagenumwobenen „Filmbunkers“, der nach der Besetzung des Flughafens durch die sowjetischen Truppen 1945 ausbrannte. Angeblich lagerte hier ein geheimes Film-Archiv. Ein Neu-Anwohner des Flugfeldes wiederum sagt: „Ich wollte einfach das riesige Gebäude kennenlernen, das ich immer aus meinem Fenster sehe.“

Ein englisches Paar wundert sich über die scheinbar betriebsbereite Schalterhalle, seufzt beim Rundgang über die vielen Treppen und steht schließlich verwirrt im „Ballsaal“ im fünften Stock. Hier haben US-Soldaten Basketball gespielt. Der Fremdenführer lüftet auch das Geheimnis des „Langleybraun“, jenem Farbton, in dem in den 80er-Jahren sämtliche Türen und Wände gestrichen wurden, der für alle militärischen Einrichtungen vorgeschrieben war. Ausgerechnet Braun. „Egal ob Scheißhaus oder Zaun, wir streichen alles Langley-Braun“, sollen die flughafeneigenen Maler gereimt haben. Die Berliner lachen.

Höhepunkt jeder Führung ist das Flughafendach, das höher liegt als die Besuchertribünen auf den Hangars, wo bis zu 100000 Besucher die Flugschauen hätten bestaunen sollen. Es kam nie dazu. Im Süden der Stadt blinzelt das Leuchtfeuer des Flughafens Schönefeld. Im Nordwesten fliegen blinkende Flugzeuge Tegel an. Wer nach oben schaut, sieht auch das Leuchtfeuer des THF. Bis 2008 sandte es seine Lichtstrahlen über Neukölln, Kreuzberg und Tempelhof wie ein Leuchtturm. Es ist erloschen.

Rübezahlgärten statt Flugrekorde

„Was werden Sie jetzt mit dem Flughafen anfangen?“, wollen die Engländer wissen. Die Berliner lachen schon wieder. Zu viele seltsame Vorschläge hat es in der Vergangenheit gegeben. Architekten entwarfen Seenlandschaften und einen 1000 Meter hohen Berg für das Flugfeld. Ein Vorschlag war auch ein Riesen-Bordell. Pläne wie die einer Luxus-Klinik, zu der die Patienten mit dem Flugzeug einschweben sollten, hatte der Senat in der heißen Phase des Kampfes um den Flughafen-Erhalt 2008 abgewiesen. Dann geschah nichts mehr.

Diesen Juli engagierte das Land dann professionelle Visionäre, um dem Mutmaßen ein Ende zu bereiten. Gerhard W. Steindorf, seit sechs Jahren Geschäftsführer des Wissenschafts- und Technologiestandorts Adlershof, hat seitdem zwei Jobs. Er ist zeitgleich Geschäftsführer der Tempelhof Projekt GmbH, die sich zwar noch in der Gründung befindet, aber schon loslegt. Projektentwickler Steindorf, gebürtig aus Frankfurt am Main, ist keiner, der kühne Gedankengebäude aufstapelt, bis der Turm umkippt. Im Gegenteil. Gedanken an „weiße Ritter“ mit genialen Visionen und Taschen voller Geld wischt er beiseite. Als Ende September die ersten Projekte vorgestellt wurden, gab es erstmal Hohn und Spott für die kleinen Ideen: Einradfahren, ein Rübezahlgarten und Kunstprojekte sollen als „Raumpioniere“ den weltweit einmaligen Standort erobern, wo einst Flugrekorde aufgestellt wurden?

Steindorf seufzt, kraust die Stirn, glättet sie wieder und richtet den Blick übers Flughafenvorfeld, auf dem er jetzt steht. „Diese Pioniere sind uns sehr wichtig“, sagt er sehr bestimmt, er hat gelernt, auf unwirsche Fragen professionell zu reagieren. „Als erstes steht doch die Frage: Was braucht die Stadt?“ Hinten im Park steigen wie als Antwort Drachen auf, die Rollbahnen sind gepunktet von Menschen auf Rädern, Rollen und zu Fuß. „Der Park ist binnen kurzem zum Ziel für spontane Sportarten geworden“, schwärmt Steindorf, „Kitesurfen, Skaten, von manchen Sportarten hatte ich vorher nie gehört.“ Genau das, sagt er, sollte die Öffnung des Parks bewirken. Die Pioniere sind der zweite Schritt: „Wir wollen Menschen konstant auf das Flugfeld bringen“, sagt Steindorf, „damit wir sehen, wie sie es annehmen.“

Die Pioniere sind kleine Projekte aus der Nachbarschaft, originelle Dinge, die sich schnell umsetzen lassen. Die Idee, so Steindorf: Funktionieren die kleinen Projekte, werden sich auch die größeren gut entwickeln. 20 Pioniere wurden in einem ersten Verfahren ausgewählt, 200 können es einmal werden, Bewerber sind weiterhin gesucht. „Das ist Stadtentwicklung von unten nach oben“, sagt Steindorf. Der Berliner würde es wohl das Prinzip ‚kleine Brötchen backen' nennen.

Schon im Sommer legten die Planer um Steindorf einen ersten Entwurf für die Bebauung des Freigeländes vor. Wieder gab es Entrüstung. „Keine Wohnhäuser am Columbiadamm und unsere Kleingärten bleiben!“ Der Aufschrei aus Kreuzberg war gewaltig. Jetzt ist nur noch von einem deutlich kleineren Zentrum für Medizin, Sport und Wellness auf dem Flughafengelände die Rede. Kreuzberg ist zufrieden.

Und Kreuzberg ist wichtig, ebenso Nord-Neukölln, für das das Flugfeld eine Chance sei, sagt Steindorf: Kinder können über Projekte wie „Grün macht Schule“ spielend Natur kennenlernen, die Grünfläche sei ein Pluspunkt für Mieter, die sonst eher nicht in Neukölln wohnen wollten. Auch die geplanten Wohnblöcke an der Oderstraße, die Anwohner wie Jürgen Groß erschrecken, sind vom Tisch. „Zumindest in den nächsten zehn Jahren werden sie nicht gebaut“, versichert Steindorf. Geplant sind lediglich kleinere Projekte, in denen es um Lernen und interkulturelle Begegnung der Nachbarn geht.

Am Nordrand des Parks ragen die Minarette der Sehitlik-Moschee empor, dahinter Kirchtürme, es gibt zwei katholische Gemeinden und mehrere evangelische, einen Hindu-Tempel und Buddhisten. In der spirituellen Mitte von all dem wird, vielleicht, ein Shaolin-Kloster stehen. Als Bindeglied einer religiös aufgeladenen Gegend sozusagen. Die grüne Mitte wird ein Park von 240 Hektar sein. „Damit wäre das Tempelhofer Feld immer noch der zweitgrößte Park in Europa nach dem Englischen Garten in München“, wirbt Steindorf. „Die IGA 2017 wird den Park noch einmal adeln.“

Steindorfs Zeigefinger wandert weiter nach Westen. Entlang dem Tempelhofer Damm könnte ein Bildungsquartier mit dem neuen Standort der Zentral- und Landespolitik entstehen. Und im Süden, wo winzige E-Bahnen am Rand des ehemaligen Flughafens entlang kriechen, Autos über den Stadtring flitzen, Fabriken und Brandwände den Himmel säumen: Hier soll sich Gewerbe mit „sauberen“, also umweltfreundlichen Technologien ansiedeln, Steindorf hebt die Stimme: „15.000 bis 17.000 Arbeitsplätze!“, und fügt leiser hinzu: „Natürlich nicht morgen – das ist die Vision.“ Nur eines, sagt Steindorf entschieden, haben sie nicht geplant: neue Parkplätze. Auf dem Plan steht stattdessen ein neuer S-Bahnhof auf der Südseite des Parks.

Über das Vorfeld steuert jetzt ein seltsames Auto, Kameras stehen auf dem Dach, am Lenkrad sitzt blicklos ein Dummy. „Ein selbststeuerndes Auto wird getestet“, der Projektplaner schaut sehr zufrieden. Hier ist die Zukunft schon zu Besuch. „Inspirierende Neuigkeiten, Technologien von Morgen, Produkte, die es heute noch nicht gibt“, seine Worte erinnern an vergangene Zeiten, als Erfinder noch Helden waren, die die Zukunft im Flug eroberten. Auch wenn er sagt, schon 2013 könnten sich die ersten Baukräne auf dem Feld drehen – es gehört wohl vor allem Geduld ins Handgepäck heutiger Visionäre. Bis die Zukunft hier Gegenwart ist, wird es Jahrzehnte brauchen. Als Trost für Ungeduldige hat Steindorf das Flughafengebäude im Plan: eine „Bühne des Neuen“, wo Ausstellungen und Messen wie die Bread & Butter schon jetzt Technik, Trends und Welten von morgen präsentieren. Gerhard Steindorf wirkt nicht, als würde ihn die Aussicht auf die Arbeit der nächsten Jahre schrecken. Eher, als sei er begierig, sich kopfüber hineinzustürzen – in das Meer aus Ideen, das einmal der Flughafen Tempelhof war.