Entschädigung

Berlin braucht keine Almosen von der S-Bahn

Noch im Vorjahr gab es bei der S-Bahn zwei Freifahrt-Monate als Entschuldigung für das Schienenchaos. Diesmal soll es nur ein Gratismonat sein, obwohl die Lage noch schlimmer geworden ist. Die Bahn hat eine große Chance vertan, meint Thomas Fülling.

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Die krisengeplagte Berliner S-Bahn will ihre Stammkunden in diesem Jahr mit Freifahrten für nur einen Monat entschädigen. Das reicht vielen nicht aus.

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Wenn man sich in den letzten zwei Jahren bei der Berliner S-Bahn auf etwas verlassen konnte, dann waren es die bösen Überraschungen. So nun auch am Freitag, als die Bahn-Tochter ihr „Entschuldigungspaket“ vorstellte. Obwohl inzwischen nicht einmal mehr Bahn-Chef Rüdiger Grube eine Prognose wagt, wann der Schnellbahnverkehr in der Bundeshauptstadt wieder auf dem eigentlich vertraglich vereinbarten Niveau rollt, will der Bahnkonzern die leidgeplagten S-Bahn-Nutzer mit Almosen abspeisen. Gerade mal eine Monatsrate will sie ihren treuesten Kunden erstatten. Noch im Vorjahr gab es für die Abonnenten wenigstens zwei Freifahrt-Monate.

Dabei ist das S-Bahn-Angebot seither nicht besser, sondern schlechter geworden. Landespolitiker und Fahrgastvertreter hatten eine Entschädigung mindestens im Umfang des Vorjahres gefordert. Doch der Bahnkonzern zeigte sich davon völlig unbeeindruckt. Trotz der Ankündigung von Bahn-Chef Grube, dass Geld bei der Bewältigung der S-Bahn-Krise keine Rolle spielt, hatten am Ende wieder die Sparfüchse das Sagen. Natürlich ist auch ein Staatsunternehmen verpflichtet, sein Geld beieinander zu behalten.

Doch ignoriert wird, dass nicht die Fahrgäste, sondern einzig und allein die S-Bahn Schuld an den seit zwei Jahren anhaltenden Zugausfällen und Verspätungen hat. Und anders als etwa der Senat kann der Kunde der S-Bahn bei schlechter Leistung nicht einfach Teile des Fahrgelds zurückfordern. Erst bei Verspätungen von mehr als einer Stunde gibt es Anspruch auf Erstattung. Eine Gesetzeslücke, die es auch deshalb gibt, weil es ein Versagen wie das der Berliner S-Bahn in der deutschen Verkehrsgeschichte noch nie gab.

Besonders dreist geht die S-Bahn mit ihren Stammkunden um. Obwohl sie Tag für Tag von den Betriebseinschränkungen betroffen sind, müssen sie auf ihre Entschädigung bis zum Jahresende warten. Erst im November soll es für sie Geld geben. Genau im November waren zuletzt viele Kunden in ein Jahres-Abonnement eingestiegen und die will die S-Bahn offenbar bei der Stange halten. Der Gratismonat ist also eher eine Marketing-Aktion, denn eine glaubhafte Entschuldigungsgeste. Und genau das ist der Punkt: Will die Deutsche Bahn wirklich um Entschuldigung bitten, dann muss sie runter von ihrem Thron. Erwartet werden von ihr keine Almosen, sondern ein ehrliches Bemühen um ihre Kunden. Dazu gehört auch eine den vielen Unannehmlichkeiten angemessene Entschädigung. Zudem muss der Bahnkonzern noch deutlich mehr tun, um die S-Bahn wieder auf Vordermann zu bringen. Das Gefeilsche mit dem Senat um die notwendige Beschaffung neuer Züge lässt da wenig Gutes erwarten.

Die Bahn hat eine große Chance vertan, Vertrauen bei den Berlinern zurückzugewinnen. Der Senat jedoch muss endlich handeln und die dringend nötigen Entscheidungen zur Zukunft der S-Bahn treffen.