Grüne Woche

Jetzt grasen Alpakas unterm Funkturm

Kühe, Schweine, Schafe: Auf der Grünen Woche lernen die Besucher, woher das Fleisch auf dem Teller stammt. Auch Exoten gibt es zu sehen. Publikumslieblinge sind Alpakas und Elche.

Oskar hat gerade keine Lust. Keine Lust auf die neugierigen Besucher der Grünen Woche, keine Lust auf den Lärm und auch keine Lust aufs Futter. Also präsentiert er dem Messepublikum sein nicht gerade schlankes Hinterteil. Die Umstehenden finden das aber gar nicht so schlimm. Oskar ist nämlich ein Alpaka und deshalb auch von hinten eine Attraktion der Ernährungsmesse.

Mehr als 5000 Tiere werden derzeit unterm Funkturm zur Schau gestellt – unter den Augen der Veterinäre vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, die ihre Haltung kontrollieren. Oskar und sein Kompagnon Balu werden drei Mal täglich spazieren geführt, sie haben Tannen zum Knabbern in ihrem Stall und sind vor der Messe auf Krankheiten untersucht worden. Besonders bei Kindern kommen die beiden gut an, obwohl die neunjährige Lisa die Alpakas „fast ein bisschen zu groß“ findet. Schafe seien noch süßer. Aber natürlich haben die nicht so große Augen und vor allem freuen sie sich nicht so über das Knäckebrot, das die Mädchen ihnen hinhalten.

Was die einen süß finden, erschreckt andere Besucher. „Fühlen sich die Tiere überhaupt wohl hier?“, fragt eine Frau, die neben den Alpakas steht. Markus Maack kann das Wort „Tierquälerei“ nicht mehr hören. Dauernd würden hier die Tierschützer langlaufen und alles kontrollieren, meint der Besitzer des 1200 Kilogramm schweren Bullen Sammy in Halle 25. Die Tierschützer würden wohl nicht wissen, wie und wo manche der Tiere, die auf der Grünen Woche stehen, im Alltag so untergebracht seien. „Da ist nicht immer gleich ein Tierarzt zur Stelle. Und so gutes Futter auch nicht“, sagt Markus Maack. Anders als hier. Sammy steht in einem Holzverschlag, frisches Stroh unter den Hufen, massenhaft Heu im Fresskorb. Und neben den Spaziergängen morgens und abends auf dem Messegelände genießt er vor allem eins: die Nähe von Markus Maack. „Hier kann ich mir ja endlich mal richtig Zeit für ihn nehmen.“ Auf dem Schüttenhof in der Lüneburger Heide gehe das nicht, und Sammy sei außerdem bei seinen „Mädels“ auf der Weide.

Schon wegen seiner ungeheuren Größe ist der Bulle ein Hingucker. Dazu hat der fünfjährige Welsh-Black-Ochse ein wunderschönes Fell – schwarz gelockt und seidig schimmernd. Deshalb wurde er auch im vergangenen Jahr zum bundesweit Schönsten seiner Art gekürt.

Auf die Frage, ob der wenige Platz und die vielen Menschen das riesige Rind nicht nervös oder sogar aggressiv machten, springt Markus Maack auf und geht zu Sammys Box. Freundlich bittet er die Schaulustigen zur Seite, öffnet die Tür zum Verschlag und ruft „Sammy.“ Sammy schwingt den gehörnten Kopf um, schaut, erhebt sich dann und trottet zu seinem Besitzer. Man müsse zwar aufpassen, dass das 24-Zentner-Tier niemandem auf die Füße trete, meint Markus Maack, aber Sammy sei absolut friedlich. Geduldig lässt sich der Bulle von den Umstehenden streicheln und bewundern. Keine Spur von Ungeduld.

Für Nils und Lilly wäre der kleine, quadratische und von allen Seiten einsehbare Mini-Stall von Sammy nicht das Richtige. Die beiden jungen Elche haben deshalb in Halle 26 auf der „Elchfarm“ mehr Platz. Und sogar eine Bretterwand, hinter der sie sich verstecken könnten. Tun sie aber nicht. Die Zwillinge Lilly und Nils liegen im Rindenmulch, haben die Nasen zusammen gesteckt und schlafen. „Elche sind nachtaktive Tiere, heute Abend werden die lebendiger“, sagt Thomas Golz. Aber nicht nur deshalb sind die beiden so entspannt. Thomas Golz, Chef der einzigen Elch- und Rentierfarm Europas außerhalb Schwedens, hat Nils und Lilly seit ihrer Geburt vor acht Monaten auf ihren großen Auftritt bei der Grünen Woche vorbereitet. Hat sie den Gästen seiner Farm vorgestellt, sie an ein Halfter gewöhnt und vor allem an Lärm. „Sonst ginge das gar nicht“, meint er. Ein ausgewachsener Elch mit Geweih würde den Jägerzaun ums Gehege innerhalb einer Nacht zerstören. „Nicht, weil der weg will, der will damit nur spielen.“

Thomas Golz würde es merken, wenn Nils und Lilly nicht mehr wollten, denn unruhige Elche laufen, „immer am Zaun auf und ab“. Für den Fall hat er einen Plan. Nils und Lilly würden sofort abtransportiert und stünden eine Stunde später auf ihrer 15 Hektar großen Koppel der Elch- und Rentierfarm in Schenkenberg bei Prenzlau, bei den anderen acht Elchen.

Elche, die Bananen lieben

Nils und Lilly wachen auf. Sie haben gerochen, dass Thomas Golz ins Gehege gekommen ist und ihr Lieblingsessen in der Hand hält. Bananen. „Gibt es nur zu besonderen Anlässen.“ Golz grinst und streichelt die beiden, die trotz ihrer Jugend schon so groß sind wie ihr 1,90 Meter großer Halter. Sie schlabbern seine Hand mit der Zunge ab, sind zutraulich.

Wenn die Tiere trainiert sind und an Rummel gewöhnt sind, dann geht das. Aber auf der Grünen Woche sind auch andere Tiere zu sehen – welche, die alles dafür geben würden, endlich nach Hause zu kommen. Ein Pferd im Gang vor der Arena scharrt mit den Hufen und klopft an die Holzwand. Eine auf dem Boden liegende Matte hat es schon zerfetzt. „So ist das natürlich nicht in Ordnung“, sagt Anne Albe. Die 22 Jahre alte Geografie-Studentin aus Hellersdorf hat Mitleid mit dem Wallach. Doch der Halter ist weit und breit nicht zu sehen. Den Ferkeln, die sie sich vorher mit ihrem Freund angesehen hat, schien es allerdings gut zu gehen. „Und ich finde es richtig, dass man Tiere hier auf der Messe sieht.“ Damit die Leute mal wissen, woher das Fleisch kommt, das sie sonst im Supermarkt kaufen, ergänzt ihr Freund Pierre Fietz. Die beiden hätten besonders vor dem Gehege mit den „süßen“ Kälbern ganz schön schlucken müssen. Trotzdem wollen sie nicht auf Fleisch verzichten. „Wenn ich Wurst kaufe, dann ist das Tier sowieso schon tot“, meint Anne Albe.

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