Wirtschaftslage

Wie der Aufschwung in Berlin wirkt

Der Aufschwung ist in der Hauptstadt angekommen: Berlins Mitte vermeldet sinkende Arbeitslosenzahlen und auch strukturell schwächere Bezirke wie Marzahn-Hellersdorf ziehen nach. Überall gibt es langfristig weniger Arbeitslose und damit mehr Kaufkraft.

Mitte, Marzahn-Hellersdorf und Charlottenburg-Wilmersdorf sind die Berliner Bezirke, wo der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt am sichtbarsten ist. Seit 2006 sind dort die Arbeitslosenquoten stärker als im Berliner Durchschnitt zurückgegangen. Insgesamt sank die Quote von 16 Prozent 2006 auf 12,8 Prozent Ende 2010. In allen Bezirken ging der Anteil der Arbeitslosen zurück. Nur in Reinickendorf zeigt sich ein gegenteiliges Bild: Dort lag die Arbeitslosenquote im 2010 höher als vier Jahre zuvor.

Die Volkswirte der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB) haben in einer Studie Zahlen aus der Arbeitslosenstatistik und dem Unternehmensregister zusammengetragen, um zu verorten, wo sich die seit 2005 entfachte Dynamik des Wirtschaftsraumes zeigt. Dabei widerlegen die Autoren ein hartnäckiges Vorurteil, wonach Ausländer häufiger ohne Job seien als der Rest der Bevölkerung. Tatsächlich liegt laut IBB-Studie die Arbeitslosenquote unter den Berliner Ausländern im arbeitsfähigen Alter bei 11,6 Prozent. Bezogen auf alle Erwerbsfähigen waren im Dezember 12,8 Prozent oder 218.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Im Januar 2011 ist die Quote wegen des strengen Winters auf 13,9 Prozent angestiegen.

IBB-Volkswirt Hartmut Mertens hat auch erstmals den Versuch unternommen, den Effekt zu untersuchen, den die Pendler aus Brandenburg für den Berliner Arbeitsmarkt ausmachen. Rechnet man die in Brandenburg lebenden Arbeitnehmern mit Arbeitsplatz in Berlin mit ein, liegt die Arbeitslosenquote von Berlin inklusive der angrenzenden Kreise mit 11,5 Prozent um 1,3 Prozentpunkte unterhalb der Berliner Marke von 12,8 Prozent.

Das ökonomische Herz der Stadt

Besonders positiv unter den Bezirken hat sich die Lage in Mitte entwickelt. Hier lag die Arbeitslosigkeit 2006 bei 22,3 Prozent, seitdem ist sie um 6,7 Prozentpunkte zurückgegangen. Zwei Ursachen haben die Autoren ausgemacht. Zum einen sank die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen, gleichzeitig sorgte der Zuzug von Menschen mit Jobs dafür, dass die Bezugsgröße gewachsen und die Quote folglich gefallen ist. Auch schlägt in Mitte das ökonomische Herz der Stadt: 13 Prozent der Unternehmen sind hier angesiedelt, sie erzielen aber 37 Prozent des Berliner Umsatzes – weil hier die Zentralen großer Unternehmen wie Deutsche Bahn, Vattenfall Europe, BVG oder Vivantes ihren Sitz haben. Deutlich kleiner sind die Firmen in der West-City. Hier arbeiten 16 Prozent der Unternehmen, die aber nur 15 Prozent des Umsatzes beisteuern.

Besonders kleinteilig ist die Wirtschaft im neubürgerlichen Ostbezirk Pankow strukturiert. Elf Prozent der Unternehmen erwirtschaften ganze vier Prozent der Umsätze. Dennoch ist Pankow aber in einer wesentlichen Kategorie Spitze. 194.500 der insgesamt 1,7 Millionen Berliner Erwerbspersonen leben in diesem Bezirk. Das ist doppelt soviel wie in Reinickendorf, Steglitz-Zehlendorf oder Spandau. IBB-Volkswirt Martens sieht hier die Auswirkungen der demografischen Entwicklung in der Stadt: Während nach Pankow besonders viele junge Familien und Singles zugezogen seien, wüchsen in den Westbezirken viele bisher Berufstätige ins Rentenalter hinein. Mit einer Arbeitslosenquote von 10,9 Prozent spielt Pankow inzwischen fast in einer Liga mit Berlins bürgerlichsten Bezirken Steglitz-Zehlendorf (10 Prozent) und Treptow-Köpenick (10,5). Weil auch in Steglitz-Zehlendorf die nicht-erwerbstätige Bevölkerung steigt und die Arbeitslosigkeit annähernd stagniert, könnte der Südwesten bald von dynamischeren Bezirken Pankow oder Tempelhof-Schöneberg überholt werden.

Neue Ansiedlungen

Überraschend ist die Entwicklung des von vielen schon als Elendszone abgeschriebenen Plattenbau-Bezirk Marzahn Hellersdorf. Nur in Mitte ging die Quote der Menschen ohne Job stärker zurück als im Berliner Osten, von 17 Prozent auf noch 11,4 Prozent. Marzahn-Hellersdorf ist zu den Erfolgreichsten aufgeschlossen. „Das hat auch mit einer wirtschaftlichen Dynamik dort zu tun“; sagt Martens und verweist auf Ansiedlungen wie etwa der Solarbranche im Clean-Tech-Park Marzahn.

Auch für die Wohnungswirtschaft wird es Zeit, das Image des Bezirks zu korrigieren. „Marzahn-Hellersdorf ist für junge Familien interessant“, sagte Maren Kern, Vorstand im Verband Berlin Brandenburgischer Wohnungsunternehmen. Es würden wieder mehr Kinder geboren, der Wohnungsleerstand sei seit 2006 von mehr als zehn auf nur noch 6,8 Prozent zurückgegangen. Der Anstieg der Mieten sei mit nur knapp über ein Prozent im Jahr so niedrig wie nirgendwo sonst in der Stadt.