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S-Bahn-Entschädigung "ein schlechter Witz"

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Thomas Fülling
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Ärger um S-Bahn-Entschädigung

Die krisengeplagte Berliner S-Bahn will ihre Stammkunden in diesem Jahr mit Freifahrten für nur einen Monat entschädigen. Das reicht vielen nicht aus.

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Empörung über nur ein freies Monatsticket als Entschädigung. Wowereit fordert Nachbesserungen von Bahn-Chef Grube

Wenn es die Absicht der Deutschen Bahn AG gewesen sein sollte, noch einmal möglichst viele in Berlin und Brandenburg so richtig gegen die S-Bahn aufzubringen, dann dürfte dieser Plan voll aufgegangen sein. In einer bislang unbekannten Einigkeit kritisierten Vertreter aller politischen Parteien, aber auch Vertreter der Fahrgäste die am Freitagmorgen von S-Bahn-Chef Peter Buchner vorgestellten Kulanzregelungen, mit denen sich die Bahn-Tochter bei ihren Fahrgästen für die seit gut zwei Jahren andauernden Einschränkungen im Zugverkehr entschuldigen will. Für CDU-Landeschef Frank Henkel ist dieses Entschädigungsangebot „ein schlechter Witz“, der Landesvorsitzende der Berliner SPD, Michael Müller, bezeichnet das Angebot als „völlig unzureichend“ und die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, Claudia Hämmerling, hält es für einfach nur „jämmerlich“.

Bahn tut sich kein Gefallen

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) kündigte an, mit Bahn-Chef Rüdiger Grube über ein besseres Entschädigungsangebot für die Fahrgäste der krisengeplagten Berliner S-Bahn reden zu wollen. „Die Bahn tut sich keinen Gefallen damit, wenn sie beim Thema Entschädigung Vorschläge macht, die nicht dem Gerechtigkeitsempfinden der Bürgerinnen und Bürger entsprechen“, sagte er. Wowereit verwies darauf, dass auch in diesem Jahr bereits wieder viele Fahrten ausgefallen seien und ein Ende der schlechten Leistungen der S-Bahn nicht abzusehen sei.

Bahn-Chef Grube hatte bereits am 10. Januar, als er bei einer Anhörung im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhaus die Berliner um Entschuldigung für das neuerliche Winterchaos bei der S-Bahn bat, auch eine neue Entschädigungsregelung für die von Zugausfällen, Verspätungen und längeren Taktzeiten geplagten Nutzer der Berliner S-Bahn angekündigt. Einzelheiten wollte Grube damals nicht nennen – angeblich wegen noch ausstehender „Abstimmungen mit der BVG“. Der Zeitaufschub war offenbar mit Kalkül gewählt. Die Konzernspitze hoffte offenbar gleich in mehrfacher Hinsicht auf gut Wetter und eine Stabilisierung des S-Bahn-Verkehrs, damit sich die Wogen der Empörung etwas glätten. Und in der Tat sorgten das darauf folgende Tauwetter und inzwischen auch der auf Schleichtempo basierende „Winterfahrplan“ für einen einigermaßen verlässlichen Zugverkehr. Dieser ist zwar immer noch meilenweit vom Normal-Fahrplan entfernt, aber inzwischen redet kaum noch jemand über ein Zugangebot, das es bei der S-Bahn nun schon seit 19Monaten nicht mehr gibt.

Aus Sicht der Bahn-Manager ein trefflicher Zeitpunkt, nun eine Entschädigungsregelung zu präsentieren, die weit hinter der Vorjahresregelung und damit hinter den Erwartungen von Fahrgästen und Politkern zurückbleibt. S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner blieb es vorbehalten, am Freitagmorgen die Details der unpopulären Entscheidung der Konzernspitze zu verkünden. Danach wird es für Stammkunden nur einen Monat kostenloses Fahren geben, im Vorjahr finanzierte die S-Bahn noch zwei Gratis-Monate. Weiterhin können Gelegenheitsfahrer im Mai um 15 Euro ermäßigte Monatstickets kaufen sowie an allen Wochenenden im Februar und zum Berliner Umweltfestival am 5. Juni mit einem Einzelfahrschein den ganzen Tag lang fahren (siehe Info-Kasten). Alle Kulanzregelungen zusammen haben laut S-Bahn ein Gesamtvolumen von 38,5 Millionen Euro. Zusammen mit den „Entschuldigungspaketen“ von 2009 (35 Mio. Euro) und 2010 (70 Mio. Euro) würden sich die Erstattungen der S-Bahn an ihre Fahrgäste auf mehr als 140 Millionen Euro summieren. „Das entspricht knapp der Hälfte der gesamten Fahrgeldeinnahmen, die die S-Bahn im Jahr hat. Ich finde, das ist eine eindrucksvolle Summe“, sagte Buchner. Auf die Frage, warum die Regelung in diesem Jahr dürftiger ausfällt als im Vorjahr, ohne dass sich das Angebot verbessert hat, sagte Buchner: „Das ist eine Geste der Entschuldigung: Das lange Warten auf eisigen Bahnsteigen und die verlorene Zeit lässt sich gerecht überhaupt nicht entschädigen.“ Aus seiner Sicht würde es vielen Kunden auch mehr darauf ankommen, dass es endlich wieder einen vollständigen S-Bahn-Betrieb gibt. „Auch dafür investieren wir ja beträchtliche Summen, hinzu kommen ja noch Millionen-Abzüge durch unsere Besteller“, so Buchner.

Angebot schlechter als im Vorjahr

Die Besteller, also die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg, reagierten indes gleichfalls mit großer Enttäuschung auf die Offerten der S-Bahn. Obwohl sich nichts verbessert habe, bleibe die S-Bahn jetzt sogar noch hinter ihrer Entschädigung vom vergangenen Jahr zurück, kritisierte Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Ein Monat Freifahrt für Zeitkarteninhaber sei „vollkommen ungenügend“. „Das ist zu wenig“, sagte auch ihr brandenburgischer Amtskollege, Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD). Wenn der Bahnkonzern und die S-Bahn verlorenes Vertrauen wieder gewinnen wollten, müssten sie mehr tun als „den Fahrgästen kleine Brocken hinzuwerfen“. Der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, erinnerte daran, dass es der S-Bahn trotz vollmundiger Versprechen im dritten Winter in Folge nicht gelungen sei, ihren Betrieb ohne Chaos und massive Einschränkungen aufrecht zu erhalten. „Der Vertrauensverlust ist jetzt dreimal so groß, die Fahrgäste werden aber mit nur einer halben Entschuldigung abgespeist“, kritisierte Franz. Dies sei kein Entschuldigungs-Paket, höchstens ein Päckchen.

Eine Aufstockung der Entschädigungsleistungen forderte auch der Berliner Fahrgastverband Igeb. „Das Angebot ist auf ganzer Linie enttäuschend und zudem sehr unübersichtlich“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Die Bahn habe offenbar noch immer nicht erkannt, wie groß ihr Vertrauensverlust in Berlin sei.

Allerdings: Alle Forderungen nach Nachbesserung haben nur politisches Gewicht. Anders als beispielsweise im Flugverkehr oder im Fernverkehr der Bahn haben die Reisenden im öffentlichen Nahverkehr keine besonderen gesetzlichen Ansprüche auf Schadenersatz. Die Verkehrsunternehmen können aber entsprechende Leistungen auf freiwilliger Basis anbieten. So geben etwa die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) eine Fahrzeit-Garantie. Danach erhalten Fahrgäste, die 20 Minuten später als im gültigen Fahrplan ausgewiesen ihr Ziel erreichen, einen Gratis-Fahrschein. Passiert Fahrgästen dies in der Nachtzeit zwischen 23 Uhr und 5 Uhr, und ist die Weiterfahrt nur mit dem Taxi möglich, übernimmt die BVG sogar bis zu 25 Euro der Rechnung. Allerdings muss die Verspätung Gründe haben, die von der BVG zu verantworten sind. Wenn es also Blitzeis oder Stau auf den Straßen gibt und der BVG-Bus verspätet sich, besteht der Anspruch nicht.