Nach dem Lettre-Interview

Buschkowsky findet Sarrazin-Sprüche realitätsnah

Obwohl er nicht alle Aussagen von Thilo Sarrazin teilt, käme der Ex-Senator der "Realität nahe", sagt Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Und auch einige Prominente wollen Sarrazin nicht gänzlich verurteilen - im Gegenteil. So äußerten sich Regisseur Schlöndorff und Publizist Broder dezidiert positiv zu der Debatte.

Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin können mit seinen umstrittenen Äußerungen zur Migrationspolitik nach Ansicht des Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky (SPD) weder Volksverhetzung noch Menschenfeindlichkeit unterstellt werden. Im analytischen Teil seiner Ausführungen zur Integrationspolitik komme er den Realitäten sehr nahe, sagte Buschkowsky der "Märkischen Oderzeitung“.

"Wir haben 20 Prozent Migranten in der Gesellschaft, und sie haben nun mal eine deutliche höhere Geburtenrate bei gleichzeitiger Bildungsferne“, sagte Buschkowsky. Dass allerdings 70 Prozent der Türken, wie Sarrazin sage, zur Unterschicht gehörten, sei falsch. Es gebe inzwischen genug Türken, die es mindestens in die Mittelschicht geschafft haben.

Doch jene, „die ihre traditionellen Muster der Herkunftsländer weiterleben wollen, die ihre Familie als Schutzburgen betrachten und Schulpflicht und Erwerbstätigkeit hinten anstellten“, müssten aus diesem System herausgeholt werden. „Wir brauchen Ganztagsschulen, die Kindergartenpflicht und wir müssen die Schulpflicht mit Sanktionen durchsetzen“, forderte Buschkowsky. Aber schon mit dem Wort Sanktionen löse er Attacken der „Gutmenschen-Fraktion“ aus. „Es ist immer noch kein gesellschaftlicher Konsens, dass wir ein Integrationsproblem haben“, sagte er.

Nach Politikern und Verbänden äußerten sich auch Prominente zu dem Interview, das Sarrazin dem Magazin "Lettre International" gegeben hatte. Regisseur Volker Schlöndorff (70) sagte bild.de, Sarrazin habe ihm „aus der Seele“ gesprochen. Als Filmemacher sei er „beeindruckt von den starken Sprüchen“, wird der Oscar-Gewinner („Die Blechtrommel“) von dem Internetportal zitiert. Auch Isa Gräfin von Hardenberg äußerte sich auf bild.de. Zwar bewundere sie Sarrazin dafür, dass er gegen den Strom schwimme, seine jüngsten Äußerungen seien jedoch "etwas übertrieben" gewesen, sagte die Charity-Lady.

Henryk M. Broder unterstützt Sarrazin

Der Publizist Henryk M. Broder unterstützt den früheren Finanzsenator: „Wer ab und zu einen der Berliner 'sozialen Brennpunkte' besucht, deren Einwohner vor allem von 'Transferleistungen' leben, weiß, dass Sarrazin die Wirklichkeit so beschreibt, wie sie ist und nicht, wie sie seit vielen Jahren dargestellt wird“, schrieb Broder auf dem Internetportal evangelisch.de. Es handle sich nicht um „eine multikulturelle Idylle mit kleinen Schönheitsfehlern, die durch sozialtherapeutische Maßnahmen behoben werden kann.“

"Sarrazin hat Recht, man könnte ihm allenfalls vorwerfen, dass er in seiner Analyse nicht weit genug geht“, so Broder: „Es ist der Sozialstaat, der mit den Problemen nicht fertig wird, die er selbst geschaffen hat.“ Wie in den meisten verfahrenen Situationen werde mit Sarrazin auch jetzt der Überbringer einer Botschaft bestraft, anstatt die Situation zu ändern.

Der Touristik-Unternehmer Vural Öger hatte hingegen öffentlich erklärt, die Sprüche seien "beschämend, widerlich und skandalös." TV-Moderatorin Sabine Christiansen sagte bild.de: "Deutliche Worte wollen wir ja auch immer wieder von der Politik hören - diese sicherlich nicht."

Barbara John fordert Rücktritt

Die Vorsitzende des Beirats der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes, Barbara John (CDU), forderte den Rücktritt von Thilo Sarrazin aus dem Vorstand der Bundesbank. „Was er sagt, ist abwertend, niedermachend, destruktiv und ausgrenzend. Nach der allgemeinen Definition, was rassistisch ist, könnte man seine Äußerungen da einordnen“, sagte die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte der "Frankfurter Rundschau“.

Der frühere Berliner Finanzsenator hatte mit einem Interview in der Zeitschrift „Lettre International“ für Empörung gesorgt. Er sagte unter anderem, eine große Zahl von Arabern und Türken in Berlin habe keine produktive Funktion außer für den Obst-und Gemüsehandel, und es werde sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Die Lösung des Problems könne nur heißen: kein Zuzug mehr.

Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband forderte Sarrazin solle sich aus dem Vorstand zurückziehen. Wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ berichtet, warfen die Vorsitzende Heidi Merk und ein dem Paritätischen angehörender Zusammenschluss von über 100 Migrantenorganisationen Sarrazin in einem Brief vor, er habe die „Grenze zu rassistisch und sozialdarwinistischen Äußerungen erreicht, wenn nicht bereits überschritten“. Anhänger neonazistischen Gedankenguts hätten bereits beigepflichtet und „werden sich freuen, dass ihre latent-aggressive und verächtliche Sprache nun auch schon in Vorstandsetagen gedrungen ist“, schreibt die Zeitung unter Berufung auf das Schreiben. Sarrazin sei als Spitzenrepräsentant einer öffentlichen Institution wie der Bundesbank nicht mehr tragbar.

Sarrazin (64) ist seit dem 1. Mai im Bundesbank-Vorstand. Zuvor war der SPD-Politiker sieben Jahre lang Finanzsenator in Berlin.

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